Unser Bildungssystem: Zwischen Top und Flop

Sehr geehrte Leserinnen und Leser

Ich habe als 20 jähriger noch sehr frische Erinnerungen an meine Schulzeit und möchte hier einige Eindrücke und Erfahrungen festhalten. Wie steht es um unser Bildungswesen? Wo können wir uns noch verbessern? Und was erwartet uns in der Zukunft?

!!! Achtung an alle Lesemuffel: Der Beitrag ist lang und sehr detailliert. !!!

Die Lehrer

Grundsätzlich hatte ich praktisch immer sehr angenehme, neutral unterrichtende und engagierte Lehrer. Sie sorgten für viel Abwechslung und manche gestalteten ihren Unterricht sogar so interessant, dass ich mich sogar auf manche Lektionen freute.
Andererseits gab es auch vereinzelt Lehrer, welche durch den Stress komplett überfordert waren und ihren Unterricht einfach nicht im Griff hatten. Manche waren mit der Art der Schüler überfordert, andere haben wohl während ihrer Lehrerausbildung ein paar Mal ein Nickerchen gehalten. Als Schüler spürt man die zunehmende Belastung, welche auf die Lehrerschaft einwirkt sehr deutlich. Burn-Outs, Kollektivstrafen und Gleichgültigkeit gibt es immer wieder! Bei solchen Problemen deckt sich die Lehrerschaft gegenseitig, sodass in nur sehr wenigen Fällen ein Arbeitskollege klar Position bezieht und auch einmal das verhalten eines Lehrers scharf kritisiert und sich für die Schüler einsetzt. Die Lehrer haben grundsätzlich nicht zu viel Macht, sondern sie sind faktisch "unverwundbar", egal wie schlecht oder unfair deren Verhalten ist. Die Anforderungen sind von Lehrer zu Lehrer verschieden, sodass zwar beim gleichen Lehrplan aber ganz andere Noten und Leistungen erbracht werden - die Voraussetzung um eine Matura zu bestehen oder im Berufsleben oder im Studium weiterzukommen, kann deshalb von Lehrer zu Lehrer innerhalb einer Schule vollkommen verschieden und im Vergleich zu einem anderen Lehrer in einer anderen Schule dann wieder sehr ähnlich sein - ganz blöd!
Die Schüler wissen aber mittlerweile auch sehr gut wie man sich dagegen konstruktiv wehrt, denn es gibt an eigentlich jeder Schule eine Schülerorganisation oder eine Beschwerdestelle.

Der Lehrplan

Der Lehrplan ist gut strukturiert und enthält die für die Folgejahre grundlegenden Informationen. Spätestens bei neuen Klassen oder beim Übertritt ins Gymnasium erkennt man das umfassende System, denn die neuen Schüler sind alle mehr oder weniger auf dem selben Wissensstand. Die Anpassung an das neue Klima und das Fortführen des Unterrichts auf einer neuen Stufe kann demnach sehr zügig vorangehen. Dies deutet darauf hin, dass das System in der ganzen Schweiz mehr oder weniger das Selbe ist und dass es auch eingehalten wird.
Aus meiner Sicht gibt es aber auch schwerwiegende Probleme in unserem Lehrplan. Es wird viel zu viel Zeit für unnötige Fachbereiche verschwendet. In der Primarschule lernen die Schüler zum Beispiel mit Tusche schreiben, es geht übermässig Zeit für immer unwichtiger werdende Lebensbereiche (Werken, Handarbeiten, etc.) verloren. Auf der anderen Seite habe ich (als Maturand) während meiner Schulzeit nie gelernt, wie man eine Abrechnung schreibt. Ich habe nur sehr kurz in der 7. Klasse gelernt, wie man eine Bewerbung schreibt. Wenn ich mich nicht politisch interessieren würde, könnte ich heute noch die 7 Bundesräte, Parteizugehörigkeit und Departement nennen, eventuell hätte ich unser 2-Kammernsystem noch im Hinterkopf - aber mehr nicht! Solche grundlegendste Kenntnisse werden an unserer Schule gar nicht oder viel zu oberflächlich vermittelt. Stattdessen wird ein sehr hohes Gewicht auf vertiefte mathematische, chemische und Biologische Erkenntnisse gelegt. Das ist zwar sehr spannend und für manche Studiengänge notwendig und darf deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden - aber gespart wird dann trotzdem am Essentiellen.
Sinnvoller wäre es, zu Lasten dieser Bereiche ein neues obligatorisches Fach zu etablieren, welches die Schweizer Kultur, Geschichte und Politik vertieft thematisiert und welches womöglich auch zur Abwechslung etwas Lehrreiches für den beruflichen Alltag liefern kann.

Die Schulen

Die Schulhäuser erreichen vielerorts ihre Grenzen der Kapazität. Durch die hohe Einwanderung muss eben auch die Infrastruktur ausgebaut werden, was vielerorts bisher vernachlässigt wurde, da man nicht von einem so rapiden Anstieg ausging.
Die Schulhäuser sind meist sehr gut gelegen und sind relativ gut ausgestattet. Die Ausstattung hinkt in vielen Fällen aber unserer Zeit weit hinterher - so besitzen viele Primarschulen keinen Computer im Klassenzimmer und auch keinen Beamer, sondern "nur" einen Projektor - von Interaktivität und Nutzung der neusten Technologien keine Spur, obwohl diese immer wie mehr unseren Alltag beherrschen. Die Gymnasien sind in der Regel besser ausgestattet, aber auch da läuft noch das veraltete Windows 2000 oder XP, welches sehr häufig schlicht und einfach versagt. Das Arbeiten mit solch neuen Technologien ist deshalb erst gerade in unseren Klassenzimmern angekommen. Auch hier wird zum Teil extrem Zeit vergeudet - die Standardprogramme wie Word werden auf ein halbes Semester gewichtet (obwohl bereits 5 Stufen tiefer jeder Schüler die Programme besser beherrsch, als der Lehrer) und im Gymnasium wiederholt man das Ganze und lernt dann auch noch Spiele programmieren. Letzteres ist zwar spannend, aber sicher nicht anderen Bereichen (wie den Gefahren im Internet, dem Erstellen einer Webseite, etc.) vorzuziehen, welche im Berufsleben eine weitaus grössere Bedeutung haben. Solche Unsinnigkeiten gibt es auch in manchen anderen Fächern.
Die meisten Schulen müssen dringend renoviert und/oder ausgebaut werden, bei dieser Gelegenheit sollte auch auf eine sinnvolle und zeitgemässe Einrichtung geachtet werden!

Die Schüler

Auch in der Schülerschaft gab es in den letzten Jahrzehnten einen Wandel. Währenddem die Generation der meisten heutigen Politiker als Schüler noch fast geschlagen werden durfte, ist der heutige Schüler im Vergleich dazu schon fast verwöhnt. Das heisst nicht, dass man Schüler schlagen oder in jedem Fall äusserst hart bestrafen sollte - es gibt aber einfach immer mehr Problemkinder. Da gibt es welche in der Primarschule, welche andere Kinder unterdrücken um cool zu sein - das sind dann meist jene, welche in den Realklassen und Kleinklassen und später in der Arbeitslosenversicherung oder im McDonalds Verkaufsstand landen. Dann gibt es solche mit Eltern, welche der Meinung sind, das Kind sei viel zu gut für diese Klasse und werde unfair behandelt. Jede Anstrengung ist zu viel und die Schule ist grundsätzlich "scheisse" - diese Sorte wird im Verlauf der Schulzeit oder im Berufsleben gewaltig auf die Schnauze fallen, erst dann wird in den meisten Fällen eine Veränderung eintreten. Und dann sind dann noch jene, welche um jeden Preis immer die besten sein wollen und von den Lehrern verhätschelt werden, weil es ja fast die einzigen sind, welche dem Unterricht folgen. Im Glaube sie seien die Besten, werden auch die dann spätestens im Gymnasium ebenfalls auf die Schnauze fallen.
All diese Fälle gibt es, so war das auch während meiner Schulzeit und wahrscheinlich auch in Ihrer. Die Frage ist nun, wie gehen wir (oder besser gesagt die Lehrer und Schüler) damit um?
Die Lehrer werden durch solche Fälle schon fast dazu gedrängt, die Erziehung der Kinder zu übernehmen, da die Eltern Zuhause komplett versagen. Das ist eindeutig nicht ihre Hauptaufgabe und belastet sie zusätzlich durch die immer grösser werdenden organisatorischen Verpflichtungen nur noch mehr! Solche Probleme werden nicht von den Lehrern oder Schülern geschaffen, sondern primär von den Eltern Zuhause - denn diese haben ihren Kindern nie eine andere Atmosphäre vermittelt. Die meisten Problemschüler sind also gar nicht Hauptschuldiger, sondern das sind die Eltern! Der Staat muss, wenn flächendeckend solche Missstände herrschen, eingreifen. Die Lehrer müssen die Befugnis erhalten, auch einmal die Eltern in die Schranken zu weisen und sie auf die Erziehung, Integration und auf das Pflichtbewusstsein zu verweisen (und nicht immer die Schüler). Natürlich gibt es dann auch die unbelehrbaren Problemkinder, auf welche individuell eingegangen werden muss.
Auf der anderen Seite habe ich den Eindruck erhalten, dass es besonders am Gymnasium einen regelrechten Niveausprung bei den Schülern gab. Der Konkurrenzkampf führte dazu, dass es nicht mehr cool war nicht mehr zu lernen, sondern dass man fast ausgespottet wurde, wenn man ausserordentlich schlechte (schadenfroh) oder gute Noten (Neid) schrieb. Das Lernverhalten der Schüler hat sich noch während meiner Schulzeit grundlegend verändert - während der Primarschule war vor allem das gute alte Buch die Informationsquelle für Arbeiten oder Prüfungen. Während der Gymmerzeit war es "bumms, tätsch" das Internet. Die Litereaturbücher wurden nicht mehr gelesen, sondern deren Zusammenfassungen auf Wikipedia. Wie funktioniert schon wieder die Integralrechnung (für all jene, welche jetzt grosse Augen machen: Damit berechnet man die Fläche unter einem Graphen, also den lustigen Linien in einem Koordinatensystem - ja, genau, dem lustigen Gebilde mit den x/y/z Achsen)? Nein, man schaut nicht in den Schulunterlagen, man geht auf YouTube, dort lernt man den Schulstoff der letzten 2 Monate innerhalb von 10 Minuten und man versteht in dann am Ende sogar - toll! Der Unterricht wird zum Teil nur noch halbwegs aktiv mitverfolgt, da das Internet die Zusammenhänge so oder so besser und einfacher präsentiert, als der Lehrer mit seinen komplizierten Referaten und nicht nachvollziehbaren Gedankensprüngen, Formeln und Jahreszahlen.
Deshalb sollte man nun endlich auch die Zeichen der Zeit erkennen und in den Schulen im Unterricht das Internet und die modernen Technologien wie das iPad viel, viel, viel öfters und pragmatischer benutzen - sonst wird dies so oder so Zuhause erledigt.

Spezialfall Sport

"Die Bevölkerung ist zu dick." "Die Bevölkerung ist zu faul." "Die Kinder sitzen den ganzen Tag nur vor der Flimmerkiste." Das sind alles berechtigte Aussagen, welche so mehr oder weniger zutreffen. Die Lösung des Problems liegt zum Teil wohl auch in der Schule. Den Sportunterricht in der Schule habe ich immer geliebt, er war vielseitig (dazu gehörten auch sehr unbeliebte Lektionen wie Leichtathletik oder 12-Minuten-Lauf, Orientierungslauf, etc.). Aus meiner Sicht wird der Sportunterricht aber noch zu wenig stark gewichtet. Auf allen Stufen hat man nur 3 Stunden Sport pro Woche, meistens sind das eine Einzelstunde und eine Doppelstunde. In der Einzelstunde kann man selten etwas intelligentes zu Stande bringen, da die Zeit einfach zu knapp ist, also bleibt noch die Doppelstunde. Sowohl in der Primarschule, als auch im Gymnasium wird der Sportunterricht aber speziell bewertet, nämlich überhaupt nicht. Zwar erhält man eine Note im Zeugnis, für die Promotion ist sie aber nicht ausschlaggebend - Kunstfächer wie Werken, Handarbeiten, Gestalten, Zeichnen oder Musik aber schon! Das ist in keiner Weise gerechtfertigt und erbringt für die Schüler auch keine Motivation. Das hat zur Folge, das von Sportmuffeln der Sport (besonders im Gymnasium) sehr einfach geschwänzt werden kann (Verletzung, Krankheit, Erkältung, Sportsachen vergessen, etc.). Die Sportstunden werden dann dazu verwendet, die Hausaufgaben zu erledigen oder für eine Prüfung zu studieren. Die sehr individuellen Probleme an den Schulen können also nicht gänzlich oder nachhaltig individuell gelöst werden, da das Problem weiter oben beginnt: Nämlich bei der Gewichtung.
Ich habe bereits hier einen Beitrag verfasst, in welchem ich darlege, wie der Sport mehr Gewicht erhalten könnte. Kurz, es geht darum im Sportunterricht vermehrt die lokalen Clubs zu unterstützen und deren Angebot zu nutzen (sprich in der Nähe Tennis zu spielen, Kajak zu fahren, zu Klettern, bei einem Fussballtraining reinschauen, etc.). Auch eine Überlegung Wert wäre es, ein ähnliches System wie die Amerikaner einzuführen - an Gymnasien (Highschool) und Unis (College) sollen Sportteams mit eigenen Ligen gegründet werden, welche für die Unis in den lokalen Clubs spielen. Dies würde die Schüler dazu motivieren wieder mehr Sport zu treiben und natürlich würde es auch die vielen lokalen Clubs unterstützen, welche alle mit Mitgliederschwund und somit auch finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Zusätzlich würden die Jugendlichen beim Übertritt in das Berufsleben/Studentenleben nicht vor die "Entweder-oder-Problematik" gestellt werden, denn heute muss man sich als Sporttalent sehr früh für eine Sportkarriere oder für die Schule entscheiden. Sehr viele Talente werden es nicht schaffen und haben so wertvolle Zeit für ihre schulische Ausbildung verbraucht und stehen mit 19 Jahren mit einer unterdurchschnittlichen Existenzgrundlage da - andere haben dieses Problem erkannt und müssen zum Beispiel beim Übertritt in eine Universität komplett auf regelmässiges Training verzichten, dies wiederum schadet dem hochstehenden Breitensport und auch der Lebensqualität.
Sport muss wieder mehr gewichtet werden und zwar mindestens so stark, wie alle anderen Kreativfächer, aus meiner Sicht sogar stärker! Denn Sport hält gesund und 99% der Kinder haben Spass daran, man lernt Teamfähigkeit, Vertrauen, lernt neue Sportarten kennen und übt sich in der Koordination.

Persönliche Erfahrungen und Eindrücke

Grundsätzlich möchte ich hier drei zentrale Eindrücke und Punkte auflisten, welche mir besonders stark geblieben sind:

  • Erstens, habe ich während meiner 12 jährigen Schulzeit sehr viel Wissenswertes mitgekriegt, meine Allgemeinbildung und die Voraussetzungen für das Berufsleben sind sehr gut. Trotzdem habe ich auch sehr viele unnötige Lektionen in Erinnerung - nicht weil mich das Thema nicht interessiert hätte, sondern weil ich seit dem Ende der Primarschule/des Gymnasiums das Gelernte schlicht und einfach nie mehr gebraucht habe und wohl auch nie mehr brauchen werde.
  • Zweitens, speziell in unserer Primarschule ist mir aufgefallen, dass besonders Kinder aus sozial schwächeren Schichten in den Realklassen und Kleinklassen landeten. Ebenfalls massiv übervertreten waren Kinder aus Migrantenfamilien, aber fast nur jene, aus ebenfalls sozial schwächeren Schichten. Diese fielen immer wieder extrem negativ auf. In jeder Klasse hatte es erfreulicherweise auch Kinder aus anderen Ländern und Kulturen, welche für einen sehr spannenden und lehrreichen Kultur -und Wissensaustausch gesorgt haben.
  • Drittens, ein ganz zentraler Eindruck aus dem Gymnasium ist mir geblieben: Die Fächer Französisch und Mathematik werden gehasst! In manchen Klassen werden deshalb diese beiden Fächer "sausen" gelassen - das heisst konkret, dass man für diese Fächer absolut nichts mehr erarbeitet, weder Hausaufgaben, noch Prüfungen, noch irgendwas - basta. "Man" hat in diesen Fächern so oder so eine schlechte Note, welche man mit den guten Fächern am Ende des Jahres im Zeugnis dann kompensiert und dieses somit genügend ist - das funktioniert. So war das auch in unserer Klasse, in Mathematik gaben einige halbwegs auf, aber im Französisch war die ganze Klasse eine Katastrophe: Unser Zeugnisdurchschnitt betrug im Maturazeugnis eine 3.8, in Prüfungen erreichten wir im ersten Jahr meist nur sehr knapp eine 4 als Durchschnitt und später, als wir das Fach sausen liessen, lag der Notenschnitt in Prüfungen fast konstant zwischen 2,5 und 3 !!! Im Kanton Zürich wird derzeit darüber diskutiert, Französisch komplett abzuschaffen - das kann nicht unser Ernst sein! Es herrschen unglaublich Missstände in diesem Bereich und allen, den Schülern, Lehrern und den Politikern scheint es egal zu sein. Unglaublich, unglaublich, unglaublich...

Fazit

Unser Bildungssystem ist grundsätzlich sehr gut, ein Schulabgänger oder Maturand besitzt einen sehr hohen Wissensstand. Trotzdem haben wir äusserst schwerwiegende Probleme und überforderte Personen bei der Schülerschaft, Lehrerschaft und in der Politik. Meine Bitte an die kantonalen Erziehungsdirektoren und Politiker in den Bildungskommissionen: Nehmen Sie sich die Anliegen der Schüler zu Herzen, gehen Sie an die Schulen und machen Sie auch mal anonyme Umfragen - denn auf einem Podium vor der halben Schule und den Lehrern wird wohl kein einziger Schüler alle Probleme nennen, sondern nur jene, welche Sie bereits kennen. Dieser Text sollte Sie alle zum Nachdenken anregen.

Merci!

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