Die (Holländische) Gesundung des Krankenversicherungssystems

Der Herbst wird wohl dieses Jahr so sicher kommen wie die inzwischen völlig normale Erhöhung der Krankenkassenprämie. Rezepte um diese Prämiensteuer einzudämmen gibt es zuhauf. Einige wünschen sich eine wettbewerbsfreie Einheitskasse, andere träumen sich das Obligatorium ins Pfefferland.
Gemäss comparis.ch bezahlt eine vierköpfige Familie in Basel, bei der hier zufällig ausgewählten ÖKK, 10‘881.60 Franken für die Grundversicherung im Hausarztmodell pro Jahr, sofern die Eltern je 2‘500 Franchise gebucht haben. Je nach Einkommen bedeutet dieser zusätzliche Zwangsbeitrag eine enorme Belastung.

Die erwähnte Einheitskasse ist im europäischen Ausland in gewissen Staaten eine leidige Praxis. Während in Frankreich der Schuldenberg jährlich um 10 Milliarden Euro wächst, werden in England die Defizite mittels spartanischen Massnahmen eingedämmt. Lange Wartefristen oder 10 – Bett Zimmer sind üblich. Mandelerkrankungen bei Kindern werden erst nach dem siebten Vorfall operativ behandelt (HCP, Handelszeitung). Monopolbetriebe mit Staatsgarantie arbeiten selten wirklich kosteneffizient und patientenfreundlich.

Anders die Situation in Holland. Zwar sind dort auch alle Bewohner des Landes zwangsversichert, allerdings mit einem Maximum an Eigenverantwortung und Marktgefüge, aber ohne den Solidaritätsgedanken ausser Acht zu lassen. Der Wettbewerb beispielsweise bei den Krankenhäusern, die bestmögliche Leistung zu den tiefst möglichen Kosten auszureizen, sorgt für optimale Bedingungen. Die sich konkurrenzierenden Versicherungen arbeiten ebenso kosteneffizient. Solidaritätszuschläge bei den Privatversicherungen helfen beim Ausgleich. Eine wichtige Säule hingegen bildet die Einbindung des Bürgers bei der finanziellen Verantwortung. Dafür gewinnt er auch mehr Einfluss und echte Freiheiten bei der Wahl der gewünschten Versicherung. Die Grundversicherung, bei welcher keine Patienten abgelehnt werden können, beinhaltet ausschliesslich notwenige und sogenannt kurative Leistungen, welche auf Wirksamkeit, Kosteneffizienz und Notwendigkeit hin dauernd überprüft werden. Alles andere ist Privatsache der Versicherten. Der einzige Wehrmutstropfen ist die Rolle der Arbeitgeber, welche für den Gesundheitsfond, welcher ein Risikoausgleichssystem speist, einen Prozentsatz als Arbeitnehmerbeitrag im Sinne einer kostenlosen Inkassostelle an die Steuerbehörde überweist.

Die Frage lautet nun, wie die Patienten in den entsprechenden Ländern ihr Gesundheitssystem beurteilen. Eine Grundlage dazu ist der Euro Health Consumer Index 2012, welcher einen patientenorientierten, leistungsorientierten Vergleich der Gesundheitssysteme von 34 Ländern gegenüber stellt, und somit eine Art Industrie-Standard bedeutet. Holland stellt seit Jahren die Spitze dieser Rangliste dar, während Frankreich mit seiner Einheitskasse auf Platz 8 figuriert, und England beispielsweise erst auf Platz 12 auftaucht. Die Schweiz steht hier auf Platz 7.

In der Schweiz stiegen die Gesundheitskosten binnen 14 Jahre um ca. 70%. Im Jahr 2010 betrugen diese Kosten 62.5 Milliarden Franken und machten somit 11.5 Prozent des BIP aus. Um nun die Schweiz im beschriebenen Konsumentenindex in die obersten Ränge zu befördern, sind nebst der Patienten – Eigenverantwortung folgende Massnahmen essentiell:

  1. Einführung von neuen und altersabhängigen Prämienstufen. Es kann nicht sein, dass junge Erwachsene oder Familien aus Steuergeldern finanzierte Prämienverbilligungen erhalten, nur weil sie in derselben Prämienstufe liegen wie ältere Menschen, welche viel höhere Gesundheitskosten verursachen, und oft auf ein langjährig angelegtes Erspartes zurückgreifen könnten.
  2. Prämienrabatte sollten in Zukunft aufgrund der effektiv ausgewiesenen Kosteneinsparung beruhen, und nicht etwa aufgrund des Versicherungsmodells, welcher immer auf Annahmen beruht. Die Prämienrabatte sollten in Form von einer Überschussbeteiligung erst am Ende eines Jahres verrechnet werden können.
  3. Die Franchise ist ebenfalls altersabhängig zu starr. Während ein älterer Patient naturgemäss eine tiefe Franchise wählt, erhält ein junger Mensch denselben Rabatt bei einer Höchstfranchise. Ältere Patienten sollten mehr Rabatt bei der Prämie erhalten, wenn diese eine hohe Franchise wählen.
  4. Die Franchise, welche jährlich neu gewählt werden kann, mindert die Eigenverantwortung und fördert das Konsumverhalten. Denn beim Erreichen der Schwelle sind alle weiteren Leistungen „gratis“. Somit sollte die Mindestfranchise generell angehoben werden, und nur im Fünfjahresrythmus angepasst werden dürfen. Noch besser wäre eine Mindestfranchise von 2‘500 Franken. In Fällen, bei welchen die finanziellen Möglichkeiten des Patienten ausgeschöpft wären, würde der Staat wie heute einspringen, jedoch ausschliesslich für unmittelbar objektiv messbar wirksame medizinische Leistungen.
  5. Heute werden in jedem Fall administrativ festgelegte Preise bezahlt. Das ist falsch, weil von den jährlichen Mehrkosten 1/3 auf Preiserhöhungen und 2/3 auf Mengenausweitungen zurückzuführen sind. Somit sind Vertragszwang und die hoheitlich administrativ festgesetzten Preise abzuschaffen, und die Möglichkeit zur Verhandlung aufzubauen.
  6. Die Patienten leben heute in einer Vollkaskomentalität. Während schwere Erkrankungen richtigerweise durch die Kasse bezahlt werden, ist in der obligatorischen Versicherung auch die Grippe oder Erkältungen abgedeckt. Es werden somit nicht nur schwerwiegende Fälle bezahlt, sondern eben auch Bagatellfälle. Auch Rauschtrinker oder Drogensüchtige werden vollumfänglich finanziert, der Forderungskatalog ist noch lang. Daher wird die Krankenkasse zum Selbstbedienungsladen, ohne jegliches Bonus-Malus System. Der Leistungskatalog der Grundversicherung soll massiv gestrafft werden, welcher jederzeit mit Privatversicherungen ergänzt werden kann.

Ein weiterer Punkt ist auch das dichte Netz an Spitälern. Während man im benachbarten Ausland bis zum nächsten Spital gut und gerne bis zu einer Stunde unterwegs ist, verlangt der Schweizer ein vollausgerüstetes Spital hinter der Nachbarstüre. Wir im Aargau leisten uns den Luxus zweier Kantonsspitäler, sowie eine Vielzahl regionaler Spitäler, welche beispielsweise oft alle mit teuren MRT Untersuchungsgeräten und Fachspezialisten ausgerüstet sind. Es wäre wohl an der Zeit, Pflegeplätze dezentral zu führen, Spezialabteilungen aber zu zentralisieren.

Somit würden wir uns sicherlich etwas an das Holländische Gesundheitssystem annähern, welches seit 2006 vollumfänglich wettbewerbsorientiert nach Angebot, Nachfrage, Qualität und Kosten orientiert funktioniert. Der Patient würde es integral wie in den Niederlanden mit einer besseren Platzierung im Euro Health Consumer Index bedanken. Die Scheinlösung Einheitskasse hingegen wird uns dafür nicht weiterbringen, weil es sich hierbei um eine Vollendung des heutigen Murkses handeln würde.

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