1. August-Rede von Bürglen

Liebe Mitbügerinnen und Mitbürger von Bürglen,
Liebe Festgemeinde, meine Damen und Herren,

Es soll, so der Gemeindeammann, eine Tradition sein, dass der Vizepräsident des Grossen Rates jeweils in Bürglen die Ansprache zum Geburtstag unserer erfolgreichen und unverwechselbaren Institution Schweiz hält. Für eine Institution, die, wie die Alltagsaktualität zeigt, auch mit teils Neid oder auch Bewunderung von Aussen betrachtet wird. Es ist mir eine Freude, dass ich diese Tradition fortsetzen darf. Ich hatte ja bereits einen guten Start in mein Vizepräsidiales Jahr, indem ich im Pistolenstand von Bürglen am eidgenössischen Feldschiessen den Kranz geschossen habe. An Bürglen erinnert mich ein weiteres Erlebnis, da in der Mehrzweckhalle 2002 in der Person von Kaspar Schläpfer die Nachfolge für den zurückgetretenen Regierungsrat Hermann Lei bestimmt wurde und ich einer der Kandidaten gewesen bin. Im Weitern hat der ehemalige Schulpräsident Turi Schallenberg seine Karriere in der Gemeinde Aadorf als Jungendarbeiter in unserem Jugendtreff begonnen hat. Da ich selber im 22. Amtsjahr als Gemeindeammann von Aadorf tätig sein darf, weiss ich natürlich auch, was die Gemeinden als die unterste Stufe unseres föderalen Systems bewegt. In meiner Funktion als Kantonsrat stehe ich dann im Sandwich zwischen dem was die Bundespolitik vorgibt und dem, was die Gemeinden möglicherweise zu übernehmen haben, damit der Kanton keine zusätzlichen Auf- und / oder Ausgaben zu übernehmen hat.

Umso schwieriger ist es für den einzelnen Bürger, die Differenzierung zu machen, weil er nicht wirklich weiss oder auch wahrhaben will, warum die Öffentlichkeit schon wieder eine neue Aufgabe zu übernehmen hat oder aufgebrummt bekommt.
An diesem Punkt beginnen meine Gedanken zur heutigen Gesellschaft und den Themen: Eigenverantwortung, Respekt und Wertschätzung.

Alle drei Themen gehören unmittelbar zu einer föderalen und vor allem auch liberalen Gesellschaft und Gemeinschaft. Vergessen oder verlassen wir diese wichtigen und erfolgreichen Eigenschaften und Errungenschaften der vergangenen Jahrhunderte, dann geben wir uns immer mehr in die allzu grossen Hände des Staates und der zunehmenden Verbotskultur und Verbürokratisierung des Alltags. Ich bin mir allerdings auch bewusst, dass nicht alles was die Staatsdiener und insbesondere die Verwaltungen erfinden dem eigenen Ideenreichtum zugeschrieben werden kann. Es ist denn auch erstaunlich, mit wie viel Erfindergeist Organisationen und sonstige Akteure immer wieder etwas zum so genannten Wohlbefinden der Gesellschaft einführen wollen. In der Regel führen diese Erfindungen vor allem zum Abbau der Eigenverantwortung und zu kostentreibenden Vorschriften. Etwas was die Politik in den vergangenen 30- 40 Jahren mit grösstem Erfolg betrieben hat. Immer dann, wenn ein kleines Problemchen einer Minderheit dank den Medien zur Sprache kam, hat die Politik gemeint, sie müsse einschreiten und das Problemchen lösen. Meist wurde daraus ein grosses Problem und die Angelegenheit überreguliert, anstelle, dass es der Gemeinschaft zur Lösung belassen worden wäre. Was jeweils daraus wird, wissen wir mittlerweile.

Jedes Jahr werden auf Bundesebene mehrere hundert Gesetze neu geschaffen oder zumindest den vermeintlichen Problemen der Gesellschaft entsprechend angepasst. Dies wiederum führt zu einer zunehmenden Bevormundung des Einzelnen.

Nehmen sie mal die Vorlage zur rauchfreien Gesellschaft. Vor dem Hintergrund des schädlichen Passivrauchen und einer gesunden Bevölkerung wollen die Initianten eigentlich ein generelles Rauchverbot in jedem Lebensbereich, das nächste ist dann wohl die alkoholfreie Gesellschaft, da kann man nur hoffen, dass niemand auf die Idee einer sexfreien Bevölkerung kommt.

Leider hat noch niemand eine Offensive für wieder mehr gesunden Menschenverstand im Alltag und damit wieder mehr Eigenverantwortung gestartet. Stellen sie sich mal vor, meine Damen und Herren, was wir erreichen könnten, wenn wir der Gesellschaft einiges von dem, was die Politik in den vergangenen 30 Jahre dem mündigen und zukünftig mündigen Bürger weggenommen hat, zurück geben würden. Mit der Förderung zu mehr Eigenverantwortung bin ich überzeugt, würde auch der Respekt und die Wertschätzung gegenüber der Leistung des Andern wiederum gestärkt. Ich denke da zum Beispiel an die unzähligen Frauen und Männer, die sich uneigennützig und freiwillig in Vereinen und dörflichen Organisationen für das Wohl der Dorfgemeinschaft engagieren. Sie alle haben den Respekt und die Wertschätzung der Gemeinschaft verdient. Leider wird gerade auch gegenüber dieser Einsatzleistenden mehr gemotzt als gedankt. Noch mehr fehlt zunehmend der Respekt gegenüber den vielen Frauen und Männern, die sich in den Gemeinderäten, Schulbehörden und Kirchenvorsteherschaften ein- und aussetzen.

Da staune ich immer wieder, für was die Behördenmitglieder und insbesondere die Präsidentinnen und Präsidenten alles verantwortlich sein müssen. Da wird das eigene Unvermögen zum Problem und zur Aufgabe der Behörde gemacht. Ich habe aus meiner Erfahrung mal gesagt, ich komme mir vor, dass ich für jede volle Pampers verantwortlich bin.

Dabei, meine Damen und Herren, stehen wir vor den grössten Herausforderungen der letzten Jahre. Es zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahrzehnte. Immer zu Beginn eines neuen Jahrzehnts wird es enger. Das war Anfang der 70er mit der Ölkrise, Anfang der 80er kränkelte die Wirtschaft, nach dem Höhenflug von Ende der 80er begann Anfangs der 90er der Immobilienmarkt und die Wirtschaft zu kränkeln, mit der Folge von massiv steigenden Arbeitslosenzahlen und Sozialkosten. Die weltweite Schulden- und Finanzkrise und insbesondere das schwächelnde Europa mit ihrem Euro, hinterlässt auch bei uns Spuren. Da ist es umso mehr sehr wichtig, dass wir unsere Hausaufgaben machen, was heisst, wir alle, der Kanton und die Gemeinden sowie Schulgemeinden müssen gemeinsam für einen gesunden Haushalt sorgen. Dazu gehört auch, dass Aufgaben und Ausgaben überdacht werden. Damit schliesst sich der Kreis. Überlassen wir dem Einzelnen mehr Verantwortung für sich und sein Umfeld, lassen wir dem Einzelnen wieder mehr Freiheit mit weniger einschränkenden Vorgaben, dann bin ich überzeugt, könnte auf allen öffentlichen Stufen, ohne dass es Weh tut, eingespart werden. Allerdings geht das nur mit dem Abbau der Neid- und Missgunstpolemik. Die von einigen geforderte Gleichmacherei der Gesellschaft ist dabei kein hilfreiches Rezept.

Meine Damen und Herren, vergessen wir nicht, es geht uns im Gesamten doch recht gut. Wir dürfen uns immer noch an einer Schweiz, einem Kanton Thurgau, an unseren Gemeinden erfreuen, im Wissen, dass wir über ein einzigartiges System verfügen. Ein System, in welchem der Einzelne über viel Gestaltungsspielraum verfügen würde, würde er diesen in Selbstverantwortung auch annehmen und leben. Im Wissen darüber, dass wir über ein feinmaschiges Sozialsystem verfügen, welches kaum jemanden durch die Maschen fallen lässt. Im Wissen, dass wir über ein effizientes Milizsystem verfügen, in welchem sich tausende von Frauen und Männern in Behörden, Vereinen und Organisationen freiwillig und meist ehrenamtlich für die Sache einsetzen.

Wenn wir das alles nicht einfach so als selbstverständlich hinnehmen würden, sondern ab und zu hinschauen und danke sagen würden, dann bin ich überzeugt, dann relativieren sich die Probleme, dann ist die Zeitung alt, bevor wir sie gelesen haben und wir alle sind toleranter, zufriedener und weniger selbstherrlich.

Liebe Festgemeinde, nutzen wir den heutigen 1. August als Beginn einer Hinschauoffensive und sagen wir all denen, die den heutigen Tag organisiert haben oder eben sich in irgendeiner Form für die Gemeinschaft engagieren, wieder einmal danke. Nutzen wir die Herausforderung der kommenden Jahre als Chance und lernen dabei, dass jede Leiter ein Ende hat. Nur wenn wir bereit sind, ähnlich wie beim Velofahren die ultimativ letzte Übersetzung zu sparen, die letzten 2-3 obersten Leitersprossen noch frei zu halten, dann verlieren wir nicht das Augenmass für das Mögliche. In diesem Sinne wünsche ich uns allen viel Augenmass beim Packen der Chance und viel Freude beim Danke sagen.

3 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «1. August-Reden»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production