1. August-Rede von Roggwil

Sie dürfen stolz sein, liebe Roggwilerinnen, liebe Roggwiler. In den Medien ist Ihre Badi als eine der schönsten bezeichnet worden. Und das im Oberaargau, weit weg von Bern, an der Grenze zum Kanton Luzern, zum Kanton Aargau und zum Kanton Solothurn – mitten in der Schweiz…

Ihre Gemeindeversammlung hat einer Vorlage zugestimmt, diese Badi noch attraktiver zu machen. Dazu gratuliere ich dem Gemeinderat und Ihnen allen ! Das ist mutig und weitsichtig. Ein ganz klein wenig hat auch der Kanton Bern, genauer der Lotteriefonds in meiner Direktion, dazu beigetragen mit einem finanziellen Zustupf.

Sie sehen, Roggwil ist >Bern nicht gleichgültig.

In Ihrer Gemeinde haben sich Menschen eingesetzt für eine gute Sache, ein feines Beispiel !

Ich möchte heute mit ein paar Pinselstrichen auf Werte eingehen, die für mich zentral sind, weil sie das Zusammenleben prägen – oder eben schmerzlich vermisst werden, wenn sie verloren gegangen sind…

Der Erfolg unseres Landes – ohne Rohstoffe – hat viel mit diesen Werten zu tun. Sie haben uns letztlich so weit gebracht.

Toleranz und Respekt

Als Polizeidirektor werde ich oft gefragt, warum die Gewaltschwelle so niedrig geworden sei, warum der Respekt bei vielen Menschen verloren gegangen sei, und was die Polizei denn dagegen mache.
Sie, meine Damen und Herren, machen diese Feststellung sicher gelegentlich auch.

Für mich ist das nicht primär eine Frage von Polizeieinsätzen, es ist vielmehr ein gesellschaftliches Problem, ein Phänomen das sich schleichend entwickelt hat, eigentlich seit den frühen 70-er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Die 68-er Bewegung hat insgesamt viel Positives gebracht, sie hat verkrustete Machtstrukturen aufgebrochen, hat ermöglicht, dass die Medien kritisch hinterfragen dürfen, was Politiker und >Ämter tun und lassen. Das ist natürlich richtig und absolut nötig im demokratischen Staatswesen.

Allerdings wurden in der Folge dann fast alle Autoritäten in Frage gestellt, lächerlich gemacht, abgebaut und ihrer Instrumente beraubt. Das Pendel hat weit ausgeschlagen…

Das Resultat ist für viele Menschen, dass sie keine Grenzen mehr kennen lernen, kaum mehr vor irgend jemandem Respekt haben, keine Leitplanken haben und schlicht nicht wissen, wann >es genug ist.

Sicher kennen Sie das Chanson „Wiu mir Hemmige hei“ – genau das ist vielen Menschen abhanden gekommen, sie haben keine Hemmungen mehr….

Das erleben z.B. Lehrkräfte täglich. Zu viele Kinder haben in dieser Beziehung wenig bis nichts mitbekommen von ihren Eltern. Sie haben nie Grenzen kennen gelernt. Es ist halt einfacher, sie mit einer 20-er Note abzuspeisen….
Dann haben sie Mühe, sich einzuordnen in eine Klassengemeinschaft. Nicht ganz einfach ist es dann, ihnen das Verpasste mitzugeben. Das braucht es aber im Leben dringend.

Auch Polizisten erleben das, täglich, ich könnte Ihnen Geschichten erzählen von meinen Streifenwagenfahrten in den Freitag- und Samstagnächten bis morgens um 0300 Uhr.

Ein anderes Begriffspaar, das einen im Berufs- und im Privatleben weiterbringt, und eng mit Toleranz und Respekt zusammenhängt, heisst:

Anstand und Zurückhaltung

Sehr oft hört man die Bemerkung: „Was bringt das mir ?“ Es ist also bei solchen Menschen offensichtlich, dass sie nichts machen, das nicht sofort für sie persönlich einen >Gewinn abwirft.

Im Tram oder im Zug einer Dame seinen Sitzplatz anzubieten, bringt einem persönlich vielleicht keinen Gewinn – aber es bringt Sympathie.

Von den Engländern könnten wir den schönen Brauch des Schlange-Stehens lernen. Das leidige Drängeln ist gar nicht nötig, jeder kommt ans Ziel, einer nach dem andern….

Oder das Grüssen, es ist auch auf dem Lande stark zurückgegangen, leider. Die Anonymität, auch die Gleichgültigkeit andern gegenüber, hat stark zugenommen in den letzten Jahren. Das mag, oberflächlich betrachtet, eine Bagatelle sein. Für die Gesellschaft ist es m.E. eben nicht egal. Wer den Nächsten kennt, der hat Hemmungen, ihm etwas anzutun…. Sie werden sagen, jetzt spricht der Polizeidirektor. Und Sie haben Recht. Ich weiss eben, wovon ich spreche in einer Zeit, in welcher völlig zufällig Menschen Opfer von Gewaltanwendung werden – auch damit hat Anonymität, im Extremfall, zu tun.

Junge Eltern sind gut beraten, wenn sie ihren Kindern neben Toleranz und Respekt auch Anstand und Zurückhaltung mitgeben. Das wird ihnen helfen, das Leben zu meistern.

Verantwortung

Es hat wohl noch nie eine Zeit gegeben, in der so viele verschiedenartige Beratungsstellen für jedes erdenkliche Problem existiert haben wie heute.
Das mag für viele Menschen und für einige Probleme durchaus willkommen sein.

Trotzdem bleibt die Verantwortung immer beim Einzelnen – trotz aller Expertisen und Beratungen muss jeder schliesslich selber entscheiden und dann die Verantwortung tragen für sein Handeln.

Zudem gibt es heute für alles und jedes eine Versicherung. Darauf kann man sich verlassen, zumindest wenn man die Prämien bezahlt hat.

Im Notfall baut leider mancher dann auf >den Staatausgeschlagene Verlassenschaften im Anzeiger publiziert werden – Verantwortung ? Früher war das ganz anders, man hätte sich geschämt….

Offenbar müssen Menschen diese Haltung lernen. Man ist für sein Tun und für sein Lassen verantwortlich – im Kleinen und im Grossen.
Auch da sind Eltern gefragt, es beginnt im Kleinen zuhause. Wer es dort gelernt hat in der Familie, wird diese Erkenntnis in den meisten Fällen auch später in sich tragen und danach leben.

Leistung und Engagement

Mit grosser Freude stelle ich immer wieder fest, dass junge Menschen, z.B. Lernende, eine hohe Leistungsbereitschaft und ein beträchtliches Engagement an den Tag legen. Sie haben begriffen, dass es eben sehr stark auf den Einzelnen ankommt. Wer sich im Sinne der Sache einsetzt und Ideen entwickelt, kommt weiter.

Natürlich trifft das nicht für alle zu, leider…. Wer es aber kapiert hat, wird feststellen, dass sein Umfeld dankbar und positiv darauf reagiert und diese Einsatzbereitschaft mit Wertschätzung und gezieltem Fördern und Fordern unterstützt.

Das gilt natürlich auch im privaten Bereich, im Freundeskreis, im Verein.
Und es gilt genauso im Bereich der Politik.

Der ehemalige US-Präsident John F. Kennedy hat mal gesagt:
„Frage nicht, was Dein Staat für Dich tut, frage, was Du für den Staat tun kannst.“

Die Gemeinde lebt vom Engagement ihrer Bürgerinnen und Bürger. Viele Völker gäben viel, wenn nur ein Bruchteil der Möglichkeiten, wie sie in der Schweiz vorhanden sind, realisierbar wären bei ihnen. Und denken Sie daran, >der Staatschmutzigen Jobs mehr, auch keine Putzarbeiten, sie wollen nicht >dienenWas bringt das mir – Mentalität.

Ich wünsche Ihnen, liebe Roggwilerinnen und Roggwiler in Ihrem Dorf eine Gemeinschaft, welche diese Werte hochhält, zuvorkommend ist, hilfsbereit ist, engagiert ist und grosszügig und weltoffen ist.

Sicher tragen Sie auch Ihren Teil dazu bei. Sie wissen ja, das bringt ein wunderbares Gefühl der Befriedigung….

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