1. August-Rede von Neftenbach

Sehr geehrte Mitbürgerinnen und Mitbürger

Es freut mich sehr, heute an Ihrer Feier das Wort an Sie richten zu dürfen. Als ich klein war, war der 1. August ein einfaches Fest. Einfach deshalb, weil ich gar nicht recht wusste, worum es ging. Was ich damals mochte war die Stimmung. Alle sassen zusammen, draussen an einer warmen Sommernacht, man nahm sich Zeit füreinander, es gab ein Feuerwerk und alle taten merkwürdige Dinge, wie Vulkane oder Bengalische Zündhölzer anzünden. Ich hatte Achtung vor diesem Fest, weil es die Erwachsenen ernst nahmen. Seit ich verstehe, dass der 1. August ein Nationalfeiertag ist, ist alles etwas schwieriger. Denn es gibt einiges an dieser Nation, das ich nicht feiern will.
Mir fiel auf, wenn man sich zu kritisch Gedanken darüber macht, was man da denn für eine Nation feiert, man sich ziemlich den Spass verderben kann.
Und mir fiel auf, dass, vielleicht gerade weil es so schwierig ist, viele in die Vergangenheit schauen, und irgendwelche Gründungsmythen feiern. Damit konnte ich nie etwas anfangen. Der 1. August hat zwar etwas mit der Vergangenheit zu tun, doch er spielt im Hier und Jetzt.

Kennen Sie dieses Gefühl, Sie lesen Zeitung, schauen Nachrichten im Fernseher, denken über irgendetwas nach und plötzlich werden Sie wütend und empört. Und Sie fragen sich: Wie kann es sein, dass das tatsächlich Realität ist? Wie kann so was passieren? Wieso schweigen so viele?

Ich kenne dieses Gefühl nur zu gut. Wenn ich höre, dass es noch immer eine halbe Million Menschen gibt in der Schweiz, die hundert Prozent arbeiten, sich mit ihrem Lohn aber nicht durchbringen können. Und das in unserem Land, das eines der reichsten ist. Wer den ganzen Tag arbeitet, hat doch einen Lohn verdient, mit dem man würdevoll leben kann.

Ich kenne das Gefühl wenn ich höre, dass der Kanton Zürich im Vergleich zu den 90er Jahren jedes Jahr 1 Milliarde an Steuereinnahmen verliert, weil er Reichen Steuergeschenke entrichtet. Gleichzeitig wird behauptet wir seinen gezwungen zu sparen, dies nachdem die Reichen entlastet, d.h. ihnen das Geld nachgeworfen wurde.

Ich kenne das Gefühl wenn ich höre, dass Frauen durchschnittlich noch immer 20 Prozent weniger verdienen als Männer. Das ist doch eine absolute Frechheit.

Mich empört es, dass wir Normalsterblichen für jedes bisschen Lohnerhöhung erbittert kämpfen müssen, während gewisse Manager jedes Jahr ein paar Millionen mehr nach Hause nehmen. Das ist völlig absurd.

Es empört mich, dass Superreiche keinen Rappen an die Allgemeinheit zurückzahlen, weil sie dank unseren Schweizer Banken ganz bequem Steuern hinterziehen können.

Es empört mich wenn ich höre, dass die Schweiz ein wichtiges Zentrum für die Spekulation mit Nahrungsmitteln ist. Der Nahrungsmittelspekulation widmen sich Leute, die sonst nicht wissen, wo sie ihr Geld überall noch hinstecken sollen. Einen realen Wert schaffen sie damit natürlich nicht. Doch sie sind mitverantwortlich dafür, dass zehntausende Menschen pro Tag an Hunger sterben. Wo bleibt der Wohlstand, der geschaffen wird? Er fliesst in die Hände von ein paar wenigen.

Ich frage mich, wie lange das noch so weitergeht. Alles muss immer noch schneller funktionieren, immer noch effizienter werden, der Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer steigt und steigt. Wir rennen einem Wachstum hinterher, das die Umwelt zerstört, sich nicht um die Menschen schert, sondern ein paar reiche Besitzende, ein paar reiche Aktionäre noch verdammt viel reicher macht.
Doch die Spielregeln zu verändern ist schwierig. Denn wir sehen bloss die wachsende Konkurrenz. Wir sehen, dass es auf der Welt Milliarden Menschen gibt, die bereit sind zu arbeiten, zu einem tiefen Lohn, zu allerwidrigsten Bedingungen, da sie nicht noch weiter ins Elend abrutschen wollen. Und wir in der Schweiz wagen daher nicht, Forderungen zu stellen. Wir sind im Würgegriff der Wirtschaft. Ganze Staaten fühlen sich nicht mehr in der Lage, der Wirtschaft Paroli zu bieten. Das passt nicht mit unserem politischen System, der Demokratie, zusammen. Wo bleibt der Wille des Souveräns, der Wille des Volkes?
Wir sehen, dass es in anderen Ländern den Leuten noch schlechter geht. Dadurch wagen wir gar nicht die Ungerechtigkeiten im eigenen Land anzugehen. Die Übermacht des Kapitals lässt uns klein und hilflos aussehen. Unsere Demokratie ist etwas angeschlagen. Unser Ziel muss sein, dass nicht mehr der Profit, das Kapital über allem steht, sondern die Bedürfnisse und der Wille von uns Menschen.

Der 1. August zwingt uns gleichzeitig zu zwei Dingen. Über uns und unsere Situation nachzudenken und uns gleichzeitig auch noch zu feiern dabei. Das macht der 1.August zu einem nicht ganz einfachen Fest, zumindest für mich.
Doch ich gebe zu, der 1. August strahlt auch Hoffnung aus. Hoffnung deshalb, weil uns angesichts unserer Sorgen, die wir alle haben, das Feiern nicht vergeht. Das muss doch heissen, dass wir es uns zutrauen, unsere Probleme zu lösen. Ich gebe dem 1. August diesbezüglich recht, wir müssen mit Hoffnung und Zuversicht in die Zukunft schauen!

Wagen wir eine Veränderung zu mehr Gerechtigkeit! Sonst verlieren wir immer mehr die Selbstbestimmung darüber, was mit uns, mit unserem Land und mit unserer Welt geschieht. Der Kampf um mehr Demokratie forderte schon immer den unerbittlichen Einsatz von Vielen. Zum Beispiel als Ende 18tes Jahrhundert die Landgebiete im Kanton Zürich gegen die Beherrschung durch die Städte kämpften, oder als die unteren Schichten 1831 Druck ausgeübt haben und es geschafft haben, das Veto in die Sankt Galler Kantonsverfassung einzubauen, das als Vorläufer des heutigen Referendums gilt, oder als wir das Frauenstimmrecht 1971 auf nationaler Ebene durchsetzten konnten, für das sich mehrere Generationen von Frauen jahrzehntelang eingesetzt haben.

Das Datum, das dieser lange Weg zu mehr Demokratie für mich am besten repräsentiert ist der 12. September 1848, der Tag an dem unsere erste Bundesverfassung in Kraft trat. Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, unser Einsatz für die Demokratie umfasste schon viele Stationen und es werden noch viele weitere Stationen dazukommen.

Doch es braucht Mut für unsere Rechte und die Rechte anderer Menschen einzustehen. Ich appelliere an Sie, bringen wir diesen Mut auf! Seien wir bereit zusammenzustehen!

Und wir stehen nicht alleine da, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. In unseren Nachbarländern gibt es ähnliche Probleme. Das zeigt mir unter anderem, dass wir uns vermehrt als einen Teil von Europa verstehen sollten. Ich beziehe mich hier nicht auf die plumpe Frage „Eu-Beitritt ja oder nein?“. Damit allein haben wir die Frage rund um Europa nicht beantwortet. Vielmehr möchte ich sagen, ob in der EU oder nicht, die Zukunft des restlichen Europas muss uns interessieren! Die Eurokrise nimmt kein Ende. Über 50 Prozent der Jugendlichen in Spanien sind arbeitslos. Nichts ist schlimmer für eine junge Person, als keine Perspektive zu haben. Mir macht das Sorgen. Die Wirtschaft spekuliert auf Währungen, sie spekuliert mit Staatsanleihen, Grossunternehmen setzen darauf, dass sie vom Staat gerettet werden, doch von der Politik lassen sie sich nichts sagen. Wir können bloss zusehen. Der Arbeitslose in Spanien genauso, wie die Angestellte in der Schweiz.

Mir fällt vieles ein, das ich nicht so stehen lassen will, vieles, das ich diskutieren will, vieles, wofür ich mich einsetzen will. Ihnen geht es doch genauso! Lassen Sie uns heute daran denken, lassen Sie uns mit Zuversicht in die Zukunft schauen.
Auch ich habe die Hoffnung, dass sich der Kampf für eine bessere und gerechtere Zukunft lohnt, sonst wäre ich selbst nicht seit mehreren Jahren politisch aktiv.
Haben wir den Mut uns für unsere Rechte einzusetzen, getrauen wir uns Forderungen zu stellen! Wir sollen die Möglichkeit haben selbst zu bestimmen, unter welchen Spielregeln wir leben wollen! Setzen wir uns gemeinsam ein für mehr Demokratie!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche ein schönes Fest!

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