1. August-Rede von Mönchaltorf

Sehr geehrte Frau Gemeindepräsidentin,
liebe Mönchaltorferinnen und Mönchaltorfer, liebe Gäste, liebe Kinder

Ich habe am 1. August immer ein Kribbeln im Bauch. Nicht wegen der Bratwurst. Auch nicht allein wegen Lampions und Bengalischen Zündhölzli. Heute gehen mir die Höhenfeuer unter die Haut, das 1. August-Abzeichen von Pro Patria, das ich mit Stolz trage, und ich bin nervös auf die Ansprache. Mir bedeutet es etwas, dass es einmal im Jahr ein Fest gibt für die Schweiz. Für das Land, in dem ich gerne lebe. Ein Fest für die Heimat, wo ich herkomme und auch hingehöre.

Warum feiere ich den 1. August zusammen mit Ihnen in Mönchaltorf? Die Antwort ist einfach: Ich freue mich, wenn ich eine solche Einladung bekomme und ich nehme nur eine einzige an. Nämlich die erste, die kommt. Ich warte nicht auf eine andere, um zu vergleichen, welche die bessere sein könnte. Dieses Jahr hat mich schon am 15. Februar Marianne Grunder, die Vizepräsidentin der FDP Mönchaltorf, trotz frostiger Temperaturen und Schneesturm angefragt, ob ich bei dieser 1. August-Feier zu Gast sein will. Ja, das will ich. Ich habe nach meinem simplen Prinzip entschieden. Es war eine einfache Entscheidung. Ob es eine gute war, das wissen wir erst am Ende des Abends. Aber: Auch die einfachsten Entscheidungen müssen getroffen werden.

Unser Alltag ist voller Entscheidungen. Es gibt die kleinen Entscheidungen, was wir anziehen oder essen. Wie und mit wem wir unterwegs sind. Ob wir Sport treiben, ein Instrument spielen, heute Abend Fernseh schauen oder ein Buch lesen. Solch alltägliche Entscheidungen haben selten grosse Auswirkungen.

Es gibt aber auch grosse und wichtige Entscheidungen, die unser Leben prägen und verändern. Zum Beispiel, welchen Beruf wir lernen. Wo wir wohnen. Wen wir heiraten. Wie wir unsere Kinder erziehen. Es gibt Leute, die treffen auch solche Entscheidungen spontan. Andere machen sich lange Gedanken darüber. So oder so: Wichtig ist wahrscheinlich für alle von uns, dass wir solche Entscheidungen wirklich selber treffen können, treffen dürfen. Wir haben den Anspruch, über solche Dinge selber zu entscheiden.

Entscheiden heisst abwägen: Chancen und Risiken. Vor- und Nachteile. Kopf und Herz. Am einfachsten wäre es, wir könnten die Zukunft voraussagen. Ich kann es nicht. Sie wahrscheinlich auch nicht. Und doch entscheiden wir immer wieder.

Kürzlich wurde ich in einem Interview zu meinem Amt als Gesundheitsdirektor gefragt, was ich mache, wenn ich bei einem Entscheid unsicher sei. Ich habe ohne Zögern geantwortet: Das kommt nicht vor. Wenn ich entscheide, dann bin ich der Sache sicher. Dann trage ich auch gerne die Verantwortung dafür. Es ist die Phase vor dem Entscheid, die voll Unsicher-heiten sein kann. Und da nehme ich mir die Zeit zum Abwägen. Ich höre verschiedene Meinungen an und lasse mir unterschiedliche Blickwinkel aufzeigen. Bis ich selber sicher bin, wie ich entscheiden will. Dabei hilft es natürlich, dass ich mit guten Leuten zusammen-arbeite, dass ich mit Expertinnen und Profis zu tun habe. Das bringt mein Amt zum Glück mit sich. Und so ist es auch in vielen anderen Berufen und Unternehmen.

Überall gibt es Profis, die ihr Wissen austauschen. Man analysiert die Vergangenheit, macht Prognosen, schaut, was andere tun, wägt ab. Vieles übernehmen heute sogar Computer für uns. Sie rechnen, erstellen Modelle, simulieren die Wirklichkeit. Unsere Mittel und Ressourcen sind fast unerschöpflich, wir können uns ganz breit abstützen − und dann entscheiden. So funktioniert es oft. Aber nicht immer. Manchmal entscheidet ein Mensch. In einer einzigen Sekunde. Und von dieser Entscheidung hängt ganz viel ab. Zum Beispiel ein Menschenleben. Ganz bewusst und eindrücklich habe ich das diesen Frühling erlebt. Ich war einen Tag lang mit dem 144, den Rettungssanitätern und der Notärztin, unterwegs.

Natürlich ist auch beim 144 nichts einfach dem Zufall überlassen. Die Abläufe sind geregelt, vom Notruf in der Zentrale bis zur Übergabe in der Notfallaufnahme eines Spitals. Die Infrastruktur steht bereit. Die Aufgaben und Kompetenzen jedes Einzelnen sind klar. Die Teams sind eingespielt. Die Zusammenarbeit an den Schnittstellen zu anderen Teams funktioniert Hand in Hand.

Und doch spielt der «Zufall» eben mit, denn den Standard-Notfall gibt es nicht. Der Zeit-punkt ist unverhofft. Die Umgebung immer wieder neu. Kein Patient ist gleich wie der andere. Das fordert individuelle Entscheide. In der Regel müssen sie schnell sein. Aber auch dann, wenn jede Sekunde zählt, ist ruhiges Handeln verlangt. Das ist mir von diesem «144-Tag» so eindrücklich in Erinnerung geblieben: das Spannungsfeld zwischen blitz-schnell entscheiden und gelassen handeln. Dass es Menschen gibt, die sich tagtäglich in diesem Spannungsfeld engagieren, das beeindruckt mich. Für mich sind das mutige Menschen. Sie haben keine Angst vor den Entscheiden, die sie fällen. Entscheide über Leben und Tod. Sie übernehmen Verantwortung. Und sie müssen Kraft schöpfen in der Überzeugung, dass sie das Bestmögliche getan haben, auch wenn es einmal nicht mehr gereicht hat.

Meine Damen und Herren, wie haben Sie es mit dem Entscheiden? Tun Sie es wohl überlegt oder lieber spontan? Sind Sie der Kopf- oder der Herztyp? Entscheiden Sie gern oder über-lassen Sie es lieber anderen? Natürlich ist das Ihre persönliche Angelegenheit. Aber als Politiker interessiert es mich. Denn wir sind alle so privilegiert, dass wir in einem Land leben, in dem wir mitentscheiden dürfen. Wir können wählen und abstimmen. Aber immer weniger tun es. Warum? Zu komplizierte Vorlagen und Themen − das höre ich oft. Kein Interesse. Oder das Vertrauen darauf, dass die, die entscheiden, schon das Richtige tun?

Als Politiker, aber auch als Bürger und Mensch macht mich das immer wieder nachdenklich. Ich habe die Erwartung, dass jede und jeder die Verantwortung für sich selbst trägt, aber auch eine Mitverantwortung fürs Ganze übernimmt. Es ärgert mich, wenn ich höre, wie manche von «denen in Bern» reden, ohne sich selber an der Nase zu nehmen. Wer zu träge ist, Entscheidungen zu treffen, Mitverantwortung zu tragen, der soll sich wenigstens nicht beklagen.

Und was passiert? Ich gerate gerade selber ins Klagen. Das will ich gar nicht. Ich will viel lieber ermuntern. Und heute vor allem feiern. Deshalb sind wir hier und wir haben einen guten Grund dazu. Wir feiern unsere wunderbare Heimat. Ich habe es nicht selber ent-schieden, dass ich hier geboren wurde und hier meine Wurzeln schlagen durfte. Aber ich bin dankbar dafür. Und ich habe entschieden zu bleiben. Weil ich mich wohl und sicher fühle in der Schweiz. Weil ich die Eigenheiten mag und die Vielfalt geniesse.

Ich freue mich, heute all das mit Ihnen hier in Mönchaltorf zu teilen. Danke, dass ich Ihr Gast sein darf. Schön, dass Sie sich entschieden haben, auch hier zu sein. Ich wünsche Ihnen allen einen fröhlichen 1. August!

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