Kinder entdecken die Welt und wir Erwachsene begleiten sie dabei

Es ist ganz einfach: Kinder entdecken die Welt und wir Erwachsene begleiten sie dabei. Unsere Aufgabe als Mutter, Vater, Nachbarin, Grossvater, Tagesmutter, Erzieherin, Spielgruppenleiterin und als Gesellschaft ist es, den Raum zu schaffen, in welchem sich die Kinder bei ihrer Weltentdeckung gut entwickeln können. Der Orientierungsrahmen soll dabei, was er sagt: Orientierung über den Rahmen dieses Raums geben.

Der Orientierungsrahmen läutet ein neues Kapitel in der Kinderbetreuung ein. Dieses geht von den zwei einfachen, aber zentralen Fragen aus: Was wollen Kinder und was brauchen Kinder? Auf diese Fragen gibt der Orientierungsrahmen Antwort. Sein Fokus ist damit das Kind.

Was wollen Kinder?
Sie wollen geliebt, angenommen und verstanden werden. Sie wollen sich aufgehoben und sicher fühlen. Sie wollen spielen, manchmal allein und sehr oft mit anderen Kindern, sie wollen plaudern, Geschichten hören, rennen, klettern, streiten, fragen, begreifen, verstehen, necken, plagen, dominieren, Freundschaften schliessen, Streit anfangen, Frieden schliessen. Sie wollen Lieder singen, basteln, malen, Musik machen, Schnecken zertreten, Würmer retten, Türme bauen und sie wieder kaputt machen, nichts tun, trotzen, nein sagen, weglaufen, Geheimnisse haben, Dinge verstecken usw.

Und was brauchen Kinder?
Sie brauchen eine Lebensumgebung, die obiges möglich macht. Sie brauchen und haben das Recht auf eine Umgebung und auf Erwachsene, die sich ihnen zuwenden, sie als eigenständige Persönlichkeiten wahrnehmen, ihnen Sicherheit bieten und ihrem natürlichen Lern- und Entwicklungsseifer Nahrung und Raum geben. So einfach ist das.

Wenn es also so einfach ist, wieso dann diese Aufregung?
Dazu vielleicht ein Blick in die Geschichte der Kinderbetreuung. Die ersten Kinderkrippen entstanden im Zuge der Industrialisierung. Insbesondere Frauenvereine, aber auch die Kirche engagierten sich, damit die Fabrikarbeiterinnen ihre kleinen Kinder nicht zur Arbeit mitnehmen oder alleine zuhause lassen mussten. Diese ersten Kinderkrippen hatten eine dreifache Zielsetzung: Erstens sollten sie der hohen Säuglingssterblichkeit durch Unterversorgung entgegenwirken, zweitens den Müttern den Rücken für die Fabrikarbeit frei halten und drittens eine sittliche Erziehung gewährleisten. Damit war klar: Nur wer in Not war, gab seine Kinder in eine Krippe.
Neu gesehen wurde die Kinderbetreuung in den 60er- und 70er-Jahren. Im Zuge der immer besseren Ausbildung der Frauen und der gesellschaftlichen Umwälzungen wurde das Aufbrechen der kleinbürgerlichen Familienformen gefordert und auch teilweise umgesetzt. Kinderkrippen wurden zunehmend als Alternative zur Heim-und Herd-Idylle verstanden. Damit war klar: Nur wer entweder in Not oder links war, gab seine Kinder in eine Krippe.

Diese Haltung blieb umso mehr in der gesellschaftlichen Seele haften – und meldet sich auch heute immer mal wieder zu Wort - , als die Schweiz die nächste Phase übersprungen hat. Während mit der neuen Gleichstellungsbewegung in den 90er Jahren der Ruf nach Kinderkrippen vor allem in den nicht-alemannischen Ländern immer lauter wurde, diskutierten wir in der Schweiz intensiv über die Neuverteilung der Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern. Teilzeitarbeit für Männern und Frauen auf allen Hierarchieebenen war die zentrale Forderung. Kinderkrippen wurde oft auch in feministischen Kreisen als höchstens die zweitbeste Lösung angesehen.

Erst als um die Jahrhundertwende erstmals Anzeichen eines Arbeitskräftemangels sichtbar wurden, rückte die Frage der institutionellen Kinderbetreuung in den Mittelpunkt. Die Arbeitgeber forderten für viele überraschend ein stärkeres Engagement für Kinderkrippen und Tagesschulen und im Parlament wurde das wohl aussergewöhnlichste Gesetze der neueren Schweizer Geschichte mehrheitsfähig: die sogenannte Anstossfinanzierung, also das Gesetz über Finanzbeiträge des Bundes an familienergänzende Kinderbetreuung.

Und dann kam Pisa. Ein weiterer Mythos unseres Landes - der des besten Schulsystems – wurde entzaubert. Der Schock sass tief. Nicht nur wegen der schlechten Leseergebnisse und dem hohen Anteil an sehr schlecht gebildeten Schulabgängerinnen und Schulabgänger. Wirklich beunruhigend war der Befund, dass das schweizerische Schulsystem die Herkunftsunterschiede der Kinder nicht ausgleicht, sondern noch verstärkt. Oder wie es bald treffend zusammengefasst wurde: In der Schweiz entscheidet die Länge des Büchergestells der Eltern über den Schulerfolg der Kinder.

Verschiedene Studie, die dem Pisa-Schock folgten, bestätigten die Resultate: Bereits beim Kindergarteneintritt unterscheidet sich der Lern- und Wissenstand der Kinder um mehr als ein ganzes Lebensjahr.

Was passiert denn in den ersten Lebensjahren, war die nächste Frage. Und damit war die Debatte beim Thema „Frühe Kindheit“ angelangt. Jetzt ging es ums Kind. Wie es zu den Unterschieden kommen kann, möchte ich mit einem einfachen Beispiel zeigen.

Beispiel „Hund“

Mutter/Vater und 1 und 1½ jähriges Kinder sind am Spazieren. Das Kind entdeckt einen Hund, zeigt auf ihn und sag Wauwau.

Mutter/Vater A nimmt davon keine Kenntnis, weil sie/er anders beschäftigt ist.
Mutter/Vater B sagt: Ja genau ein Wauwau.
Mutter/Vater C sagt: Ja, ein Hund. Der macht Wauwau.
Mutter/Vater D sagt: Ja, ein Hund. Und schau mal, ein ziemlich grosser. Der ist grösser als Danika von Oma. Und schau mal, was für ein schönes Fell er hat. Ganz schwarz mit schönen weissen Flecken. Und schau mal: Seine Nase ist schwarz, sein Ohrspitzen jedoch weiss.

Mutter/Vater E sagt: Ja, genau. Schau, das ist doch ein Appenzellerhund, wie Bless, der im Büchlein „Bless hilft“ vorkommt. Weißt du noch? Und weißt du noch, was Bless dort passiert ist? .... Genau! Er hat mit seiner guten Nase die Spur zur vermissten Lisa gefunden. Und sich dabei am Fuss verletzt. Er musste dann eine paar Wochen auf drei Beinen humpeln, der Arme. Sollen wir das wieder mal anschauen?

Kinder, die mit den Eltern D oder E unterwegs sind, werden auf ihrer Weltentdeckungsreise stärker unterstützt und haben damit ungleich bessere Chancen, ihre Neugier zu befriedigen und ihre Potentiale zu entwickeln.
Die Erkenntnisse über die grossen Entwickungsunterschiede im Kindergartenalter lösten viel Verunsicherung aus. Frühförderung hiess das neue Zauberwort. In gewissen Kreisen schwoll die Frühförderung rasch zu einer eigentlichen Frühbildungswelle an. Es wurden den Varianten F, G und weitere hinzugefügt. Kinder sollen doch die Hundenamen auch gerade noch in Englisch lernen und etwas Frühmathematik so im Sinne von: „Wenn der Bless noch einen Bruder hat: Wie viele Hundebeine siehst du dann?“ Mit Frühenglisch und Früh-was-auch-immer versuchen Eltern, die Chancen ihrer Sprösslinge auf eine spätere Spitzenkarriere zu optimieren. Irgendwie scheint sich in weiten Teilen das Gspür für die Kinder zwischen Zukunftsangst und Ehrgeiz aufzulösen.

Vor diesem Hintergrund schien es der Schweizerischen unesco-Kommission, dem Netzwerk Kinderbetreuung und den mit diesen Organisationen verbundenen Fachleuten höchste Zeit, alte Erkenntnisse über das frühkindliche, natürliche Lernen in Erinnerung zu rufen. Ich erwähne hier nochmals ein paar zentrale:

  • Kinder lernen am meisten von, mit und durch andere Kinder.
  • Kinder lernen spielend und mit allen Sinnen.
  • Kinder lernen am eifrigsten und am ausdauerndsten in der frühen Kindheit.
  • Kinder bringen viel mit und sind gleichzeitig für eine gute Entwicklung auf eine anregende, kindgerechte Umgebung angewiesen.
  • Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo und machen eigene Wege.

Damit wir hier aber nicht stehen bleiben, sondern tatsächlich ein neues Kapitel in der Kinderbetreuung eröffnen, konkretisiert der Orientierungsrahmen diese Grundsätze und leitet davon ab, was das für uns Erwachsene bedeutet. Denn ob kleine Kinder sich gegenseitig beim Nachmachen von Tierlauten übertrumpfen wollen, Klettertürme zu erklimmen versuchen oder uns unermüdlich mit Warum-Fragen an die Grenzen bringen: Beim Spielen mit anderen Kindern und im Austausch mit uns Erwachsenen passiert’s. So einfach ist das.

So weit so einfach. Ziel und Hoffnung ist es nun, dass sich möglichst viele Menschen, die mit kleinen Kindern zusammen sind, an diesem Orientierungsrahmen orientieren und damit mithelfen, allen Kindern den Raum zu schaffen, der sie beim natürlichen Lernen und in ihrer Entwicklung unterstützt. Denn darauf hat jedes Kind ein Anrecht. Wie dieses Recht eingelöst wird, lässt er offen. Diese Frage muss die Politik beantworten. Und das ist etwas weniger einfach.

5 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Kinder»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production