1. August-Rede von Eschenz

Diese Rede handelt von Einstein, von Cannabis, von facebook und einem verkorksten universitären System.

Sie hätte auch davon handeln sollen, warum Jugendliche des Öfteren einmal über die Stränge schlagen und handelt aber davon dass sich jeder gelegentlich einmal an der eigenen Nase packen sollte.

Wir wissen es: Wer regelmässig Drogen konsumiert, riskiert ein doppelt bis dreimal so grosses Risiko wie Gelegenheitskonsumenten, in Beziehungs- oder Schulprobleme zu geraten. Die Jugendzeit ist eine Zeit der emotionalen Sensibilität, wo die Realität gerne einmal ausgeblendet wird und man dem Peerdruck ungern entgegenstreben möchte. Ab 12 Jahren steigen Alkohol- und Haschischkonsum in den westlichen Gesellschaften an. Der Häufigkeitsgipfel liegt zwischen 18 und 21 Jahre. Alkohol hilft Unsicherheit und Schüchternheit gegenüber Gleichaltrigen zu überwinden und fördert das Knüpfen von Beziehungen. Die Langzeitschäden von übermässigem Rauchen-, Alkohol- oder Cannabiskonsum können aber durchaus verheerend sein.

Wir wissen was das anrichten kann. Und trotzdem stellt sich uns immer wieder dieselbe Frage: Warum tun sie es trotzdem?

Jugendliche wollen explorieren, rebellieren und riskieren. Die Jugendzeit ist in der Tat eine schwierige Phase. Aber ganz ehrlich: War sie das nicht schon immer? Neben Alkohol- und Drogenmissbrauch von Jugendlichen vergisst man schnell, dass diese Zeit eine ganz besondere Zeit ist. Eine Zeit, wo der Vorstellungskraft keine Grenzen gesetzt sind und man vor Energie und Kreativität fast platzt.

So schrieb der junge Goethe im zarten Alter von 24 Jahren sein Meisterwerk „Die Leiden des jungen Werthers“, der Physiker William Bragg erhielt mit 25 Jahren den Nobelpreis in Physik und Mark Zuckerberg gründete als 19 Jähriger Student facebook, was ihn zum (zumindest zweit) jüngsten, lebenden self-made Millionär der Welt machte.

Jugendliche wollen über die Stränge schlagen und probieren gelegentlich einmal gerne eine Zigarette oder Cannabis aus. Cannabis ist eine Droge und Drogen haben die Gefahr abhängig zu machen. Der Konsum und die Probleme verlaufen meist parallel zueinander. Die Droge und die Gewalt die daraus entsteht, kann aber auch eine Reaktion auf das Umfeld, auf die Gesellschaft und auf das System sein.

Die Lust am Risiko und am Ausprobieren ist verhaltensbiologisch nicht falsch, sondern von Mutter Natur so gewollt. Es gibt jungen Menschen die Kraft Neues zu wagen, aus Fehlern zu wachsen und sich von ihrer Kernfamilie lösen zu können um ein eigenes Leben in Anspruch zu nehmen.

Es wird viel von den Jugendlichen erwartet, sie müssen schon mit 13 wissen was sie werden wollen, schlank sein, schön sein und die Eltern alle 15 Minuten anrufen. Jugendliche haben keinen Raum mehr für das Ungewisse. So wird das Leben wie alter Kaffee, schon mit 15 Jahren. Wir brauchen mehr Freiheit. Wobei Freiheit nicht gleich Abschaffung des gesunden Menschenverstandes heist.

Wir leben in einem neoliberalistischen Zeitalter, wo Ökonomisierung, Verwirtschaftlichung und Liberalisierung des Marktes gefordert wird. Es geht um Leistung, Wettbewerbs- und Konkurrenzfähigkeit. Chancengleichheit, Integration und Partizipation ist ein müdes Echo aus der wilden 68er Bewegung.

Bestes Beispiel. Die Universitäten. Studenten streben nach „Credits“, statt nach Wissensinhalten. Wir sind keine Individuen sondern eine Massenproduktion. Wer durch eine Prüfung fällt ist selbst schuld. Anstatt sich über strukturelle Probleme Gedanken zu machen werden den Studenten persönliche Defizite zugeschrieben. Ich bin kein Mensch, sondern eine Zahl – um genau zu sein eine Studentin mit der Nummer s0885007.

Jugendliche leben mit ständigem Druck. Medialer Druck möglichst schön zu sein, Druck der Gleichaltrigen möglichst cool zu sein, Druck der Eltern möglichst gute Leistungen zu bringen – wobei hier eines zu sagen ist: eine Matura ist noch lange keine Garantie für ein gelingendes Leben. Vielleicht wäre aus dem mittelmässigen Juristen ein erstklassiger und vor allem glücklicher Polizist geworden.

Lassen Sie mich Ihnen eines versichern, Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht. Vielleicht sollten wir den Jugendlichen einmal etwas Druck nehmen und stattdessen darauf vertrauen dass sie das Richtige machen. So sagte der Kinderarzt und mein Lieblingsautor Remo Largo: „Die Gesellschaft hat 12 Jahre Zeit ihre Kinder zu erziehen, danach können wir nur hoffe das unsere Erziehung Früchte tragen wird.“

Die Jugendzeit ist nicht nur die Zeit wo Regeln gebrochen werden und Cannabis geraucht wird, sondern auch eine Zeit der höchsten Kreativität.
Die Gesellschaft hat eine Vorbildfunktion für Jugendliche. Wir sollten uns daher immer fragen wie glaubwürdig wir sind. Denn der Mensch lernt in erster Linie nicht durch Worte sondern durch Nachahmung.

Ich weiss nicht ob das alles realistisch klingt und was davon auch in der Zukunft noch Utopie bleibt, aber das macht nichts, denn nicht umsonst sagte Albert Einstein einmal: Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.

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