Warum die Bürokratie-Stopp-Initiative stockt und Obama Hollywood engagierte

Erst drei Mal lancierte die FDP eine Initiative. Was die SVP und SP gekonnt immer wieder für ihren Wahlkampf nutzt, ist kein Instrument der FDP. Für die Pol-Parteien ist eine Initiative ein Geschenk. Man kann auf die Strasse gehen, mit den Leuten reden und positioniert sich beim eigenen Wahlvolk als Helden. Ob die Initiative Sinn macht oder nicht, spielt keine Rolle und die Auswirkungen werden oftmals ignoriert. Ob eine Initiative dem Land schadet oder nutzt, wird heruntergespielt. Hauptsache man ist auf der Strasse - bei den Leuten.

Die FDP wollte im Wahljahr 2011 auch mit einer Initiative punkten und lancierte die Stopp-Bürokratie-Initiative. Mit peinlicher Folge. Wenn überhaupt, kommen wir nur mit Ach und Krach auf 100’000 Unterschriften. Es ist offensichtlich, wir können nicht mobilisieren. Liegt es an der Initiative? Kaum, bei uns steht jeder geschlossen für die Idee Bürokratie-Stopp. Und selbst der politische Gegner unterstützt uns im Parlament. Der Kommunist Zisyadis lancierte eine ähnliche Motion im Nationalrat und auch der Grünen-Boss Ueli Leuenberger ist von der Idee Bürokratie-Stopp überzeugt.

Warum haben wir dann so Mühe, erfolgreich Unterschriften zu gewinnen? Weil uns das Wissen fehlt, wie wir packende Storys erzählen. Wir haben nicht gelernt, wie man Wähler mit Geschichten ins Boot holt. Darum verfehlen wir womöglich unser Ziel von 100’000 Unterschriften. Wenn wir Geschichten erzählen, müssen wir es nicht unseren Pol-Parteien nachmachen und Pseudoprobleme hochstilisieren oder leere Versprechen abgeben. Wir müssen nur lernen, wie wir staubtrockenen Fakten Leben einhauchen.

Wer auf www.buerokratie-stopp.ch surft, wird von einem kühlen Blau empfangen. Bilder zur emotionalen Identifikation fehlen und das Argumentarium besteht vorwiegend aus Zahlen. Vergleicht man die Bürokratie-Stopp-Website mit der Website von Greenpeace zum Fukushima-Jahrestag, wird der Unterschied offensichtlich. Statt trockener Cäsiumwerte, Prozentzahlen und technische Ausdrücke, sieht man bei Greenpeace fiktive Bilder von Bern, wenn ein Atomkraftwerk in der Schweiz explodiert. Einen leeren Bundeshausplatz nach dem Super-GAU und eine Autobahn mit 100en von Autos im Stau, die zu Fracks zerfielen, als die Menschen fliehen wollten. Diese Bilder lassen das Kopfkino der Besucher starten. Da wird ohne ein Wort aus der Autokolonne ein Massengrab.

Diese emotionale Wucht, wie sie Fukushima hat, hat nicht jedes Thema, aber jedes Thema hat eine Geschichte zu erzählen. Und diese Geschichte muss erzählt werden, wenn man will, dass Freiwillige sich für eine Initiative einsetzen und 100’000 Menschen für eine Unterschrift gewinnen.

Wollen wir den Bürokratie-Stopp, brauchen wir keine Sätze wie: “Die durchschnittliche Belastung durch administrative Arbeiten nimmt exponentiell zu, je weniger Angestellte in einem Betrieb beschäftigt sind.” Damit gewinnen wir keinen Blumentopf und keine Unterschrift. Wir brauchen Geschichten wie die von Marcus Kuhn und Ata Hezretkuliyev, die gemeinsam eine Firma gründen wollten, Angestellte einstellen wollten, aber nicht starten konnten, weil ein Beamter die Arbeitsbewilligung für Ata verhinderte.

Wir dürfen auch gerne mit Geschichten punkten, die dem politischen “Gegner” naheliegen. Wer ein Gesuch um Ergänzungsleistung bei der IV eingibt, muss manchmal Monate auf eine Antwort warten und weiss in der Zwischenzeit nicht, wie er die Rechnungen bezahlt und ab dem 18. im Monat gibt es bestimmt kein Fleisch mehr auf dem Teller - egal wie gerne die Kinder Spaghetti mit Würstchen hätten. Es fehlt das Geld. Oder die Geschichte der alleinerziehenden Mutter, die ihr behindertes, zweijähriges Kind gerne bei sich zu Hause hätte und um einen Unterstützungsbeitrag von 700 Franken anfragt, diesen aber nicht erhält, weil man nach den Regeln der Bürokratie stattdessen einen Heimplatz für 4’000 Franken im Monat finanziert. Bürokratie-Wahnsinn. Bürokratie, die gestoppt werden muss!

Es besteht die Möglichkeit, dass wir die Initiative durchbringen und sie vors Volk kommt. Ist sie einmal vor dem Volk, müssen wir aber nicht nur 100’000 Personen überzeugen, dann müssen wir eine Million Menschen auf unsere Seite bringen. Wenn wir nicht lernen, eine gute Geschichte zu erzählen, dann wird man uns die Butter vom Brot nehmen.

Was hat das jetzt alles mit Obama zu tun?

Obama gab vor vier Jahren ein Versprechen: “Yes, we can”. Dieses Jahr ist Wahljahr. Hat er sein Versprechen eingehalten. Kann er seine Bürger auf nochmals vier Jahre einschwören? Um dies zu machen, setzt er auf Geschichtenerzähler. Und moderne Geschichtenerzähler greifen auf jene Struktur zurück, die die Griechen in der Antike entdeckten: Die Heldenreise. Eine Struktur, die in jedem Hollywoodfilm aber auch in Hänsel & Gretel drin steckt. Grob kann sie in fünf Phasen eingeteilt werden.

  • Ein Mensch, der Widerwillen eine grosse Aufgabe zu lösen hat.
  • Es geht bis zur Mitte alles gut / oder es geht alles schlecht.
  • In der Mitte wechseln die Gefühle. Ging vorher alles schlecht, geht es bergauf. Ging vorher alles gut, geht jetzt alles bergab.
  • Die Geschichte steuert auf ein grosses Finale zu. Der Held hat eine Tat zu vollbringen, die über Sieg oder Niederlage entscheidet.
  • Kurzer Abspann und womöglich ein Ausblick.

Niemand beherrscht das Handwerk des Geschichtenerzählens besser als Hollywood und so engagierte Obama den Oscar-Gewinner Davis Guggenheim für die Regie und Tom Hanks als die Stimme für Obamas ersten grossen Wahlkampfspot zur Wiederwahl: “The Road We’ve Traveled”. Eine Geschichte von einem Helden, der die schlimmste Krise seit der Grossen Depression erbte. Ein Präsident, dessen Land den Bach runter ging. Indem Jobs vernichtet wurden und Menschen auf der Strasse standen. Von einem Präsidenten, der zwei Kriege zu beenden hatte und oft - viel zu oft - Entscheidungen alleine zu treffen hatten. Von einem Präsidenten, der sich nicht drückte und seine Verantwortung wahrnahm. Aber sehen Sie selbst, wie grossartiges Geschichtenerzählen funktioniert. Das sollten wir von der FDP auch lernen.

Fast hätte ich es vergessen.
Seit Anfang Jahr und bis Ende April arbeiten Sie nicht für sich selbst und Ihre Familie, sondern für den Staat. Sie spüren es nicht alleine auf Ihrer Steuerrechnung, die Gebühren sind gut versteckt in den Preisen. Ob ein Produkt wegen einer Bürokratie-Etikette verteuert wird oder weil wir KMU Ihnen höhere Preise verrechnen, weil wir uns mit unsinnigen Regeln herumschlagen. Wenn Sie dies ändern wollen, hier geht es zum Unterschriftenbogen Bürokratie-Stopp.

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