Unabhängigkeit von Ratingagenturen

«Die Analysequalität der Bonitätswächter ist jämmerlich, ihre Vorschläge sind nutzlos, ihre selbstgerechte Benotung von Risiken eines Kreditausfalls ist alles andere als unabhängig, sondern interessengesteuert.»

—Thomas Straubhaar

Solche absoluten Zitate in europäischen Medien lassen beinahe keine gegenteilige Meinung zu. Zeitungen hierzulande sind voll von kritischen Berichten über die Arbeit von Ratingagenturen. Wir erhalten den Eindruck, Ratingagenturen seien vor allem ein verlängerter Arm des US-amerikanischen Staates. Grösstes Ziel: Stärkung der eigenen Wirtschaft. Ratingagenturen als unabhängige Akteure? Sicher nicht.

Ein grosser Teil der Kritik trifft denn auch das Rating der USA. Zwei der drei grössten Agenturen stellen die Bestnote aus, trotz dem riesigen Schuldenberg.


Camill Oberhausser und ich haben  diese Thematik in einer Projektarbeit untersucht. Sie soll ein differenzierteres Bild abgeben. Wir kommen zur überraschenden These: Ratingagenturen sind, mindestens im Hinblick auf das US-amerikanische Rating, unabhängig. Zwar darf die Existenzberechtigung der Agenturen stark in Frage gestellt, Zahlungsmodell und Marktstruktur kritisiert werden. Aber das US-amerikanische Rating ist unserer Ansicht nach gerechtfertigt.

Was wir oft vergessen: Die USA sind die grösste Volkswirtschaft der Welt. Diese ist sehr flexibel und anpassbar, zum Beispiel durch einen fehlenden Kündigungsschutz. Ein weiterer Pluspunkt ist die eigene Währung als faktische Weltwährung. Auch besteht eine grosse Nachfrage nach US-Staatsanleihen. Der Markt vertraut den USA. Sie sind ein sicherer Schuldner.

Wie lange hält dieses Vertrauen? Das weiss niemand.

Und da zeigt sich der grösste Kritikpunkt an den Ratingagenturen. Die wissen nicht mehr als wir. Sie beziehen sich auf öffentliche Informationen und betätigen sich maximal als Hellseher. Der Staat muss aufpassen, dass er ihnen nicht zu viel Macht übergibt. Die Verantwortung einer zutreffenden Prognose können die Agenturen nicht wahrnehmen.

In der Vergangenheit haben Ratingagenturen immer wieder versagt. Vor der Krise Ende 20er-Jahre oder auch vor der Krise 2007. Ratingagenturen geniessen zuviel Vertrauen, auch von staatlicher Seite. Europäische Politiker sollten das stoppen, statt nach einer staatlichen, beeinflussten Agentur zu schreien.

Dieser Blogbeitrag ist auf adilkoller.ch erschienen.

«Die Unabhängigkeit von Ratingagenturen: Überlegungen am Beispiel der USA.» Projektarbeit von Camill Oberhausser und Adil Koller, 2012. Download als PDF.

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