1. August-Rede von Unterägeri

Ich freue mich sehr, dass wir hier im Birkenwäldli, einem wirklichen Bijou unserer Gemeinde, bei herrlichem Sommerwetter heute gemeinsam den 721. Geburtstag unseres Heimatlandes, der Schweiz, feiern können. Wir sind dabei nicht allein, sondern Teil einer landesweiten friedlichen Grosskundgebung, bei der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaftssinn, Verbundenheit und Solidarität, aber auch Zufriedenheit und Dankbarkeit im Vordergrund stehen. Angefangen haben die Feierlichkeiten vorgestern auf dem Bundesplatz mit einem Open-Air unter dem Motto „Für eine Schweiz mit Herz“. Heute war die Geburtsstätte der Schweiz, das Rütli also, fest in Kinderhand. Dies ist erfreulich und meines Erachtens auch symbolträchtig: 500 Kinder aus allen 26 Kantonen präsentierten ihre Vision der Schweiz der Zukunft. Sie waren dabei ausgestattet mit weissen und roten Kartonschildern und bildeten so eine lebendige Schweizer Flagge, die von den umliegenden Bergen und aus der Luft gesehen werden konnte.

„Wir tragen die Schweiz in unserem Herzen!“

Auch die jetzigen olympischen Spiele in London zeigen es wieder deutlich: viele von uns sind durchaus echte Patriotinnen und Patrioten, fühlen und leiden wir doch mit
unseren Wettkämpferinnen und Wettkämpfern. Bei einigen schlägt in gewissen Situationen sogar das Herz höher. Jedenfalls freuen wir uns über jede Medaille und ärgern uns über Missgeschicke oder unnötige Niederlagen. Dass es auch für die Schweizer Teilnehmenden ein spezielles Erlebnis ist, zeigt die Aussage des 27-jährigen Fechters Fabian Kauter, der heute im Einsatz stand: In einem Interview betonte er, seine Motivation, das Schweizer Kreuz auf den Hosen zu tragen, sei sehr gross. Ist das nicht ein schönes Bekenntnis eines Sportlers, der unser Land und da-mit auch uns als Bevölkerung an einem so wichtigen sportlichen Grossanlass vertritt? Und noch etwas ist von der olympischen Front bemerkenswert: Nachdem die Fuss-ball-Nati im Spiel gegen Gabun ohne Kreuz auf ihrem Dress spielte, war die Empö-rung der Fans in unserem Land gross. Verteidiger Timm Klose reagierte gelassen auf den Tenue-Knatsch: „Ob Kreuz auf der Brust oder nicht, wir tragen die Schweiz in unserem Herzen!“ Eine solche Haltung sagt alles!

Eine bewundernswerte Frau – nach Jahren der Isolation und Demütigung

Ich denke, dass in einem Punkt heute Abend Einigkeit herrscht: Wir leben in unserem Land in Freiheit, Unabhängigkeit, Wohlstand und Sicherheit, ja, ich gestatte mir den Ausdruck, wir leben in einer Art Paradies. Wir haben zwar durchaus auch unsere Sorgen, Nöte und Herausforderungen. Ein Blick über die Landesgrenzen hinaus zeigt, dass diese aber in keinem Verhältnis zu den existentiellen Problemen anderer Länder stehen, Länder, in denen beispielsweise der Kampf für die Freiheit erst jetzt beginnt.

In diesem Zusammenhang ist es mir ein Bedürfnis, Aung San Suu Kyi zu erwähnen, die Symbolfigur des gewaltlosen Widerstands in Burma, die uns während der letzten Session in Bern besuchte. Die Schweiz war die erste Station auf ihrer ersten Europareise seit 24 Jahren. Während der einstigen Militärdiktatur in ihrem Heimatland stand Suu Kyi 15 Jahre unter Hausarrest. Sie kam im November 2010 frei und gewann die-ses Jahr im April bei Nachwahlen einen Sitz im Parlament. Die Medienkonferenz mit Bundesrat Burkhalter musste schon nach wenigen Fragen überstürzt abgebrochen werden. Der 66-jährigen Suu Kyi war es schlecht geworden. Der Grund: Jetlag, Er-schöpfung und die Hektik der Welt nach langer Einsamkeit. Eine bewundernswerte Frau, die all die Jahre der Isolation und Demütigung mutig durchgestanden hat und für viele ein absolutes Vorbild ist. Nach dem Besuch in Bern hielt sie übrigens in der norwegischen Hauptstadt Oslo – 21 Jahre nach der Verleihung – ihre Dankesrede für den Nobelpreis.

Dankbarkeit und Zufriedenheit

Begegnungen mit solchen Persönlichkeiten hinterlassen einen unglaublich nachhalti-gen Eindruck, auch wenn kein direkter Händedruck zustande gekommen ist! Und sie zeigen vor allem eines: Wir sollten nicht nur sehr zufrieden und ausgesprochen dankbar sein, sondern wir müssen alles daran setzen, die vorteilhafte Position unseres Landes zu behalten und zu stärken. In vielen Bereichen stehen in den kommen-den Monaten und Jahren wichtige Entscheide an, wir sind als Staatsbürger, wir sind als Gemeinde, als Kanton und als Eidgenossenschaft gefordert, manchmal sogar herausgefordert. Wichtige Themen wie Sozialwerke, Migration, Energiepolitik oder das Verhältnis zu unseren Nachbarn, um einige wenige zu nennen, verlangen mehrheitsfähige Ergebnisse.

Apropos Themen: Jedes Jahr wird im Dezember aufgrund einer repräsentativen Umfrage ein sogenanntes Sorgenbarometer veröffentlicht. Dieses bringt zum Ausdruck, welche Probleme die Schweizer Bevölkerung am meisten beschäftigen.

Das aktuelle Sorgenbarometer zeigt an der Spitze der Pyramide folgendes Ergebnis: Mit 52% stehen die Themen Arbeitslosigkeit und Jugendarbeitslosigkeit deutlich an erster Stelle, gefolgt vom Themenblock Ausländer, Integration, Personenfreizügigkeit (36%). Knapp dahinter sind mit 35% die Begriffe Wirtschaftskrise, Wirtschaftsent-wicklung und Konjunktur auf dem dritten Platz. Damit ist klar, wo wir Politiker aus Sicht der Bevölkerung gefordert sind.

Wir leben nach wie vor in verschiedenen Welten

Das 21. Jahrhundert stellt uns tatsächlich vor viele Aufgaben, von denen wir teils nicht wissen, ob sie lösbar sind oder nicht. Als aktuellstes Beispiel erwähne ich das Verhalten gewisser autoritärer Regimes, gegen deren unerhörte Kriegsverbrechen sogar die sog. Weltdiplomatie ohnmächtig und hilflos ist. Gerne nenne ich weitere Beispiele: Wir leben nach wie vor nicht in einer einzigen, sondern in verschiedenen Welten. Der Welt des Überflusses steht die Welt des Hungers gegenüber, der Welt des „numerus clausus“ an den überfüllten Universitäten jene mit über einer Milliarde Analphabeten, der Welt der sehr teuren Gesundheit für alle jene mit einer Bevölke-rung, die nicht einmal weiss, was Trinkwasser ist. Diese Liste liesse sich beliebig fortsetzen, Sie verstehen, was ich meine. Wir müssen für bessere Ausgewogenheit und Gerechtigkeit kämpfen, im Grossen wie im Kleinen. Dabei braucht es in erster Linie mehr Respekt vor der Natur, denn unser Planet verfügt lediglich über be-schränkte Ressourcen. Dies bedeutet aus meiner Sicht folgendes: Wenn wir ein Recht haben, aus dem Ertrag der Erde Nutzen zu ziehen, dann haben wir auch die Pflicht, ihre natürlichen Ressourcen, die für alles Leben wichtig und die vor allem endlich sind, zu schonen, uns um sie zu kümmern und sie zu erneuern.

Kinder und Enkel nicht mit schwerwiegenden Erbsünden belasten

Der steigende Ressourcenverbrauch pro Kopf sowie das rasche Wachstum der Weltbevölkerung erhöhen nämlich den Druck auf die Ökosysteme unserer Erde und können zur Hypothek für zukünftige Generationen werden. Dies muss uns bewusst sein, denn schliesslich sind wir Erwachsene dafür verantwortlich, dass auch unsere Kinder und Enkel optimistisch in die Zukunft blicken können. Wir dürfen sie nicht mit solchen schwerwiegenden Erbsünden belasten! Zwei Fragen stellen sich jedem von uns: Müssen wir unseren Konsum einschränken? Oder können wir einer Verknappung der natürlichen Ressourcen allein durch technische Fortschritte und erhöhte Ressourceneffizienz begegnen? David Bosshart, CEO der bekannten Gottlieb Duttweiler Institute in Rüschlikon, hat es kürzlich in einem Satz treffend formuliert: „Nimm nur so viel, dass für alle anderen genug bleibt!“ Für mich persönlich bedeutet dies: Schutz der natürlichen Umwelt, Vorbeugen gegenüber Risiken, Verzicht auf nicht wieder rückgängig zu machende Entscheide und Gleichgewicht statt grenzenloses Wachstum.

Gesunde Balance zwischen Bewahren und Wachstum

Erfreulicherweise gibt es auch bei uns in dieser Beziehung positive Beispiele: Gerade hier im Birkenwäldli ist diese Sorge zur Natur zu spüren, gerade hier wird sichtbar, was man aus der Landschaft, die letztlich eine unvermehrbare Lebensgrundlage ist, für die Allgemeinheit machen kann. Allerdings brauchte es dazu visionäre Persönlichkeiten wie die beiden Ärzte Dr. Josef Hürlimann und Dr. Konrad Bossard. Sie schufen als Präsi-denten des Kurvereins Unterägeri diese einmalige Naturanlage für die Öffentlichkeit. Für uns und all jene, die heute Verantwortung tragen, ist ihr Vorbild ein deutliches Sig-nal: Wir müssen die Natur und deren Gesetze achten. Wir dürfen nicht alles bis zum letzten ausreizen! Und das damit verbundene Vermächtnis ist ebenfalls klar: Wer ein solch grossartiges Erbe übernommen hat, wie dies hier in Unterägeri der Fall ist, hat auch die Pflicht, dazu Sorge zu tragen und dieses möglichst unverfälscht den kommen-den Generationen weiterzugeben. Dieser Herausforderung einer gesunden Balance zwischen Bewahren und Wachstum haben sich aber nicht nur die Behörden, sondern alle zu stellen.

""Vom aktuellen Sorgenbarometer bis zum Trendleiden Nomophobie""

Damit komme ich zu drei speziellen Feststellungen und Tatsachen, die ich hier und heute auch noch zur Sprache bringen möchte:

  1. Ein Grossteil der Kommunikation findet heute per SMS, Mail, Facebook und Twit-ter statt. Die letzten beiden heissen interessanterweise sogar Social Media (sozia-le Medien) und bieten vielfältige Möglichkeiten, sich mit Personen in der ganzen Welt austauschen zu können. Millionen von Menschen sind inzwischen gewohnt, Informationen, u.a. auch Bilder und Personendaten über sich und andere online zu präsentieren, meistens ohne Hemmungen, ohne Grenzen. Ich verweise auf den aktuellen Twitter-Skandal des Schweizer Olymia-Fussballers Morganella.
  2. Mit mehr als fünf Milliarden Exemplaren sind weltweit gegenwärtig so viele Han-dys in Gebrauch wie noch nie zuvor. Vor allem wegen der rasanten Verbreitung in den Schwellenländern China und Indien werden täglich zwei Millionen neue Ver-trags- und Prepaid-Handys verkauft. Kein Wunder, löst Funkstille bei vielen Zeit-genossen Angstzustände aus. So leiden gemäss einer Studie (SecurEnvoy, einer britischen Firma für IT-Sicherheit) 66 Prozent der Engländer an Nomophobie, was nichts anderes heisst als „No Mobile Phone Phobia“, die Furcht also, nicht er-reichbar zu sein! Spitzenreiter sind dabei die 18-24 jährigen Knaben.
  3. Das Fernsehen ist die liebste Freizeitbeschäftigung von Kindern und Jugendli-chen. Gemäss neusten Umfrageergebnissen schauen Vorschulkinder in unserem Land durchschnittlich mehr als zwei Stunden TV pro Tag!

Zwischenmenschliche Beziehungen nicht verkümmern lassen

Was will ich mit diesen drei Feststellungen und Tatsachen am heutigen Nationalfeier-tag sagen? Viele der neuen Kommunikationskanäle sind für unsere Gesellschaft, für unser Zusammenleben, für unsere Arbeitswelt nützlich, wenn sie, ja wenn sie sinnvoll und richtig eingesetzt werden. Sie können aber auch verführen, Schaden anrichten, die zwischenmenschlichen Beziehungen verkümmern lassen und sogar krank ma-chen. Ganz bestimmt zeigen sie uns Grenzen auf: So werden in unserer schnelllebi-gen Zeit nicht nur unsere Reize überflutet, auch die Informationen – unter ihnen täg-liche Hiobsbotschaften – prasseln nur so auf uns nieder, dass wir kaum mehr Ruhe und Musse finden für uns selber und für unsere Nächsten. Dabei ist und bleibt die Familie die wichtigste Keimzelle unseres Staates: Hier kann jeder einzelne einen ganz wesentlichen Beitrag zum Gedeihen eines Landes leisten. Familien brauchen deshalb auch politisch unsere volle Unterstützung, nicht nur mit guten schulischen und familienergänzenden Angeboten, sondern auch mit finanziellen Erleichterungen bei den Steuern und Krankenkassenprämien. Erfreulich, dass der Kanton Zug in die-ser Beziehung seine Hausaufgaben gut erledigte.

Familie als wichtigste Keimzelle des Staates stärken

Eines ist klar: In der Familie wird das Fundament gelegt, auf das ein Mensch sein ganzes Leben aufbauen kann – oder eben nicht. Mutter und Vater sind Vorbilder für ihre Kinder – gute oder schlechte. Begriffe wie Verantwortungsbewusstsein, Vertrau-en, Gerechtigkeitssinn, Toleranz, Geduld, Treue, Liebe sowie Bereitschaft zum Tei-len und Helfen müssen im Kern der Familie wachsen. So wünsche ich mir, dass die-se bedeutungsvollste soziale Gemeinschaft nicht noch mehr zerfällt, sondern dass der Stellenwert der Familie in unserer Gesellschaft wieder vermehrt erkannt und auch gefördert wird. Dann sind auch Plakatkampagnen wie jene, die gegenwärtig unter dem Titel „Ich vermisse einen Teil meiner Kindheit“ läuft, nicht mehr nötig.

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