Das Problemchen mit dem Atömchen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser

Es ist nun beinahe ein Jahr her seit der schrecklichen Atomkatastrophe in Fukushima, Japan. Bei diesem Ereignis vergisst man sehr schnell, dass ein grosser Teil des Schadens auf Grund des Erdbebens und des Tsunamis entstanden ist, sehr viele Menschen wurden in ihren Häusern verschüttet und/oder danach von der Flutwelle überrascht.

Das Atomkraftwerk selbst war sowohl für das Erdbeben, als auch für den Tsunami gerüstet. Weshalb also musste zu allem Unglück auch noch ein AKW-Unfall passieren? Das berühmte Sprichwort sagt ja "Ein Unglück kommt selten allein".

Als erstes muss festgehalten werden, dass also nach Tschernobyl 1986 auch im Jahr 2011 ein solch moderner Staat wie Japan keine Garantie für die Sicherheit eines AKWs geben kann. Das AKW wurde anscheinend Erdbebensicher gebaut und es wurden auch Schutzwälle vor Tsunamis errichtet. Nur wurde die Lage wohl falsch beurteilt, niemand rechnete mit einem solch starken Beben oder mit einer solch gewaltigen Flutwelle. Experten hielten ein solches Szenario für "undenkbar".

Was lernen wir aus den unzähligen Vorfällen, darunter den zwei schrecklichen Katastrophen Tschernobyl und Fukushima? Die Atomtechnologie ist nicht sicher.

Dass 1986 in einem alles andere als modernen Staat ein Unfall passieren kann liegt im Bereich des vorhersehbaren. Dass aber 2011 ein Unfall in einem hoch modernen Staat geschieht ist schlicht und einfach inakzeptabel. Dazu kommen diverse Unfälle in anderen Staaten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Unfällen_in_kerntechnischen_Anlagen

Die Katastrophe in Fukushima warf natürlich gleich die Frage auf: Wie sicher sind unsere eigenen AKWs? Wie sicher sind die AKWs in ganz Europa?

Es wurden daraufhin Stresstests und detaillierte Inspektionen angeordnet. Alle Schweizer AKWs entsprächen den höchsten Sicherheitsstandards, so anscheinend auch jene der Nachbarländer. Wenn man dann aber solche Meldungen liest (siehe folgender Link), dann ist es mir ehrlich gesagt schleierhaft, wie diese sogenannten "Experten" weiterhin völlig unbeeindruckt von einer "sicheren Technologie" sprechen können:

http://www.tagesschau.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2012/02/07/International/Frankreich-Stoerfall-in-AKW-Cattenom-hochgestuft?WT.zugang=front_mel

Auch erst kürzlich hatte ein Schwedisches AKW technische Probleme.

Offensichtlich geschehen in den Atomanlagen andauernd eher weniger schlimme Zwischenfälle. Dies zeigt deutlich, dass die AKWs in Europa grösstenteils sehr sicher sind, denn es kam bisher in keinem der Anlagen zu einer Katastrophe. Doch gleichzeitig sind solche Berichte alles andere als vertrauenserweckend. Teilweise aus Selbsterhaltungsgründen behaupten die Experten weiterhin, die Situation sei immer unter Kontrolle gewesen und es bestehe keine Gefahr für die Bevölkerung. Die Probleme werden vertuscht und heruntergespielt, bis einmal etwas passiert, dann spricht man meist von "Ereignissen, welche so niemand für möglich gehalten hat".

Die bürgerlichen Parteien SVP, BDP und FDP halten grösstenteils ebenfalls an der Atomtechnologie fest, vor Allem aus Kostengründen. Die Atomtechnologie garantiere die Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit und preiswerte Energieversorgung. Stimmt alles, aber welches Risiko gehen wir da ein? "Unsere AKWs sind absolut sicher", "man darf nicht von Katastrophen am anderen Ende der Erde auf unsere AKWs Schlüsse ziehen", kommt dann meist als Antwort.

Also gut, wie steht es um unsere AKWs? Nehmen wir als Beispiel Mühleberg:

  • Bereits seit 1990 sind unzählige Risse im äusseren Schutzmantel bekannt, manche haben eine Grösse von 1.1 - 2.5 Metern, andere neuere Risse sind wenige Zentimeter gross. Die Risstiefe beträgt rund 90% der Wandstärke
  • 2010 wurden Risse von 3.5 Metern Länge entdeckt, 2009 wurde ein Riss entdeckt, der die Wand vollständig durchdringt.
  • 2011, 21 Jahre nach der Entdeckung der ersten Risse, wurde das AKW vollständig heruntergefahren und renoviert.
  • Die Abkühlbecken sind unzureichend gegen Überflutungen und andere eher "unrealistische" Ereignisse gesichert. Eine Überlastung und der damit verbundene Komplettausfall könnte sehr schnell erreicht werden.
  • Das AKW liegt unterhalb mehrerer Staumauern und ist gegen einen Staudammbruch mehr als nur unzureichend gesichert.
  • Die Reaktoren werden durch Aarewasser gekühlt, was seit mehreren Jahren bei Neubauten verboten ist. Die Zuflüsse drohen bei einer Verunreinigung sehr schnell zu verstopfen. Erst 2011 wurden die Zuflüsse ausgebaut und verstärkt.
  • Diverse AKWs sind gegen die Terrorbedrohung grösserer Flugzeuge wie dem A380 nicht mehr ausreichend geschützt.

Meine Schlussfolgerung: Das AKW Mühleberg ist alles andere als sicher und mein Vertrauen in die Inspektoren und "Experten" ist nach diesen Neuigkeiten schlicht und einfach nicht mehr vorhanden.

Das AKW Mühleberg muss schnellstmöglich massiv aufgerüstet oder ersetzt werden, ein weiterer Betrieb der Anlage in einem solch desolaten Zustand ist nicht weiter verantwortbar.

Dieses Problem stellt sich auch national: Brauchen wir eine neue Generation AKWs? Ich meine ja. Zwar unterstütze ich den Richtungsentscheid des Parlaments, doch die Realität sieht leider anders aus. Ein Atomausstieg ist in diesem Zeitraum einfach nicht machbar, der Strompreis würde regelrecht explodieren. Der Ausstieg ist schlicht und einfach nicht realisierbar, selbst dann nicht, wenn wir wollten (siehe dazu auch http://www.wissen.sf.tv/Dossiers/Politik/Schweiz/Atomenergie-Debatte#!videos)

Stattdessen sollten wir die Strategie der Regierung verfolgen und uns darum bemühen, ein AKW nach dem anderen abzuschalten, wenn wir mit alternativen Energien und Effektivität genügend Energie bereitstellen können. Ich persönlich hoffe und denke, dass wir im Zeitraum 2030-2040 1-2 Reaktoren herunterfahren können, wenn sich die Damen und Herren aus den Umweltverbänden, Tierschutzorganisationen und Heimatschutz selbst auch einmal an der Nase nehmen würden und wichtige Projekte nicht weiter blockieren würden.

Schauen wir uns doch einmal an, was bei überstürzten Entscheiden geschieht: Deutschland hat rund ein Dutzend Reaktoren heruntergefahren und importiert seither Strom aus Frankreich. Raten Sie einmal welche Sorte Strom: Atomstrom und Strom aus Kohlekraftwerken. Bravo, das ist eine sinnvolle Lösung!

Deshalb wird es auch in Zukunft (leider) weiterhin AKWs in der Schweiz und Europa geben, ich erhoffe mir aber auch von bürgerlicher Seite her die Augen nun endlich zu öffnen. Mir scheint es so als würde die Rechte vor den Sicherheitsproblemen der AKWs genauso unverantwortlich und blind davonlaufen, wie die Linken vor den Problemen in der Einwanderungs -und Asylpolitik. Das muss nun, wenn es um die Energiewende geht, endlich aufhören!

Es ist nicht verantwortbar, solch unglaublich unsichere Anlagen weiterhin zu betreiben/nicht zu renovieren und es ist auch nicht verantwortbar, innerhalb von zwei Jahrzehnten sämtliche Reaktoren herunterzufahren und die Strompreise explodieren zu lassen.

Sämtliche Parteien und Verbände müssen nun über ihren eigenen Schatten springen und sich zum Wohle einer realistischen Politik und realistischen Entscheiden an die Fakten halten.

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