1. August-Rede von Parpan

Liebe Parpanerinnen und Parpaner,
Liebe Churwaldnerinnen und Churwaldner,
Liebe Malixerinnen und Malixer,
liebe Gäste, cars hosps, cari ospiti

Kurz nach meiner Wahl in den Nationalrat hat mich Gemeindepräsident Ralf Kollegger angefragt, ob ich dieses Jahr die 1. August Ansprache in der Gemeinde Churwalden halten würde. Mit Freude habe ich zugesagt und danke herzlich für die Einladung. Zu meiner Zeit im Grossen Rat war die Fusion von Parpan, Malix und Churwalden ein Thema. Mit der Gemeindefusion per 1. Januar 2010 haben Ihre drei Gemeinden Geschichte geschrieben. Sie haben einen Schritt vorgenommen, welchen andere Gemeinden später und weitere in unserem Kanton erst noch vornehmen werden. Eine Fusion erfordert Mut für Veränderungen. Meist wird sie nötig, weil der Erhalt der bisherigen Strukturen nicht mehr effizient erscheint, keine Amtsträger mehr gefunden werden können oder schlicht die Bevölkerung zu klein geworden ist. Bei jeder Fusion geht es um Kooperation und Zusammenarbeit. Der Wunsch nach einer Fusion muss aber in jedem Fall von unten, von der Basis, von der Bevölkerung, kommen. Es ist nämlich enorm wichtig, dass die Einwohner fusionierter Gemeinden ihre Identität bewahren und ihre neue Gemeinde als ihre Heimat empfinden können. In einer Zeit vieler Veränderungen ist eine enge Bindung an die Heimat wichtig und Basis jedes Wandels. Ich glaube, dass es hier erfolgreich gelungen ist Zukunft und Herkunft zu verbinden.

Das zeigt sich auch an der wirtschaftlichen Struktur ihrer Gemeinde. Anlässlich meines letztjährigen Wahlkampfs durfte ich den Gemeinschaftsstall der Betriebszweckgemeinschaft Churwalden besichtigen. Diese Art der Kooperation und Zusammenarbeit hat mich tief beeindruckt. Gerade in der Landwirtschaft braucht es mehr Kooperation und Zusammenarbeit, sei dies bei der Infrastruktur, aber auch bei der Vermarktung der einheimischen Produkte. Hier haben wir noch Potential.

Parpan und die ganze Gemeinde Churwalden gehört heute zur erfolgreichen Tourismusdestination Lenzerheide. Auf diesen Erfolg auszuruhen wäre jedoch falsch. Neuen Trends muss entsprochen und die Attraktivität der Destination muss laufend gesteigert werden. Auch hier wird der Markt härter und auch hier sind Kooperationen und eine gute Zusammenarbeit mit den Nachbarn wichtig.

Der Anpassungsdruck hat jedoch auch bedingt durch politische Entscheide zugenommen. Dabei ist wichtig, dass wir das Ruder nicht aus der Hand geben und täglich versuchen Lösungen zu finden. Ein gutes Beispiel dafür ist die von Volk und Ständen angenommene Zweitwohnungsinitiative. Man kann von diesem Entscheid halten was man will, meine Meinung ist den meisten Anwesenden vermutlich bekannt, dieser Entscheid hat schwerwiegende Konsequenzen für die meisten Regionen unseres Kantons, so auch in ihrer Region. Der Tourismus wird sich in vielen Orten neu ausrichten müssen. Die einzelnen Destinationen müssen neue, bislang unerschlossene Märkte erschliessen. Statt in Zweitwohnungen muss vermehrt in Mietferienwohnungen investiert werden. Hotels und Infrastrukturen müssen erneuert werden, um die Attraktivität der Destinationen zu erhalten. Dies ist alles einfacher gesagt als getan. Das Baugewerbe wird sicher einen Auftragsrückgang zu verzeichnen haben. Die Ausgestaltung der Verordnung ist für uns zentral. Der Bundesrat wird diese Verordnung nach den Sommerferien erlassen. In Bern habe ich an der letzten Session eine Motion eingereicht, die mehr Investitionen in die energetische Sanierung von touristischen Bauten zum Ziel hat. So können die Auswirkungen der Initiative auf die Baubranche – so ist zu hoffen – wenigstens ein bisschen abgefedert werden. Das Berggebiet eignet sich ideal für Ruhe und Erholung. In erster Linie muss das Berggebiet aber als Lebens- und Arbeitsraum attraktiv sein. Unsere ländlichen Regionen dürfen nicht zu einem reinen Naturpark verkommen. Es darf nicht sein, dass der Kanton Graubünden die niedrigste Geburtenrate der Schweiz hat.

Heute feiert die Schweiz ihren 721. Geburtstag. Gelegenheit um einen kritischen Blick auf das Weltgeschehen zu werfen, aber auch optimistisch nach vorne, in die Zukunft der Schweiz zu schauen. Es ist wichtig, ab und zu inne zu halten und Bilanz zu ziehen. Dies soll auch die Politik machen. Der 1. August ist sicher der richtige Tag dafür. Wir haben gesehen, nichts führt daran vorbei in die Zukunft zu schauen und Herausforderungen zu begegnen.

Weltweit befinden wir uns politisch und wirtschaftlich in einer hektischen Lage. Die Eurokrise fordert die EU und uns. Sie nimmt erstaunliche Formen an. Sobald ein Staat gerettet ist, wird ein nächster fällig. So erscheint es zumindest. Der schwache Euro geht aber auch nicht an uns spurlos vorbei, gehen rund 60% aller Schweizer Exporte in die EU und wir beziehen rund 80% aller Güter aus der EU. Diese Zahlen zeigen unsere bedeutende wirtschaftliche Vernetzung und Abhängigkeit von der EU klar auf.

Die Schweizer Politik hat es bislang trotzdem verstanden ihr Haus in Ordnung zu behalten. Dies zeigt sich in der seit mehr als einem Jahr laufenden Diskussion um den starken Franken. Der Grund, warum der Franken so bewertet wird liegt nicht nur an der Schwäche der anderen Staaten, sondern auch an unserer Stärke. Nicht alles ist gut. Verbesserungen können immer vorgenommen werden. Seien wir uns aber bewusst, dass wir diese auf hohem Niveau vornehmen dürfen.

Die Schweiz ist politisch stabil. Die Konkordanz mit unserem Mehrparteiensystem liess bis vor kurzem den Extremen wenig Spielraum. Dies soll auch künftig so bleiben. Während in anderen europäischen Staaten [Rumänien] innert einer Woche eine Verfassung in zentralen Punkten ausgehebelt werden kann, ist es für die Schweiz fast revolutionär, wenn die Zusammensetzung des Bundesrats einmal ändert. Seien wir stolz darauf! Die Konkordanz beruht auf einer Politik des Kompromisses, des Ausgleichs, des Respekts, der Toleranz, der Solidarität und der kleinen Schritte. Oft scheinen uns die kleinen Schritte zu langsam. Bedenken wir aber, dass wir mittel- und langfristig mit kleinen Schritten besser vorwärtskommen, als mit einer Mischung aus Vorwärts- und Rückwärtsschritten. Dies soll uns jedoch nicht daran hindern Herausforderungen zu begegnen und diese als Chance wahrzunehmen.

Das bedingt nicht nur Anpassungsfähigkeit, sondern auch die Rückbesinnung auf unsere Werte. Deswegen ist es wichtig, dass urschweizerische Tugenden, Wandlungsfähigkeit gehört hier dazu, nicht nur in 1. August-Reden immer wieder gepriesen, sondern auch gelebt werden. Nur so können wir auf Dauer die Vorzüge und damit den Wohlstand unseres Landes erhalten. Denn die traditionelle Stabilität der schweizerischen Politik weiss auch die Wirtschaft zu schätzen. Man weiss in der Schweiz, woran man ist. Die Schweiz ist Teil der Welt und mit ihr stark vernetzt. Jeden zweiten Franken verdient die Schweiz im Ausland. Es ist nicht im Interesse der Schweiz einen Zaun um die Schweiz zu bauen und sie unter Heimatschutz zu stellen. Bereits eine Analyse des Einkaufskorbes zeigt in erstaunlicher Deutlichkeit, wie globalisiert unsere Welt ist und wie klein die Distanzen sein können. Auch die Technik zeigt dies klar auf. Eine Nachricht von Parpan nach Hawaii per SMS oder Mail dauert gleich lange wie von Parpan nach Churwalden.

Der politische Ton wurde in den letzten Jahren in der Schweiz härter und rüder. Diese Entwicklung ist für unser Land gefährlich. Die Sachpolitik muss wieder im Vordergrund stehen. Verschiedene Meinungen gehören zum Alltag, sei dies bei der Zweitwohnungsinitiative, bei der Verteilung der Mittel für die Verkehrsinfrastruktur oder beim Asylgesetz. Diesen soll mit Respekt und Toleranz begegnet werden. Werte, wie Respekt, Toleranz, Stil, Anstand müssen wieder mehr Bedeutung erhalten. Die gemässigten staatstragenden Parteien der Mitte politisieren auf der Grundlage dieser Werte und bringen so unser Land weiter. Tragen wir Sorge zu den Werten, die unser Land zu einer Erfolgsgeschichte gemacht haben. Die politische Auseinandersetzung muss nicht zu einer Kuschelangelegenheit werden, sondern soll hart, direkt, pointiert und fair erfolgen, jedoch mit Anstand und Respekt.

Mein Verständnis für Patriotismus lautet nicht: Die Schweiz ist ein tolles Land, die anderen Länder sind schlecht, sondern viel mehr die Schweiz ist ein tolles und wunderschönes Land, die anderen Länder sind aber auch toll und vor allem brauchen wir sie auch. In unserer schnelllebigen Zeit sollten wir manchmal kurz innehalten und danken für unser Wohlergehen in dieser schönen Heimat. Wir sollten die Institutionen unseres Landes schätzen und Sorge tragen, dass die grossen Errungenschaften unserer Schweiz auch weiterhin Bestand haben. Und nicht zu vergessen, wir sollten uns dafür einsetzen, dass wir weiterhin die richtigen Antworten auf bestehende Herausforderungen bereit haben.

Der Schweiz wünsche ich für das neue Lebensjahr eine Politik mit Stil, Anstand, Respekt, Toleranz, Freiheit, Fairness, Offenheit, Menschenwürde und Mut Herausforderungen zu bewältigen. Geben wir diesen Werten eine Chance und seien wir uns den Stärken unserer Schweiz bewusst und pflegen wir diese. Ohne Werte ist die Gesellschaft orientierungslos. Es darf nicht sein, dass mehr auf das geachtet wird, was ankommt, als auf das, worauf es ankommt.

Die Schweiz hat Zukunft, wir haben es in der Hand, dass diese Zukunft gut wird. Packen wir es an! Wir alle, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, haben das Privileg, mitgestalten zu können. Nutzen wir dieses Privileg, eine weitere Stärke unserer Schweiz, vermehrt.

Ihnen allen wünsche ich einen schönen Abend, den Gästen schöne und erholsame Ferien und später allen eine gute Heimkehr.

Viva la Svizra, es lebe die Schweiz, vive la Suisse, viva la Svizzera!

2 Kommentare