Abzocker — oder wer zockt denn wie genau?

Im Zusammenhang mit der noch immer hängigen Volksinitiative „gegen Abzockerei“ des Schaffhauser Ständerats und SVP Fraktionsmitglieds Thomas Minder etablierte sich das Unwort „Abzocker“ schweizweit als Synonym für schamlose Spitzenmanager unserer Grosskonzerne. Politiker und Bürger dieses Landes versuchen sich der Profilierung, diesem Treiben einen generellen Riegel zu schieben. Unerklärlich ist aber, weshalb sich diese Hexenjagt nur gegen diese Wirtschaftsvertreter richtet.

Die Zeitung „Blick am Sonntag“ veröffentlichte am 25. März 2012 eine Rangliste der 40 Topverdiener unseres Landes, welche im Jahr 2011 je zwischen 2 bis 15.93 Mio. Franken an Kompensation erhalten haben. Dabei handelt es sich ausschliesslich um Personen in der Funktion von CEO bis zum Verwaltungsratspräsidenten. Dem gegenüber wirkt das durchschnittliche Jahresgehalt eines Angestellten mit 70‘000 Franken geradezu mickrig und sorgt von links bis rechts für Kopfschütteln oder zumindest für Stirnrunzeln. Die grössten Kritiker dieser Gehälter argumentieren mit dem gefährdeten sozialen Frieden im Lande, mit der wachsenden Ungleichheit oder mit der Ungerechtfertigkeit, wenn beispielsweise eine Investmentbank Milliardenverluste einfährt, und die Kompensation der Topkader trotzdem in Millionenhöhe ausfällt. Diese Argumente treffen sicherlich zu, der Aktionär dieser Unternehmen sollte gemäss der Minder – Initiative deutlich mehr Mitspracherecht geniessen.

Dann gibt es aber auch unausgesprochene Argumente oder „weiche Faktoren“ gegen die beschriebene Abzocke. Die Sozialisten im Lande folgen dem Parteiprogramm der kollektiven Gleichmacherei. Die „Blick“ Schlagzeilen beflügeln ihre Argumente für eine 1:12 Initiative, Forderungen nach einem starken und reglementierenden Staat, in welchem es keine individuell Reiche mehr geben soll, sondern ein bescheidenes und gleichgeschaltetes Völklein innerhalb eines mächtigen, teuren und umverteilenden Sozialstaates. Der latente Neid einiger Zeitgenossen, welche sich über die vermeintliche Ungerechtigkeit im stillen Kämmerlein die Hand zu Faust formen, sind die stillen Soldaten dieses Treibens. Joseph Jimenez und Daniel Vasella verdienten als Führungsduo bei Novartis gemäss dem Blickartikel zusammen 29 Millionen Franken. Dieser Konzern machte im gleichen Jahr 53 Mia. Franken Umsatz. Somit beträgt dieser Lohnanteil etwas mehr als 0.05% dieser Erlöse. Würden nun diese beiden Manager auf Ihre Bezüge verzichten, und diese 29 Mio. Franken würden auf die total 123‘686 Mitarbeiter gleichmässig verteilt, würde jeder im Jahr 234 Franken mehr verdienen, also etwa 10 kostenlose Kantinenessen pro Jahr – vor Steuern.

Kein Sturm der Entrüstung jedoch bei anderen Spitzenverdienern. Der Schweizer Publikumsliebling Roger Federer beispielsweise wird kritiklos bejubelt, auch wenn er im 2011 gemäss „Tagesanzeiger“ 53 Mio. Dollar kassiert hat. Grösstenteils von Sponsorengeldern von Lieferanten unserer täglichen Bedürfnisse. Wie viel günstiger würden wohl diese Dienstleistungen oder Produkte für uns, wenn Federer kostenlos Tennis spielen würde? Der „TA – Artikel“ nennt weitere Spitzenverdiener wie Golfprofi Tiger Woods mit 62 Mio. Dollar Jahresgage, oder Fussballprofi Cristiano Ronaldo mit knapp 39 Mio. Dollar. Also weshalb wünscht sich der kleinkarierte Bürger Vasella & Co. ins Pfefferland, den viel besser verdienenden Federer aber nicht?

Obwohl der effektive Schaden einer vereinzelt existierenden und exzessiven Geldgier für Konsumenten oder Angestellte im marginalen Bereich liegt, bleibt die dominante Abzocke im Schleier des roten Ablenkungsmanövers. Die nämlich des Staates selbst. Bleiben wir beim Angestellten mit 70‘000 Franken Jahreseinkommen, einem Vermögen von 25‘000 Franken, verheiratet und zwei Kinder, gemischte Mitglieder in den Landeskirchen, lebt im Kanton Aargau mit einem Gemeindesteuerfuss von 94%. Gemäss Steuerrechner bezahlt er gesamthaft 6‘585.50 Franken an Gemeinde-, Kantons- und Bundessteuer. Nach Abzug der Wohnkosten (Miete, Telefon, Wasser, Strom, etc.) von etwa 31‘000 Franken verbleibt ihm als Zwischentotal 32'000 Franken. Damit geht er Haushaltsartikel wie Lebensmittel oder Kleider einkaufen, welches ihn mit 24‘000 Franken belastet. Es bleiben 4‘800 Franken für Krankenkassen, Versicherungen, ÖV, Arzt, Ferien und unerfüllbare Wünsche. Der Staat greift nebst den direkten Steuern auf die Konsumation mit beispielsweise der Mehrwertsteuer auf locker 4‘200 Franken zu. Alleine die staatlich verordnete Krankenkasse beträgt über 7‘300 Franken im Jahr, selbst wenn die Mehrheit der Bevölkerung im Grunde gesund ist. Der aufmerksame Rechner merkt aber bereits jetzt, dass das Budget im Minus abschliesst.

Zählt man nun weitere Steuern wie Stempel-, Tabak-, Alkohol-, Mineralöl-, Motorfahrzeugsteuern, Wasserzinsen, Benutzungs- oder Abfallgebühren usw. hinzu, dann trägt der Angestellte in unserem Beispiel sicherlich mindestens 15‘000 Steuerfranken in den Staatsetat. Das sind 21.43% seines Einkommens, oder fast 3 Monate eines Arbeitsjahres – vorsichtig gerechnet. Wenn man nun noch die staatlich verordnete Zwangsabgaben hinzuzählt, welche dem Kollektiv zugutekommen (2 x AHV Beitrag im Jahreswert von 7‘070 Franken plus Krankenkasse im Wert von 7‘300 Franken), dann arbeitet unser Angestellter mit 29‘000 Franken für das Kollektiv, oder eben 5 Monate seines Arbeitsjahres. Wer also ist der wahre „Abzocker“ im Lande?

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