1. August-Rede von Oensingen

Liebe Oensingerinnen
Liebe Oensinger

Als Gäuer, der einst ins Thal zog, darf ich heute im Gäu die Bundesfeierrede halten. Das ist ja nun nicht gerade eine einfache Aufgabe, wenn man als Fahnenflüchtiger denen, die man verlassen hat, den „Schmuus“ bringen soll. Ich habe mir also gedacht, ich müsse da schon mit einem dicken Kompliment auffahren, will ich reüssieren. Deshalb stelle ich jetzt, gleich zu Beginn meiner Ansprache, eine satte These in den Raum und behaupte: Auch wenn Oensingen nur knapp füneinhalbtausend Einwohner hat, auch wenn der Bahnhof Oensingen trotz Bipperlisi niemals ein bedeutender Eisenbahnknoten wird, auch wenn die Roggenfluh niemals das Matterhorn als Postkartensujet verdrängen wird: Oensingen ist in der Situation, in der sich die Schweiz heute befindet, eine der wichtigsten Ortschaften unseres Landes. Eine der wichtigsten Ortschaften dieses Landes.

Wie aber komme ich zu diesem Kompliment, zu dieser Behauptung? Ich gehe ein bisschen in die Geschichte zurück. Die vorgeburtlichen Wehen unserer Nation waren geprägt durch den Konflikt zwischen katholischen und reformierten Orten. Oensingen, als Teil des katholischen Ortes Solothurn an der Grenze zum reformierten Bern gelegen, befand sich auf der Bruchstelle der alten Eidgenossenschaft. Wir lesen dieser Tage ja viel über eben diese Konflikte. Die alte Eidgenossenschaft kollabierte, die Franzosen drangen ein und wurden wieder zurück gedrängt, Europa gliederte sich neu, es entstand allmählich der Bundesstaat wie wir ihn heute kennen und darin der grosse Konflikt des Kulturkampfs. Der Kanton Solothurn war auch hier ein hart umkämpfter Kanton, Oensingen stand wieder mittendrin in den Konflikten. Gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts kam der thematische Paradigmenwechsel, nicht mehr der Graben zwischen liberalen und konservativen prägte den Alltag, sondern vermehrt jener zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern. Oensingen war mittlerweile nicht mehr ein reines Bauerndorf, sondern war vermehrt durch eben jene Arbeiterschaft geprägt, die in der nahen Klus und in Oensingen selber Arbeit fand. So hat Oensingen auch diesen freundeidgenössischen Grabenkampf ausgetragen. Egal, welche Seite im Geschichtsbuch wir aufschlagen, immer wenn unserem Land drohte, in Stücke gerissen zu werden, lag Oensingen – halt wohl auch wegen seiner Lage – auf der Nahtstelle.

Und wo steht die Schweiz heute und wo steht Oensingen in dieser Schweiz? Die Konfession spielt in der heutigen Gesellschaft kaum mehr eine Rolle. Der Kulturkampf ist beigelegt und wir leben im so genannten sozialen Frieden zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. In Oensingen wurde das letzte Relikt dieser Konflikte wohl 1991 erlegt, als die drei Musikgesellschaften, die Rote, die Schwarze und die Gelbe, zu einer Musikgesellschaft Oensingen fusioniert wurden. Doch auch wenn diese Konflikte der Vergangenheit angehören, von vollständiger Einigkeit ist die Schweiz trotzdem nicht geprägt. Wir erleben heute vor allem eine zentrifugale Kraft, die auf das Gefüge unseres Staaswesens wirkt: Der sich öffnende Graben zwischen Stadt und Land. Wir sehen es bei Abstimmungsresultaten, wir lesen es aus den Statistiken, wir sehen es aber vor allem an den sozialen Realitäten: Es gibt eine ländliche Schweiz und es gibt eine städtische Schweiz. Wir haben hier die städtische Schweiz, in welcher der Wohnraum knapp wird, wo die Schulen multikulturell geprägt sind und Kinder mit ortsfestem Stammbaum eine Ausnahme bilden, wo die Menschen in verdichteten Siedlungen anonym nebeneinander leben und ihre Freizeit in einem selbstgewählten Freundeskreis nach ihrem Gusto verbringen. Wir haben dort die ländliche Schweiz, wo der Bevölkerungssaldo stagniert, wo eigentliche Sippenverbände statt anonyme Wohnsiedlungen die Gemeinschaft bilden und man zwangsweise die vorhandenen Vereine und wenigen Dorfbeizen als Freizeitangebot zu wählen hat. Und wo steht Oensingen? Einmal mehr genau dazwischen. Oensingen ist zweifelsfrei zu klein, um Stadt genannt zur werden. Oensingen ist auch nicht Teil einer Agglomeration. Nein, Oensingen liegt auf dem Land, nach wie vor. Wenn ich nach Oensingen hineinschaue, dann sieht es aber anders aus. Das Wachstum Oensingens ist phänomenal. Es entstehen Wohngebiete, Einkaufszentren, Freizeitangebote wie in einer Stadt. Es ziehen Leute zu, es entstehen neue Betriebe. Es gibt in Oensingen bewirtschaftete Parkplätze, Monatsmarkt und Schulsozialarbeit. Das hört sich alles dann schon sehr städtisch an.

Nun gut, mag dieses Oensingen dann halt irgendwo auf dem Weg von einem Dorf zu einer kleinen Stadt sein. Das macht es doch für die Schweiz noch lange nicht so wichtig, könnte man jetzt sagen. Doch, sage ich, das macht es eben genau wichtig. Denn jene Gemeinden, die auf eben diesem Weg sind, durchleben auch die grossen Herausforderungen unseres Landes.

Die Schweiz und Oensingen machen nämlich durchaus parallele Entwicklungen durch. So wie Oensnigen ein phänomenales Wachstum aufweist, so steht die Schweiz in phänomenaler wirtschaftlicher Stärke da. Europa steck in der Krise, wirtschaftlich wie politisch. Die Staaten sind pleite, brauchen dringend Geld, machen dazu Druck auf die Schweiz. Die Arbeitslosenquoten im Süden der EU und die Wachstumsqoten im Norden der EU lassen nichts Gutes erahnen. Europa durchlebt eine Krise. Die Schweiz hingegen – und das können wir an diesem 1. August gar nicht genug betonen – hat keine Krise. Das Resultat: Das Wirtschaftswunderland Schweiz braucht Arbeitskräfte und zieht auch solche an. Genauso wie Oensingen in einer Wachstumsphase steckt, so steckt die Schweiz in einer Wachstumsphase.

So weit so gut. Doch für Oensingen wie für die Schweiz gilt: Das Hohelied des Wirtschaftswachstums wird immer im Kanon gesungen mit dem Klagelied auf Überfremdung, Landverschleiss und Umweltauswirkungen.

Wir haben diesen Sommer im Parlament hart gerungen um eine Revision des Raumplanungsgesetzes, vermutlich wird auch noch eine Referendumsabstimmung folgen. Ich bin ein vehementer Befürworter dieser Revision, welche Neueinzonungen erschweren und vor allem besser lenken soll. Die Schweiz versteht sich als ländliche Nation, da bin ich mir sicher. Wir müssen aufpassen, dass diese Identität nicht in den Neubaugebieten und Industriezonen untergeht. Oensingen, mit Schnellzughalt und Autobahnausfahrt, macht die Entwicklung mit. Das einstige Strassendorf hat sich längst an der Roggenflanke wortwörtlich ausgebreitet, moderne Neubausiedlungen prägen grosse Flächen des Dorfgebietes und im Südwesten ist bis an die Autobahn eine Industriezone entstanden, welche das einst so wichtige Industrieareal in der Klus flächenmässig bei weitem übertrifft. Doch auch wenn es auf der Ravellenfluh lauter geworden ist und auch wenn das Oensinger Siedlungsgebiet heute sehr viel grösser ist als vor zwanzig Jahren: Ich nehme Oensingen immer noch als Dorf war. Die Schweiz als eben dieses ländliche Nation ist gut beraten, nach Oensingen zu schauen und zu beobachten, wie Oensingen sich seine dörflichen Qualitäten vom Vereinswesen bis zum Naherholungsgebiet erhält, trotz enormem Wachstum.

Der andere Brennpunkt, der mit dem Wirtschaftswachstum einher geht und der noch viel mehr populistische Angriffsfläche bietet als die Raumplanung ist die Überfremdungsthematik. Wenn ich in der Generation gleich unter der meinen über das Verhältnis zu den ausländischen Altersgenossen diskutiere, dann komme ich zum ernüchternden Schluss, dass zu grossen Teilen noch keine Integration, sondern eine Separation der einheimischen und der ausländischen Jugendlichen stattgefunden hat. Das kann sich ändern und muss sich ändern. Es wird sich nicht ändern mit Schlagwortpolemik und mit Sozialromantik. Es wird sich nur ändern mit der Kleinarbeit auf Gemeindeebene, in der Schule, in den Sozialdiensten, im Einbürgerungswesen. Die Kleinarbeit, die man beispielsweise in Oensingen – Ausländeranteil 26.5% - verrichtet. Die Schweiz ist gut beraten, nach Oensingen zu blicken und zu achten, wie diese Kleinarbeit vor sich geht, anstatt mit vermeintlichen Patentrezepten à la Quotenregelungen oder auch Ausschaffungsinitiative den Graben weiter zu öffnen.

Das Ganze klingt jetzt vielleicht etwas sehr nach Pessimismus oder danach, als möchte ich Oensinger Probleme betonen oder sogar gross reden. Das möchte ich auf keinen Fall. Und wenn aus den Reihen der Gemeindepräsidien in der Region diese Oensinger Problemstellungen betont werden, dann schwingt dort immer auch ein bisschen der Neid mit, dass Oensingen halt wirklich ein ganz anderes Wachstum, eine ganz andere Prosperität aufweisen kann als viele andere, umliegende Gemeinden. Nein, Oensingen ist nicht vor allem problembelastet, Oensingen ist vor allem fit für die Zukunft. Genauso wie die Schweiz, um die es an diesem 1. August ja geht. Aber die Schweiz steht vor gewissen Herausforderungen. Diejenigen gegen aussen, die riesig sind und die selber eine mindestens halbstündige Rede wert wären. Und diejenigen gegen Innen, von denen ich jetzt eben gesprochen habe.

Oensingen ist Sinnbild für die Stärke und auch die Schönheit der Schweiz. Oensingen , gelegen auf der Bruchstelle der städtischen und der ländlichen Schweiz, ist aber auch Sinnbild für die Herausforderungen der Schweiz. Als dieses Sinnbild ist Oensingen eben – und jetzt wird es mir hoffentlich auch abgekauft und nicht einfach als plumpe Lobhudelei betrachtet – die wichtigste Ortschaft der Schweiz.

Ich wünsche der politischen Schweiz zu ihrem Geburtstag, dass sie die Wichtigkeit Oensingens erkennt und weiss, wohin sie schauen muss, um den ausgewogenen Weg in die Zukunft zu finden. Ich wünsche Oensingen, dass es dem Dorf weiterhin gelingt, Dorf zu bleiben. Halt einfach eines, das den Komfort und das Dienstleistungsangebot einer Stadt kennt.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen 1. August und alles Gute in ihrem schönen und spannenden Oensingen.

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