Kapital vs. Wissen - die Selbstständigkeit

Das Proletariat, die Arbeiterklasse, ist laut Karl Marx hilflos dem Grossbürgertum, also den Reichen ausgeliefert. Wer ohne Kapital dasteht und nur seine Arbeitskraft anbieten kann, wird durch die Fabrikbesitzer ausgebeutet. Kinderarbeit, 80 Stunden Wochen, keine Ferien, kein anständiger Lohn und was vom Lohn übrig bleibt, geht für die Miete im fabrikeigenen Wohneigentum drauf. Eine hilflose Kaste. Und dennoch erkämpfte sie sich über die letzten 200 Jahre ihre Rechte. Auch dank der Gewerkschaften gibt es heute die 45 Stunden Woche, 4 Wochen Ferien, eine anständige Altersvorsorge sowie gute Löhne. Trotz all dieser Verbesserungen geht die Linke immer noch davon aus, dass das Kapital bestimmt, wo der Hammer hängt - nur hat sich die Welt gedreht und wir leben in einer veränderten Arbeitswelt. Wenn sich der KV-Stift aus Basel zum Bankenmanager mit Millionensalär hocharbeitet und das Kapital die Gewerkschaften zur Hilfe ruft, um Aktionärsrechte zu stärken, dann scheint sich ein fundamentaler Wandel zu vollziehen. Der moderne Arbeiter stellt heute nämlich mehr als seine Arbeitskraft zur Verfügung, er wirft sein Wissen in die Waagschale und dies ändert die alten Regeln.

Als ich mich vor 20 Jahren kurz nach der Stifti selbstständig machte, war dies noch ausergewöhnliches. Der Blick berichtete in seiner Serie “Aufschwung beginnt im Kopf” mit einer halben Seite vom Jungunternehmer aus dem Appenzellerland. Alles, was ich brauchte, war ein Computer im Zimmer, dass ich mit meinem Bruder teilte, eine Telefonleitung und eine Schweizer Karte, auf der ich mit Stecknadeln die Kunden markierte. Heute ist diese Geschichte noch ein müdes Achselzucken wert. Auf die Titelseite schafft es nur, wer Facebook oder Google erfunden hat. Was uns dies zeigt? Wer sich nicht dem Joch des Kapitals unterordnen will, geht heute seinen eigenen Weg und macht sich selbstständig. Es braucht nicht mehr viel Eigenkapital - Wissen (+Einsatz) - genügt und schon ist man sein eigener Herr und Meister.

Wer macht sich heute selbstständig? Nicht Jungunternehmer sind zahlenmässig an der Front, es sind die gestandenen 40-jährigen, die lange Zeit in ihrer Branche arbeiteten, die Kunden und Lieferanten kennen. Die Kontakte haben und wissen, wie der Hase läuft. Sie sind es, die das heute wichtigste Kapital besitzen: Wissen. Und dieses wissen nutzen sie auch.

Die Wissensarbeiter geben heute den Takt vor. Das Geldkapital hat oft das Nachsehen und sucht händeringend die Ideen der Wissensarbeiter. Wenn ein Student eine Geschäftsidee hat, meldet er sich zum Beispiel bei venturekick an. Überzeugt er dort eine Jury, erhält er 10’000 Franken. Mit diesem Geld hat er drei Monate Zeit, seine Geschäftsidee zu strukturieren und nochmals einer Jury zu präsentieren. Überzeugt er erneut, erhält er weitere 20’000 Franken, mit denen er dann ein Team zusammenstellt und einen Businessplan entwickelt. Und nochmals kann er sich einer Jury präsentieren, die ein letztes Mal 100’000 Franken für eine überzeugenden Geschäftsidee vergibt. Dieses Geld ist à fonds perdu. Der Jungunternehmer erhält also 130'000 Franken ohne Verpflichtung geschenkt. Das Kapital ist “giggerig” auf frische Ideen von vielversprechenden Wissensarbeitern, dass es ihnen das Geld nachwirft.

Heute sagen die Wissensarbeiter, zu welchen Konditionen sie arbeiten und vor allem, was sie tun - und nicht mehr das Kapital.

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