Wenn wegen 100 Franken in der Behindertenwerkstatt ein Lohnsystem aufgebaut wird - dann Bürokratie-Stopp

Besuchten Sie schon einmal ein Behindertenheim? Wenn Sie zu den gestressten Zeitgenossen gehören, die von Termin zu Termin hetzen, die nie zur Erledigung der wichtigen Arbeiten kommen, weil immer wieder ein dringender Task den Zeitplan umkrempelt und Sie das Gefühl haben, Ihnen rinnt die Zeit durch die Hände, dann sollten Sie ein Behindertenheim besuchen. Dort ticken die Uhren ganz anders. Was im “normalen” Alltag keinen Aufschub erträgt, wird auf einmal völlig unwichtig, wenn man die lachenden Gesichter sieht und kuriose Begegnungen hat. Wo die “normale” Welt mit viel Aufwand die Etikette versucht zu wahren, sind Behinderte oft unbekümmert direkt. Herrlich herzhaft direkt. Ein wenig wie Kinder, die nie erwachsen wurden und für die Zeit und Geld eine untergeordnete Rolle spielt. Eine weit weniger wichtige Rolle wie zum Beispiel Sexualität. Und so dürfen Sie sich nicht wundern, wenn jemand auf Sie zukommt und nicht Fragen nach dem Beruf, dem Haus und dem Boot stellt, sondern Sie fragt: “Hast du schon Sex gehabt?”

Beziehungen, Gefühle und der Wunsch nach Erotik haben bei behinderten Menschen vielfach einen hohen Stellenwert und was auf der Zunge liegt, muss auch ausgesprochen werden. Aber passen Sie auf, wenn Behinderte etwas möchten, können sie genauso schlau sein und wissen treffend, welchen Knopf sie bei ihren Mitmenschen drücken müssen ;-)

Was hat das jetzt alles mit Bürokratie zu tun? Arbeit ist eine wertvolle Sache. Arbeit stiftet Sinn und gibt Struktur. Die vielen öffentlichen Werkstätten und privaten Unternehmen, die Menschen mit einem Handicap beschäftigen, leisten einen wertvollen Dienst. Wer Menschen mit besonderen Bedürfnissen beschäftigt, muss sich darauf einstellen, dass Hoch und Tiefs offener ausgelebt werden. Wenn die Medikamente neu eingestellt werden oder es einem schlechter geht, dann merkt man dies an der Leistung. Grossartig ist, wenn ein Betrieb mit Augenmass darauf Rücksicht nimmt.

Der Grossteil des Lebensunterhaltes bestreiten behinderte Menschen mit der IV und den Ergänzungsleistungen (selbstverständlich je nach Grad der Behinderung). Lohn kommt in kleinerem Masse dazu. Je nachdem, wo jemand arbeiten kann, gibt es 100 bis 1’000 Franken. Wenig Behinderte können diese Zahl richtig einordnen. Aber wie bei uns “Normalen” verstehen sie sehr wohl, ob der Andere mehr oder weniger verdient. Selbstverständlich wird verglichen und manch einer misst seinen Wert daran. Neuerdings wird an verschiedenen Orten von der Verwaltung intensiver darauf geachtet, wer bekommt wie viel.

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor. Ein junger Mann, nennen wir ihn Luca, ist seit längerer Zeit beim Arbeiten antriebslos. Es geht ihm nicht gut. Nicht, dass er nicht möchte, aber es beschäftigt ihn etwas und er braucht mehr Rücksicht und etwas mehr Auszeiten als vorher. Vielleicht sind es die neuen Medikamente, vielleicht ist es einfach ein Teil seiner Behinderung. In der Werkstatt erhält er für sein Halbtagespensum 200 Franken im Monat. Die Betreuer müssen darauf achten, dass er in dieser Zeit seine Ziele erreicht, gleichzeitig möchten sie ihm aber auch etwas mehr Freizeit geben. Er sollte zwischendurch Botengänge machen können und mit dem Hund spazieren gehen dürfen. Eigentlich sollte dies ganz einfach sein. Eigentlich.

Weil aber neuerdings New Public Management Einzug hielt, müssen auch die Behinderten Zielvereinbarungen erfüllen. Es gibt ein Lohnsystem. Wer bekommt nichts und ist nur beschäftigt, wer bekommt 100 Franken und wer leistet Arbeit für 200 Franken. Das ist vertraglich festgelegt, und weil unser Luca einen Vertrag für 200 Franken hat, muss dieser zuerst gekündigt werden, bevor er für eine Zeit von vielleicht 6 oder 12 Monaten etwas weniger arbeiten darf. Um diesen Vertrag zu künden, muss ein Meeting mit dem gesetzlichen Beistand gemacht werden und so sitzen Luca, der Beistand und zwei Betreuer um einen runden Tisch und reden darüber, ob es in Ordnung ist, wenn Luca etwas weniger arbeitet und auch 100 Franken weniger verdient. Der gesetzliche Beistand wird später ein Formular ausfüllen und bei der IV um eine Erhöhung der Ergänzungsleistung anfragen müssen. Viel übrig bleibt bei IV und EL nämlich nicht.

Die Vier sind sich einig, es macht Sinn, dass Luca vorübergehend weniger arbeiten sollte. Dies kann man aber nicht ab sofort machen, weil Luca zuerst den bestehenden Arbeitsvertrag ordentlich künden muss. Es wird also erst in 1 ½ Monaten möglich sein, umzusetzen, was für alle schon heute Sinn macht. Wegen 100 Franken werden die Mühlen der Verwaltung angeworfen. Vertrag künden, neuer Vertrag aufsetzen, warten, bis die Frist eingehalten wurde. Offene Frage: Sollte so eine Vereinbarung nicht einfach mit gesundem Menschenverstand abgeschlossen und umgesetzt werden? Muss man in einer Behindertenwerkstatt wirklich freie Wirtschaft spielen und künstlichen Druck aufbauen?

Ich kann mir gut vorstellen, wie man einst dieses neue Lohnsystem einführte. Es fanden wichtige Sitzungen, mit wichtigen Beratern und wichtigen PowerPoint Folien statt. Es wurde richtiggehend Bullshit-Bingo gespielt und alle klopften sich gegenseitig auf die Schultern, weil man ja ach so modern New Public Management macht. So läuft es oft auch in der freien Wirtschaft ab, aber dort hat wenigstens der Markt ein Druckmittel, wenn eine Firma überboardet. Aber welches Mittel stoppt die Bürokratie in der Verwaltung?

Die Betreuer an der Front finden das Prozedere lächerlich, eine unnötige Bürokratie und finden, es schade dem Luca. Leider haben sie kein Instrument, um zu verlangen, dass solcher Wahnsinn wieder abgeschafft wird. Mit der Bürokratie-Stopp Initiative geben wir allen in der Verwaltung ein Instrument in die Hand, mit dem sie sich bei solch unsinniger Bürokratie wehren können.

Wenn Sie also finden, dass man wegen 100 Franken keine Bürokratie braucht oder man zumindest die Regeln kulanter anwenden darf. Wenn Sie den Leuten vor Ort vertrauen, dass sie diese Freiheit nicht ausnutzen, sondern im Interesse aller Beteiligten einsetzen, dann ist die Bürokratie-Stopp-Initiative ein gutes Signal an die Verwaltung, dass Sie es als Stimmbürger gerne unkompliziert und menschlich wollen.

Die Bürokratie-Stopp-Initiative ist eine Initiative für alle Menschen in der Verwaltung und für jene Menschen, die mit der Verwaltung zu tun haben. Für Sie und mich ein B besser.

http://www.buerokratie-stopp.ch/

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