1. August-Rede von Schaffhausen

Als ich vor rund 2 Jahren in Kolumbien war, um an einem Tanz- und Bildungsprojekt mitzuarbeiten, traf ich auf eine Horde spannender Menschen aus der ganzen Welt. Einer davon war Caty, eine rothaarige Amerikanerin, die hier in der abgelegensten Gegend, im Provinzstädtchen Santa Marta, den Sinn des Lebens suchen wollte. Eine grosse Aufgabe für das kleine Städtchen fand ich. Doch schnell freundete ich mich mit der charmanten Amerikanerin an.

Als wir in der ersten Woche meines Aufenthaltes zwischen Schul- und Tanzunterricht einmal etwas Zeit hatten, setzte ich mich zu ihr in den Schatten. Dort erfuhr ich dann, dass sie kein Wort Spanisch verstand, was mich doch etwas stutzig machte, sprach doch kein Mensch Englisch hier in der Gegend. Weil sie die Landessprache nicht verstand, und weil sie mit ihrer hellen Haut, den roten Locken und den Sommersprossen und dem überbordenden Glitzerschmuck so "wahnsinnig" amerikanisch ausschaute, bot ich ihr an, sie zu ihrer Unterkunft zu begleiten nach der Arbeit. Schliesslich befanden wir uns in einer Region, die nicht gerade für den Tourismus gemacht war - und schon gar nicht für rothaarige, hellhäutige mit Schmuck beladene und nicht spanisch verstehende attraktive Amerikanerinnen.

Als wir nach getaner Arbeit wieder einmal vergeblich auf ein Taxi gewartet hatten (die Taxichauffeure getrauen sich nicht in die Favelas von Kolumbien), machten wir uns bei rund 40 Grad zu Fuss auf den Weg. Auf einer schier endlos langen Strasse in der Hoffnung irgendwo auf ein Taxi zu stossen.

Und so kamen wir ins Gespräch.

„Where do you come from? Fragte sie mich in breitem Ami-Slang. „I am from Switzerland“ gab ich in mehr oder weniger gekonntem Schul-Englisch zurück. „Ah, yea I know, Sweden, wonderful“ sagte sie vielwissend. - „Äh aso nein, Switzerland, not Sweden, its not the same“. Nun schaute sie mich doch etwas verwirrt an. Naja macht nichts, dachte ich mir, man kann ja schliesslich nicht alles wissen. – Doch nach einer kurzen Pause hielt sie inne, klatschte in die Hände, dass es Staub aufwirbelte und rief laut aus: I know, King Roger !!!!“ „Genau, zum Glück haben wir Schweizer ja noch Roger Federer, der uns bei sämtlichen Identifikationsproblemen im In- und Ausland hilft.

„I love King Roger“, sagte Caty. –Jja wer nicht! Habt ihr noch mehr solche Stars wie Roger Federer? Wollte sie von mir wissen. Ich überlegte einmal scharf, ob wir neben all der Cervelat Prominenz in der Schweiz noch jemanden haben, der es mit seinem Ruf bis in die USA und bis nach Caty ins südliche Florida geschafft haben könnte, aber beim besten Willen fiel mir keiner ein. Caty musste meine Ungewissheit gespürt haben und fragte weiter lächelnd: "Also weisst du jemand, der euer Land so richtig geprägt hat?" Aber ja doch, natürlich, da war doch einmal der Wilhelm Tell, sagte ich. "Ist er Schauspieler, Sänger, Tänzer?" fragte sie neugierig.

Ein Blick nach vorne zeigte mir, dass wir noch weit entfernt waren von irgendwelcher Zivilisation. Vor uns lag eine scheinbar endlose Strasse, die in der Ferne vor lauter Hitze flimmerte, und um uns war ausgetrocknete und steinige Landschaft und weit und breit kein Fahrzeug in Sicht – so beschloss ich ihr von Wilhelm Tell zu erzählen „Es war einmal ein Mann Namens Wilhelm Tell. Er soll an der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert in der Zentralschweiz gelebt haben und wird in der heutigen Zeit als Freiheitskämpfer und Tyrannenmörder verehrt. Der berühmte Dichter Friedrich Schiller verhalf Wilhelm Tell Ende des 19. Jh. zum Status des Schweizer National-helden.

Die Geschichte der Schweiz als Bund beginnt mit der Sage von Wilhelm Tell und dem Rütlischwur: Die Bewohner von Uri, Schwyz und Unterwalden wurden von den Landvögten der Habsburger tyrannisiert. Drei Männer: Walter von Uri, Werner Stauffacher von Schwyz und Arnold Melchtal aus Unterwalden versammelten sich auf dem Rütli und schworen, dem Vaterland die Freiheit zurück zu erobern. Dem gemeingefährlichen und machtsüchtigen Gessler blieben die Unruhen im Volk nicht verborgen. So kam er auf die Idee, auf dem Hauptplatz von Altdorf eine Stange aufzurichten, auf deren Spitze ein Hut aufgesteckt war: Alle sollten diesem Hut die gleiche Ehre erweisen wie Gessler selbst.

Wer traute sich schon, diesem Befehl nicht Folge zu leisten? Nur Tell weigerte sich. Darauf hin befahl ihm Gessler, weil Tell als guter Armbrustschütze bekannt war, mit einem Pfeil einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Das sollte die Strafe für seinen Ungehorsam sein.

Dies tat Tell dann auch – ohne seinem Sohn nur ein Haar zu krümmen. Gessler aber bemerkte darauf einen zweiten Pfeil in Tells Köcher und fragte ihn, was der zweite Pfeil zu bedeuten habe. Tell erwiderte: "Mit diesem Pfeil durchbohrte ich euch, wenn ich mein Kind getroffen hätte."
Voller Empörung lies Gessler Tell fesseln und auf ein Schiff bringen.

Auf dem See brach aber ein fürchterlicher Sturm aus. Die Ruderer waren in Todesangst und baten den starken Tell um Hilfe. Nahe am Ufer sprang dieser aber plötzlich aus dem Schiff auf eine vorspringende Felsplatte und floh in die Dunkelheit gegen Küssnacht. In einem waldigen Engnis lauerte er Gessler auf und tötete ihn.

Seit dieser Zeit gilt Tell als der Befreier des Schweizer Volkes und als Symbol des Kampfes für Freiheit und Unabhängigkeit unseres Landes.

"Nun, was aber haben King Roger und Wilhelm Tell gemeinsam?" Unterbrach mich Caty nach meiner kleinen Erzählung.

Wilhelm Tell und Roger Federer verbinden mindestens zwei Dinge: Erstens sie sind beide bedeutende Schweizer, und zweitens sie sind beide Väter. Der eine vor mehr als 700 Jahren, der andere heute, brandaktuell.

Ein Kind braucht Vater und Mutter, das steht wohl ausser Frage. Vater und Mutter sollten sich - schlussfolgernd daraus - also beide um ihren Nachwuchs kümmern.

Bis in die 70er Jahre waren die Rollen in den Familien klar verteilt. Die Männer sorgten mit ihrem Einkommen für den Unterhalt der Familie, die Frauen waren Mütter und kümmerten sich um den Haushalt. Heute ist der Mann immer weniger der exklusive Familienernährer, mittlerweile sind drei von vier Frauen ebenfalls berufstätig.

Eine wesentliche Frage des noch jungen 21. Jahrhunderts für die Schweiz lautet: Ist die Gleichwertigkeit der Geschlechter nun erreicht?

Mütter agieren heute zunehmend auch in der Chefetage oder sind zumindest auf dem Weg dorthin, Väter im schwarzen Businessanzug bringen ihren Nachwuchs im Kinderwagen in die KITA.

Aber die Welt der Mädchen ist immer noch rosarot pink, und Prinzessin Lillyfee darf auf keinem Mädchengeburtstag fehlen.

Die Generation Abschlussklasse diskutiert mit den Alpha-Mädchen von heute über Feminismus, aber gut ausgebildete Frauen heiraten ganz traditionell in Weiss. In der Tat, die Gleichwertigkeit der Geschlechter ist noch lange nicht erreicht. Frauen verdienen im Schnitt in der Privatwirtschaft immer noch 18 Prozent weniger für dieselbe Arbeit wie ihre männlichen Kollegen, und Väter verbringen nur rund 20 Minuten pro Tag mit ihren Kindern.

Aber auch Jungs werden in einer neuen, hippen Gesellschaft als das benachteiligte Geschlecht deklariert. Es findet tendenziell eine Verweiblichung der Erziehung statt. Mütter, Kindergärtnerinnen und Primarlehrerinnen sollen den Jungs als Identifikationsfigur ge-genüber stehen, während die Väter weit weg vom täglichen Leben agieren. Die Schule gilt als weibliches Biotop. Jungen wollen sich nicht so entwickeln wie ihre Mütter und können es aber nicht wie ihre Väter. Die einzige Identifikationsfigur ist da Superman....

Jungen sind motorisch aktiver als Mädchen. Körperliches Verhalten wird jedoch heute oft mit Gewalt assoziiert. Allan Guggenbühl hat einmal gesagt: Gewalt hat ein Geschlecht: Es ist männlich!

Was heisst das konkret für die Frage der Gleichberechtig?
Wer steht wem in was nach - und wieso?

Männer haben ihren traditionellen Bildungsvorsprung gegenüber Frauen längst verloren, oder sie wurden gar überholt. Bereits 1995 ist die Quote der Matura gekippt, 2006 gar die Quote an den Universitäten, was bedeutet, dass immer mehr Frauen immer besser ausgebildet sind. 60% sind Mädchen an Gymnasien! Die verantwortlichen Bildungspolitiker versuchen zu beschwichtigen und sehen wenig Grund zur Aufregung oder gar für eine Korrektur. Was aber würde geschehen, wenn 60% der Gymnasiasten Jungen währen? Ein Aufschrei der Empörung würde durch die Medien gehen.

Fakt ist: Den Jungen und den Männern fehlt eine Lobby. Der Feminismus hat sich 40 Jahre lang für die Rechte der Mädchen eingesetzt. Wir haben in der Schweiz zahlreiche Büros, die für die Gleichstellung der Frau arbeiten. Wir Frauen müssen unbedingt weiterhin gestärkt werden was die Ausbildung angeht, aber auch die Rolle des Mannes darf nicht vergessen werden. Väter die zu Hause bleiben und ihrer Frau den Rücken stärken, so wie dies zum Beispiel bei Giaccobo`s und Müllers Fräulein Da Capo zu Hause der Fall ist finden wir öde oder gar komisch. Fordert der Mann bei einer Trennung gleichberechtigtes Sorgerecht für die Kinder findet man auf dem Papier das zwar schön, vielleicht gar utopisch, in der Realität ist es aber eher schwierig durchzusetzen, - halten wir uns doch immer noch an veralteten Bildern fest.

Trotzdem fragt sich das ganze Bildungssystem der Schweiz, warum Jungen immer mehr Mühe haben in der Schule, warum sie rebellieren, protestieren und explorieren. Als ich in meinem letzten Praktikum im Schulpsychologischen Dienst einen 2. Klässler einmal fragte, ob ihm die Schule Spass mache, sagte er voller Überzeugung: Nein, Schule braucht man nicht im Leben, Superman ging auch nie zur Schule!

Würden wir Männer in unserer Gesellschaft mehr unterstützen und ihnen die Hemmungen nehmen, bewusst ihre Rolle als Vater und Miterzieher wahrzunehmen, müsste der Junge sich vielleicht nicht nur mit Superman aus dem Comic identifizieren. Das würde aber auch heissen, dass der Mann vor dem Gesetz in allen Bereichen die selben Rechte wie die Frau haben muss. Auch wenn es um die Erziehung des Kindes geht sollten wir endlich begreifen, dass die Gesellschaft dem Mann eine Chance geben muss Vater zu sein.

Dass der Mann die Chance hätte, mehr Vater zu sein, würde gleichzeitig bedeuten, dass die Frau mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhielte, und nicht weiterhin diskriminiert würde, weil sie eine Frau ist.

Somit schliesst sich der Kreis um die Frage der Gleichberechtigung. Solange Frauen in Berufen diskriminiert werden, weil sie Frauen sind, werden sie sich weiterhin in "weiblichen Territorien" bewegen wie Lehrerin, Kindergärtnerin, Hausfrau und Mutter. Das weibliche Biotop bildet für Jungen nicht genug Raum für Identifikation, und Männer können ihre Rolle als Väter nicht genug wahrnehmen.
Wie schon gesagt, was den Jungen bleibt - ist Superman.

Ich weiss nicht ob das alles realistisch klingt, und was davon auch in der Zukunft Utopie bleibt - aber das macht nichts, denn Albert Einstein sagte nicht umsonst einmal: Phantasie ist wichtiger als Wissen, den Wissen ist begrenzt.

Ich danke Ihnen.

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