Ein kleiner Essay zur ETH Studie zur "Energiezukunft Schweiz"

Vielen ist die besagte Studie zur Energiezukunft Schweiz, welche durch ein Konsortium von Forschern an der ETH erstellt wurde, bekannt. Auch wird diese gerade in der jetzt stattfindenden Energiediskussion sehr häufig zitiert, von Politikern, interessierten Bürgern und auch und vor allem von den Gegnern der Kernenergie. Jedoch habe ich das Gefühl, das viele diese Studie entweder gar nicht gelesen haben oder wenn, dann sehr leichtgläubig und nicht kritisch.

Ich würde gerne einen kurzen Abriss der Studie erstellen und dann mitteilen, welche Eindrücke ich beim lesen gewonnen habe - es soll jedoch kein kritisches, vollumfängliches Review darstellen. Dieses wird folgen, sobald es fertig ist.

Zum Inhalt der Studie und was sie eigentlich sagt - aber auch, was sie wahrscheinlich eigentlich gerne sagen würde. Das folgende Szenario mit den folgenden Randbedingungen wird untersucht:

  • Schrittweiser Ausstieg aus der Kernenergie
  • Deutliche Reduktion der CO2 Emissionen (Entkarbonisierung)

Dies sind schon die beiden Hauptziele. Folgende Massnahmen werden zur Erreichung dieser Ziele vorgeschlagen:

  • Zunehmende Elektrifizierung des Energiesystems (Entkarbonisierung)
  • Stromspeicherung (Entkarbonisierung und Ausstieg)
  • Massive Förderung der neuen Erneuerbaren Energien in der Stromversorgung
  • Steigerung der Energieeffizienz, v.a. auch im Bereich Wärme und Verkehr

Vor allem der letzte Punkt ist sehr wichtig, da mit dem Umbau des Energiesystems nicht nur die elektrische Energieversorgung betroffen ist, sondern eben das Gesamtsystem. Das heisst, das vor allem im Gebäudesektor (bspw. Heizung, Warmwasser, Raumwärme) und im Verkehrssektor eine entsprechende Entkarbonisierung stattfinden muss.

Als grobe Übersicht reicht das als Anfangspunkt. Ich möchte jetzt gerne die Frage klären, wie die Studie beim ersten (und zweiten) lesen wirkte. Man fühlt eine gewisse Aufbruchstimmung - dies soll denke ich auch sein. Zwischen den Zeilen spürt man aber auch die Gesinnung hinter der Studie. Wie die meisten wissenschaftlichen Studien ist auch diese sprachlich neutral gehalten - zumindest meistens. Jedoch wird gekonnt mit sogenannter positiver Formulierung gearbeitet. Bei der steigerung der Energieeffizienz im Elektrizitätssektor wird bspw. von "spezifischen Strompreisen" gesprochen.

Ebenfalls im Kapitel über die Entwicklung des Elektrizitätssektors:

Szenario „Hoch“ wäre aufgrund der Nachhaltigkeitsanforderungen unerwünscht, aber unter eine „business as usual“-Energiepolitik durchaus wahrscheinlich. Szenario „Niedrig“ wäre aus ökologischer Sicht vorteilhaft; damit es eintrifft, bedarf es aber einer eher unwahrscheinlichen Kombination mehrerer günstiger Einflussfaktoren

Die Szenarien beziehen sich auf die Nachfrage nach elektrischer Energie. Günstige Einflussfaktoren könnten hier bspw. massive Erhöhung der Preise für Brennstoffe, Elektrizität etc. darstellen, eine Verschärfung der gesetzlichen Rahmenbedingungen, kleineres Bevölkerungswachstum, schlechtere wirtschaftliche Bedingungen (auch teilweise Abwanderung der Industrie) etc. Man muss einfach klar sagen: die Verwendung des Wortes günstig wird hier allgemein positiv verwendet, bezieht sich aber sehr spezifisch auf die Entwicklung der Nachfrage im Elektrizitätssektor.

Was mir ebenfalls auffiele, sind die Aussagen über das elektrische Übertragungssystem in der Schweiz. Genauere, quantitative Statements sind darin nicht zu finden. Es wird jedoch gesagt, dass Um- und Ausbauten auf allen Spannungsebenen erforderlich sein werden und auch weitere Massnahmen zu ergreifen sind. In der Schweiz ist bekannt, dass es sehr schwierig ist, neue Starkstromleitungen zu bauen (Bundesgerichtsurteil zum Ausbau einer Leitung in Riniken bspw.) - es ist nicht zwingend gesagt, dass sich dies in der Zukunft stark verändern wird. Das zweite ist der Ausbau auf unteren Spannungsebenen, welche vor allem durch die dezentrale elektrische Energieerzeugung notwendig wird. Wie hier die Akzeptanz ist, wie hoch die Kosten sein würden etc. wird nicht erwähnt, in meinem Dafürhalten würde ich aber auch da von Opposition ausgehen.

Einen weiteren Satz möchte ich gerne noch zitieren, er stammt aus dem letzten Kapitel "Schlussfolgerungen und Ausblick".

Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass insbesondere durch den anvisierten langen Zeithorizont von mehreren Jahrzehnten diese Transformation des Energiesystems im Grundsatz technologisch machbar und wirtschaftlich verkraftbar ist.

Zwei Worte sind in diesem Satz entscheidend: "Im Grundsatz". Was heisst das jetzt im Konkreten? Eben, konkret heisst das gerade nicht, dass der vorgeschlagene Pfad so funktionieren wird. Es wird nur gesagt, das er funktionieren könnte. Im Grundsatz funktionieren viele Dinge, welche in der Ausführung trotzdem scheitern.

Einige Aspekte, warum die vorgeschlagenen Pfade eben nicht zwingend funktionieren müssen, sind einfach gesagt. Die Studie geht davon aus, dass es politisch keine Probleme bei der Umsetzung gibt - was für die Schweiz doch ein grosses Novum darstellen würde. Des weiteren werden viele sehr optimistische Annahmen bei technologischen Entwicklungen vorausgesetzt und die Akzeptanz neuer Technologien in der Bevölkerung wird auch nicht weiter in Frage gestellt (was in den politischen, bereits angesprochenen Bereich hineingeht).

Auch bei der Rolle der Politik habe ich einige Zweifel. Man sagt immer, die Umstellung komme wegen fehlendem politischen Willen nicht zustande. Man darf aber nicht vergessen: die Politik ist das Volk, in der Schweiz noch mehr als sonstwo. Mir scheint auch logisch, dass sich Politiker mit der Forderung nach schnelleren Verfahren beim Bau von bspw. Solaranlagen so schwer tun: schnellere Verfahren heisst schlussendlich eine Reduktion des Einspracherechts und somit mehr oder weniger direkt zu einer Beschneidung der Rechte der Bevölkerung - ich kann mir nicht vorstellen, dass hier kein politischer Widerstand aufkommen würde.

Ein weiterer Punkt wird in der Schlussfolgerung als positiv oder förderlich bewertet: dies ist der lange Zeithorizont. Es ist hier fraglich, ob man diesen langen Zeithorizont bei der gestellten Frage als positiven Einflussfaktor hervorheben sollte. Vor allem bei Prognosen über Entwicklungen in Bereichen wie Wirtschaft, Kosten, Bevölkerungsentwicklung etc. kommen bei längerer Dauer immer mehr Unsicherheiten dazu, was zu einer grossen Streuung und grosser Variation in den sich Ergebenden Resultaten führt. Im Zusammenhang mit einem grossräumig angelegten Umbau des Energiesektors, welche hohe Investitionskosten, grosse politische Efforts, viele neu zu etablierende Technologien, ist es deshalb unter Umständen eben keine gute Idee, den langen Zeithorizont als positive Grundlage zu betrachten.

Man könnte noch Sachen anführen wie das sehr positiv prognostizierte Wirtschaftswachstum, die geschätzte Preisentwicklung der erneuerbaren Energien oder die künftige Verfügbarkeit der Carbon Capture and Storage (CCS) Technologie. Diese Dinge sollen hier jedoch nicht weiter diskutiert werden. Jedoch sollen sie dem interessierten Leser der Studie einige Anhaltspunkte im Sinne des Beitragsautors genannt werden.

Jetzt zum vielleicht generellsten Punkt in der ganzen Debatte: ist die ETH Studie falsch? Nein, das ist sie nicht, die Annahmen sind ersichtlich (obwohl nicht immer mit Quellen gut fundiert), die Rechnungen klar, die Prognosen werden genannt. Sollte man sich auf sie verlassen? Politiker und auch viele Bürger sagen: ja, denn es ist dies die wissenschaftliche Erkenntnis der ETH. Da würde ich vehement widersprechen. Die Studie zeigt nicht DEN Weg. Sie zeigt bloss einen Weg, welcher dazu noch mit sehr optimistischen Annahmen arbeitet, welche wahrscheinlich so nicht eintreffen werden oder Umsetzbar sind, schon rein politisch nicht. Man sollte Sie wohl eher als einen Wegweiser für ein ehrgeiziges Projekt ansehen. Denn die Geschichte zeigt immer wieder, das (zu) optimistische und ambitionierte Projekte scheitern. Was würde dies jedoch im konkreten Zusammenhang heissen? Wenn ein Absenkungspfad nicht eingehalten werden kann (egal welcher), muss dies in einer Art und Weise kompensiert werden. Das kann im CO2 Bereich stattfinden, oder aber auch bei der elektrischen Energie (es ist Anzunehmen, dass mittels dieser am meistens kompensiert wird). Doch wie stehen wir gegebenenfalls da, wenn die Photovoltaik nicht so stark ausgebaut werden kann? Wenn die Potentiale der Wasserkraft nicht ausgeschöpft werden können oder zu hoch angesetzt waren? Was wenn die Nachfrage nach elektrischer Energie stärker steigt? Oder was passiert, wen Carbon Capture and Storage nicht zum Einsatz kommt? Es gäbe in diesem Falle nur wenige Dinge, welche getan werden können: Importe elektrischer Energie, Gaskraftwerke Inland, massive Erhöhung der Kosten für Energie etc.. Das hat auch nichts mit Panikmache zu tun; dies wäre die Realität.

Sie haben vielleicht Bemerkt, dass hier nicht von der Kernenergie gesprochen wurde. Dies ist hier auch nicht der Platz dafür - man muss einfach wissen, dass ein KKW, vor allem in der Schweiz, eine Verhältnismässig lange Bewilligungs- und Bauphase mit sich bringt. Der Einsatz der Kernenergie muss von langer Hand geplant sein, sonst ist man immer zu spät dran, salopp gesagt. Wenn also etwas in der Strategie nicht wie geplant funktioniert, kann die Kernenergie auf die schnelle nicht in die Bresche springen - ist als Option dann also nicht mehr verfügbar.

Zum Schluss: dieser Essay erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll nicht als kritisches Review betrachtet werden, sondern als eine kleine Sammlung erster Eindrücke nach dem lesen der Studie "Energiezukunft Schweiz". Vor allem aber sollen die Leute zum denken angeregt werden und nicht zuletzt auch zum lesen besagter Studie.

Torsten Betschart

Studie Energiezukunft Schweiz:
http://www.ethlife.ethz.ch/archive_articles/111114_energiestudie_rok/energiestudie_def

Bundesgerichtsurteil: Starkstromleitung Riniken
http://www.htst.ch/Doc/bger%20riniken%20.pdf

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