Über "Sicherheitsabschaltungen"...

Sehr geehrte Leserinnen und Leser

AKWs besitzen bekanntlich unzählige Sicherheitsvorkehrungen. In letzter Zeit wurden in der Schweiz gleich mehrere Male automatische Sicherheitsabschaltungen vorgenommen. So umstritten die AKWs jedoch sind, die "Sicherheitsabschaltung" in unserem Jugendstrafrecht scheint nicht zu funktionieren.

Lesen und staunen Sie selbst...

Beitrag auf der Webseite des "Bieler Tagblatts" vom 16.04.2012

Gefürchteter Stammgast in Brügger Garage
Ein Jugendlicher stiehlt in einer Garage in Brügg während Jahren immer wieder teure Autos und Taxis, obwohl er in einem Jugendheim lebt. Er liefert sich Raserrennen mit der Polizei und befreit seine Freundin mit dem Bagger.

(LT) Der Brügger Garagist Georg von Haller hat Verständnis für Kinder und Jugendliche: «Vielen fehlt heute der Freiraum. Sie können sich nicht mehr richtig austoben.» Bei Samir* allerdings hört sein Verständnis auf.
Von Haller, Inhaber der Garage American Automobile, und Reto Müller, Besitzer von Joker Taxi, kennen Samir, seit er 15 ist. Nicht gut. Aber seit nunmehr drei Jahren ist er eine Art Schatten, der immer wieder in ihr Leben tritt.
Damals, vor drei Jahren, suchen die Mitarbeiter ein Auto in Georg von Hallers Garage an der Bernstrasse. Das Auto ist verschwunden, der Schlüssel dazu auch, ein Fenster eingeschlagen. Sie rufen die Polizei.
Drei Tage später wird der Dieb samt Auto erwischt. Es ist Samir, der im Mitsubishi Evolution sitzt, ein Rallye-Auto mit Strassenzulassung. Das Auto ist stark beschädigt, was Reto Müller nicht wundert: «Ein 15-Jähriger hat nicht genügend Routine, um so ein Geschoss zu fahren.» Was Müller nicht weiss: Bereits als Zwölfjähriger hat Samir das Auto seiner Mutter für eine Spritzfahrt geklaut.
Das Auto wird zur Garage in Brügg zurückgebracht und repariert, es wird eine Strafuntersuchung eingeleitet.

Auto mit 217 km/h geblitzt
Zu dieser Zeit lebt Samir, dessen Eltern in einem Dorf in der Nähe von Biel wohnen, bereits in der halboffenen Abteilung eines Jugendheims im Kanton Aargau.
Es dauert nicht lange, bis der Albaner die Garage wieder anpeilt; ob er entwichen ist oder Freigang hat, weiss Georg von Haller nicht. Samir bricht ein, klaut den Schlüssel eines Porsche Cayenne und schraubt das Nummernschild des Ford Transit darauf, der Joker Taxi gehört. Bei Schönbühl wird er geblitzt, der Radar zeigt 217 Stundenkilometer an. Samir wird gestoppt.
Drei Wochen später flattert Joker Taxi eine Busse ins Haus, weil das Nummernschild des Ford Transit mit über 200 Stundenkilometern unterwegs war. Obwohl er verärgert ist, kann Reto Müller sich ein Schmunzeln nicht verkneifen: «Der Ford macht höchstens 140 Stundenkilometer. 217 Stundenkilometer schafft der nicht mal im freien Fall.» Der Irrtum ist rasch geklärt, die Busse hinfällig.
Georg von Haller und Reto Müller suchen die Garage und die Taxi-Zentrale in Brügg nach Schwachstellen ab, um weitere Einbrüche zu verhindern. Ohne Erfolg, Samir, nun 16-jährig, kommt wieder. Dieses Mal stiehlt er ein gelbes Joker-Taxi und fährt zum Jugendheim, in dem seine Freundin wohnt. Dort findet er einen Bagger, bricht ins Heim ein und befreit die Freundin.
Tagelang ist das auffällige, gelbe Taxi unauffindbar. Irgendwann meldet ein Passant Reto Müller, dass sein Taxi beim Lindenhof in Mett stehe, darin zwei schlafende Personen. Er habe sie geweckt und gefragt, was sie da machen würden.
Drei Chauffeure von Joker Taxi fahren so schnell als möglich zum Lindenhof, plus zwei Streifenwagen der Polizei. Das abgestellte Taxi ist leer. Nun durchstreifen fünf Autos den Wald, «ohne Ergebnis», wie Reto Müller sagt. Samir und seine Freundin werden erst später gefasst.
Jugendheime sind, anders als die Stammtischmeinung, keine «Kuschelknäste». In Prêles zum Beispiel kommen die Jugendlichen je nach Verhalten in die halboffene oder geschlossene Abteilung. Ausgang erhalten sie stufenweise: «Wer in der geschlossenen Abteilung ist, erhält anfangs nur begleiteten Probeurlaub», sagt Serge Gogniat, stellvertretender Direktor. Um die Verantwortung zu fördern, werden die Auflagen allmählich gelockert; es werden Alkohol- und Drogentests gemacht. «Wenn ein Jugendlicher sich nicht an alle Auflagen hält, bleibt er länger in der geschlossenen Abteilung», sagt Gogniat. Eine Verwahrung sieht das Gesetz für Jugendliche nicht vor.

«Frechster Autodieb»
An Samir scheinen alle Massnahmen abzuprallen. Georg von Haller hat dessen Heimleiter im Kanton Aargau angerufen und sich beschwert. «Der Heimleiter hat mir gesagt, Samir sei eigentlich ein ganz Lieber.»
In der Garage kehrt Ruhe ein, monatelang passiert nichts. Georg von Haller und Reto Müller atmen auf.
Bis sie eines Morgens feststellen, dass der schwarze Ford Mustang GT verschwunden ist, «ein richtiges Knight-Rider-Auto», wie Müller sagt. Samir hat ein Fenster der Garage aufgebrochen, dessen Rahmen zuvor verstärkt worden war. Er bricht immer nach dem gleichen Muster ein, offensichlich setzt der Jugendliche auf Bewährtes.
Er rast nach Basel, macht «krumme Dinge» zusammen mit Kumpels, wie Müller sagt, und gerät schliesslich ins Visier der Polizei. Er liefert den Streifenwagen ein Verfolgungsrennen, zuletzt über Stock und Stein, das es auf zwei Seiten der Boulevardzeitung «Blick» schafft und ihm den Titel «Der frechste Autodieb der Schweiz» einbringt. Bei der Festnahme leistet er massiven Widerstand, es braucht drei Polizisten, um ihn niederzuringen.
Gegenüber dem «Blick» sagt Samir: «Es war schon verdammt cool. Wir sind eine ganze Woche mit einem 410-PS-Teil herumgefahren.» Dass er dabei mit über 200 Stundenkilometern über die Autobahn raste, hält Samir für harmlos: Die Strasse sei schnurgerade gewesen, es habe wenig Verkehr gehabt.
Nach der Strolchenfahrt sieht der Ford Mustang himmeltraurig aus. «Megafrustig» sei es, immer wieder Autos in einem solchen Zustand zurückzubekommen, sagt Georg von Haller. Es sind Neuwagen, die er für Kunden importiert. «Wer 200 000 Franken für ein Auto ausgibt, will es neuwertig und nicht gefahren», sagt der Garagist.
Bislang konnte er sich mit den Kunden einigen: Er gibt zehn Prozent Preisnachlass und übernimmt die Reparatur. Die Ausgaben erhält er von der Versicherung zurück. «Die Schäden sind für mich zwar kein finanzielles Problem», sagt von Haller, «dennoch bleibt ein fader Beigeschmack.»
Wieder herrscht eine Weile Ruhe in der Garage in Brügg. Die Schlüssel der Autos, die Georg von Haller importiert, sind nun in einem einbruchsicheren Tresor eingeschlossen.
Eines Abends bringt die Schwiegermutter von Reto Müller ihr Auto zur Reparatur. Den Schlüssel versteckt sie, wie in vielen Garagen üblich, beim Auto. Am nächsten Tag ruft sie ihren Schwiegersohn an und fragt, was die Reparatur koste. «Du hast dein Auto doch noch gar nicht gebracht», sagt Reto Müller. Doch, hatte sie. Aber während der Nacht war Samir gekommen.
Ein weiteres Taxi von Joker verschwindet. Gefunden wird es in einem Schneehaufen in Mett.
Danach passiert über ein Jahr lang nichts mehr. Es scheint, als sei alles vorüber.
Am 19. März dieses Jahres ist es vorbei mit der Ruhe. Als die Mitarbeiter von Joker Taxi die Zentrale betreten, treffen sie auf ein Chaos. Ordner sind über den Boden verstreut, alle Schränke und Schubladen aufgewuchtet, der Täter hat mit allem gewütet, was ihm in die Hand kam: Am Boden liegen eine zerbrochene Schere, verbogene Messer und andere improvisierte Werkzeuge. Um einzubrechen, hat er die Klimaanlage aus dem Fenster gebrochen.
Einmal mehr fehlt ein Joker Taxi, Handys sind weg, GPS auch und eine grössere Summe. Reto Müller lässt nun alle Einnahmen sofort zur Bank bringen.
War es Samir? Die Polizei hat Spuren gesichert, das Ergebnis ist noch nicht bekannt. Müller und von Haller wollen Samir nicht vorverurteilen. Das Muster des Einbruchs sei allerdings das gleiche wie die sieben Male zuvor.
(* Name geändert.)


Ich bin baff. Wie ist so etwas überhaupt möglich? Spätestens nach der 2. Tat müsste der Jugendliche erst einmal verwahrt werden - und dennoch geschieht immer und immer wieder das genaue Gegenteil - auf "unbekannte Art und Weise" bricht er immer wieder aus der Anstalt aus (oder wird er sogar erst gar nicht eingesperrt?) - dieser Punkt wird im Beitrag totgeschwiegen. Myteriöserweise steht auch kein einziger Satz zur Bestrafung oder zu Massnahmen, welche nun getroffen werden (oder bereits früher hätten getroffen werden sollen).

Offensichtlich scheint der Gratisurlaub aka "verständnisvolle Therapie" bei manchen Jugendlichen nicht zu funktionieren - sämtliche Gutmensch-Filteranlagen in den Gehirnen der Betreuer scheinen einen Komplettausfall zu erleben, währenddem die nächsten Untersuchungen zum neusten Delikt bereits laufen...

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