Die GLP – Ein einziger Widerspruch

Noch vor 20 Jahren assoziierten wahrscheinlich die meisten oder doch zumindest viele Menschen die Worte „Umweltaktivist“ oder „Umweltschützer“ mit birkenstock-tragenden Birchermüsliessern die in Strickpullovern aus Eigenproduktion herumliefen und in ihrem Leben noch nie ein totes Tier auf dem Teller gehabt hatten. Sie waren damals noch eine gesellschaftliche Minderheit, wurden vielerorts nicht richtig ernst genommen und aufgrund ihrer zum Teil sehr moralisierenden Art häufig belächelt.

Dies ist heute radikal anders: Umweltschutz ist als Anliegen in der Mitte der Gesellschaft angekommen, es ist massentauglich geworden. Und obwohl diese Entwicklung auf den ersten Blick zweifelsohne zu begrüssen ist hat sie auch eine gewichtige Kehrseite: Vor 20 oder 30 Jahren Umweltschützer gewesen zu sein, heisst immer auch Systemkritiker gewesen zu sein. Man stellte demnach das kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem aufgrund seiner ökologischen Sichtweise in Frage.
Warum war das so?

Das kapitalistische System, das zur Zeit im allergrössten Teil der Welt das gängige System ist, basiert darauf, dass fortwährend Wachstum generiert wird, Stillstand ist Rückschritt, schlimmer noch Stillstand würde den Kollaps des Systems bedeuten. Freilich heisst Wachstum jedoch immer steigender Ressourcenverbrauch. Immer. Durch Effizienzsteigerung kann man diesen Anstieg zwar deutlich verlangsamen, stoppen kann man ihn – solange unbedingtes Wachstum für das System überlebenswichtig ist – nie. Unbegrenztes Wachstum ist auf einer Erde die räumlich und bezüglich ihrer Ressourcen begrenzt ist, jedoch – und dies sollte auch dem strammsten Wirtschaftsliberalen klar sein – nicht möglich. Ökologie im eigentlichen Sinne bedeutet in letzter Konsequenz wenn nicht Senkung des Verbrauchs natürlicher Ressourcen, so zumindest auf keinen Fall einen Anstieg des Verbrauchs.
Doch genau in diesem Punkt gerät die Ökologie mit dem Wachstumszwang als lebenswichtige Bedingung des kapitalistischen Systems in einen Zielkonflikt. Denn wer sich für den Umweltschutz einsetzt muss konsequenterweise gegen den Kapitalismus sein. Viele der heutigen sogenannten Umweltschützer haben eine etwas andere Einstellung. Sie befürworten Umweltschutz, aber nur in einem für die Wirtschaft erträglichen Mass, nur wenn er effizient und wirtschaftlich ist, nur wenn er sich mit dem Wirtschaftswachstum vereinbaren lässt, bzw. dieses nicht hemmt. Umweltschutz also, der vor allem auf Effizienzsteigerung durch technologische Neuerungen (die ihrerseits ebenfalls Ressourcen benötigen) und nicht wirklich auf Ressourcen-Schonung abzielt.

Diese „Umweltschützer“ haben in der GLP eine neue politische Heimat gefunden.
Der jüngste Wahlerfolg ihrer Partei letzten Oktober, zeigt deutlich auf, dass sich das allgemeine Verständnis von Umweltschutz und Ökologie gewandelt hat. Die beiden Begriffe wurden komplett durch die kapitalistische Marktlogik vereinnahmt. Umweltschutz ist, um es mit den Worten der amerikanischen Sozialistin Elaine Bernard auszudrücken, zu einem Markt verkommen. Einem Markt, der genauso Profite und Dividenden abwirft wie jeder andere auch, einem Markt der solange bewirtschaftet wird wie er rentiert. Wenn dies irgendwann nicht mehr der Fall sein sollte, wird dieser Markt wieder rasant an Bedeutung verlieren. Beispiele und Belege für diese Ökonomisierung der Ökologie, für diese Kopplung von marktwirtschaftlichen Prinzipien und Umweltschutz – zwei Dinge die eigentlich, wie oben schon erwähnt nicht koppelbar sind – gibt es genug: My Climate, CO2-kompensiertes Fliegen, CO2-Zertifikate-Handel, Öko-Labels im Modehandel sind nur einige unter vielen Indikatoren für diese sehr beunruhigende Entwicklung.
Der Wahlsieg der GLP vom 23. Oktober 2011 ist der jüngste dieser Indikatoren. Die GLP verkörpert mehr als jede andere Partei diese Entwicklung, diesen Antagonismus zwischen Umweltschutz und Wachstumszwang, der letztlich nicht zu lösen sein wird ohne dass einer der beiden Bestandteile dieses Antagonismus verschwindet. Und genau dies ist momentan zu beobachten: Die Ökologie hat durch die Vereinnahmung durch den Markt ihr wichtigstes Attribut verloren, die kritische Sicht auf das kapitalistische System. Sie wurde „kapitalismus-kompatibel“ gemacht und hörte damit auf, richtige Ökologie zu sein. Was hier im Moment zu beobachten ist, ist der faktische Niedergang der klassischen Ökologie.
Zu behaupten, die GLP sei grün und setze sich für den Umweltschutz ein, ist geradezu zynisch, das G im Parteikürzel könnte irreführender und überflüssiger nicht sein. Die GLP betreibt keinen Umweltschutz, sie macht ihn mundtot.

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