Die Argumentationstypen

In letzter Zeit chlöpft es auf Politnetz öfters. Meinungen, Ideen und Argumente prallen unversöhnlich aufeinander und die Diskussionen werden härter geführt. Für Communityplattformen wie Politnetz ist dies eine gefährliche Entwicklung. Mit der Zeit verabschieden sich nämlich immer mehr Leute, weil aus einem konstruktiven Dialog, ein erbitterter Kampf wird. Was dann bleibt, ist ein Einheitsbrei und die immer selben Diskussionen einzelner User.

Als Anregung zur Reflexion des eigenen “Verhandlungstyps” stellte ich aus dem Buch komm zum Punkt eine Zusammenfassung des Kapitels: "Wissen, meinen, glauben oder fühlen" zur Diskussion.

Wissen
Wissenstypen wollen belegbare Tatsachen, die nachgewiesen werden können. “Draussen scheint die Sonne” ist eine Tatsachenbehauptung. Selbst wenn wir in einem geschlossenen Keller sitzen, können wir diese Tatsachenbehauptung aufstellen. Eine Tatsache muss nicht bewiesen sein, es genügt, wenn sie beweisbar ist. Man stellt eine Vermutung oder Hypothese auf und findet heraus, ob sie richtig oder falsch ist. In unserem Beispiel verlässt man den Keller und überprüft draussen, ob die Sonne scheint oder ob sie hinter Wolken versteckt ist. Wer vom Wissen ausgeht, orientiert sich an Fakten und hält diese oft für unumstösslich. Kann aber auch seine Meinung ändern, wenn der Beweis des Gegenteils erbracht ist.

Wie überzeugt man Wissensmenschen? Hören Sie auf zu argumentieren, erklären Sie ihnen nicht in blumigen Worten, wie Sie die Welt sehen. Ihr einziges Mittel sind harte, überprüfbare Beweise oder die Aufforderung, dass Ihr Gegenüber den Beweis erbringen soll.

Meinen
Menschen, die dem Meinen-Typ zugeschrieben werden, müssen nicht wissen, für Sie ist ihre Überzeugung entscheidend. Wer überzeugt ist, dass man seinen Urlaub besser im eigenen Land verbringen sollte, der muss dies nicht beweisen. Die eigene Meinung genügt, um stundenlang Argumente hin und herzuschieben. In einer Diskussion, wo die Ferien am schönsten sind, kommen dann Argumente wie; es wird weniger CO2 verbraucht. Das Geld bleibt im eigenen Land. Man spricht die eigene Sprache. Hat man bei der Abreise den Herd vergessen abzustellen, ist man schneller wieder zurück usw.

Wer im Denkmuster “Meinen” lebt, hält seine Auffassung gerne für richtig. Richtig und falsch sind aber Begriffe, die nur beim Wissenstyp vorkommen dürften. Kann man bei der Sonne beweisbar sagen, ob sie scheint oder nicht, ist es unmöglich zu beweisen, dass es ein Vorteil ist, wenn die Währung im eigenen Land ausgegeben wird. Während der Wissenstyp bereitwillig seine Position aufgeben kann, wenn er einen überprüfbaren Gegenbeweis vor sich hat, verweigert sich der Meinungstyp aber den Fakten. Er pocht weiter auf seine Position und sucht das nächste Argument.

Möchten Sie eine “Schlacht” gegen einen Meinungstypen gewinnen, müssen Sie Argument um Argument hervorholen und ihn pickelhart überzeugen. Seien Sie nicht überrascht, wenn ein Ideologe nicht mehr antwortet. Ist er sprachlos und fehlt ihm eine passende Antwort, wartet er in diesem Fall oft nur so lange, bis er ein neues Argument gefunden hat und die Diskussion kann von wieder von vorne beginnen.

Glauben
Der Kern des Denkmusters “Glauben” ist die religiöse Gewissheit. Sie ist weder beweisbar noch argumentierbar. Die Existenz von Gott kann ein religiöser Mensch einem anderen Menschen weder beweisen noch argumentieren. Wenn ein Christ und ein Moslem darüber “streiten” welches der richtige Glaube ist, dann gibt es keinen überprüfbaren Beweis und auch kein Argument. Glauben ist ein Denkmuster, zu dem wir entweder aus Tradition ja sagen oder es wurde uns von einem Missionar lange genug ins Hirn eingehämmert.

Da es sich beim Glauben um Dogmen handelt, erhebt der Gläubige einen Absolutheitsanspruch. Der einzige Weg einen Gläubigen von etwas anderem zu überzeugen, ist ihn zu bekehren.

Fühlen
Menschen, die fühlen, setzen stark auf ihre Intuition - auch Bauchgefühl genannt. Menschen mit einer starken Intuition gehen von Dingen aus, die sie spüren, ohne sie beweisen, argumentieren oder durch einen Glauben erklären können. Intuition entsteht allein durch die persönliche Erfahrung. Gefühlsmenschen sagen Dinge wie: “Es hört sich zwar vernünftig an, was du sagst, aber ich höre lieber auf meinen Bauch”.

Um Gefühlsmenschen zu überzeugen, dürfen Sie Lastwagen von Fakten heranfahren, stundenlang Argument an Argument aneinanderreihen, sie werden scheitern. Gefühlsmenschen ziehen sich zurück, werden kauzig und driften etwas wirklichkeitsfremd ab. Der einzige Weg, um Gefühlsmenschen zu überzeugen, liegt in der Selbsterfahrung.

Was sind Sie für ein Typ und was bringt Ihnen diese Einteilung?
Selten sind Menschen die reine Form eines Typus. Es gibt viele Mischformen. Der Pfarrer ist Sonntagsmorgen der Gläubige, wenn er aber am Montag einen Auftrag für die Renovation der Kirche vergibt, verlangt er nach dem Statiker, der alles genau berechnen kann (Wissen). Ein glühender Gegner/Befürworter der Marktwirtschaft (Meinen), geht sonntags in die Kirche und betet für seine kranke Mutter (Glauben).

Finden Sie doch auch heraus, was für ein Typ Sie sind. Wenn Sie sich selbst besser verstehen, können Sie die Argumente der anderen besser einordnen. Wenn Sie dann auch noch erkennen, was Ihr Gegenüber für ein Typ ist, können Sie anfangen, die richtigen Beispiele und Antworten für seinen Typ zu formulieren. Dieses Verständnis nimmt den Druck einer verbissenen Auseinandersetzung, bei der man schnell aneinander vorbeiredet und führt zu einem konstruktiven und erhellenden Dialog. Einen Dialog, der einfach mehr Spass macht. Und Spass ist doch etwas, was wir auf Politnetz haben sollten - oder?

Ich selbst sehe mich als eine Mischung aus dem Wissens- und Fühlen-Typ. Ich bin aufgeschlossen und interessiert an neuen Fakten, Ideen und Konzepten und lasse mich von einer anderen Meinung überzeugen - aber nur, wenn das neue Wissen auch mit meinen persönlichen Erfahrungen übereinstimmt. Sonst kann ich renitent stur werden ;-)

Und jetzt sind Sie dran, wie schätzen Sie sich ein?

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