Die Zukunft der Arbeitsplätze

Die Gewerkschaften fordern zwei Wochen mehr Ferien und schon bald stimmen wir über den Mindestlohn ab. Die Gewerkschaften stecken noch tief im traditionellen Denken der Old Economy fest. Auch wenn sie die zwei Wochen Ferien damit begründen, dass sich der Arbeitsmarkt verändert hat, so sehen sie immer noch den Arbeiter, wie es ihn von vor 100 Jahren gab. Ein Arbeiter, der ausgepresst wird vom Arbeitgeber. Ein Arbeiter, der zu Hungerlöhnen krampft und mit 65 ein körperliches Frack ist, sodass er schnellstmöglich in die Pension entlassen werden muss, damit er wenigstens eine handvoll Jahre seinen Lebensabend geniessen kann.

Ob zwei Wochen mehr oder weniger Ferien ist irrelevant

Um es deutlich zu sagen, zwei Wochen mehr Ferien ist für die Schweizer Wirtschaft verkraftbar. Wir können uns diese Zeit leisten. Was wir uns aber auf lange Sicht nicht leisten können. Was den Standort Schweiz die nächsten 10 Jahre ernsthaft schädigt und was unseren Wohlstand massiv treffen wird, ist das alte, verkrustete Denken, wie der Arbeitsmarkt und die Wirtschaft funktioniert. Wir laufen Gefahr, dass sich die Welt dreht und die Schweiz die moderne Entwicklung verpasst.

Gestern gab ich einen Auftrag für eine Rechtschreibekorrektur von 80’000 Wörtern für $12 in der Stunde. Keine Krankenversicherung, keine AHV, kein Feriengeld oder sonst eine Absicherung war im Preis drin. Der Auftrag ging an eine deutsche Frau, die längst im Pensionsalter ist, in Bolivien lebt und sich so übers Internet ein Zubrot verdient. Mit $12 bezahlte ich drei Dollar mehr, als sie sonst verlangt - das ist die neue Arbeitsrealität.

Wir hatten eine kurze Phase von rund 150 Jahren, in denen Fabriken und Firmen mit 10’000en von Mitarbeitern den Ton angaben. Aus den kleinbäuerlichen Strukturen entstanden Autokonzerne wie GM, VW oder Toyota, die über die ganze Welt mehr als je 400’000 Arbeitnehmer beschäftigten. Diese Zeit ist vorbei. Ein neuer Gigant der Wirtschaft Apple beschäftigt in den USA “nur” noch rund 45’000 Angestellte. Über Subkontrakter und Zeitarbeiter kommen aber mehrere 100’000 Personen auf der Welt dazu. Diese neue Realität verändert die Anforderungen an Arbeitnehmer und an die Staaten grundsätzlich.

IBM, ein Vorreiter moderner Organisationsformen und des technologischen Fortschritts, hat soeben den Abbau von 8000 Stellen in Deutschland verkündet. Nicht etwa, um auch tatsächlich 8000 Mitarbeiter weniger zu haben, IBM setzt vielmehr auf ein revolutionäres Arbeitsmodell, der Arbeitsverteilung über Internetplattformen. “Angestellte” werden nur noch bei Bedarf gebucht. Keine AHV, keine Versicherung, keine Ferien-, Überzeiten oder Wochenarbeitszeitenregelungen und mit Sicherheit kein Betriebsrat.

Wie Pilze spriessen Internetplattform aus dem Boden, die Arbeitnehmer mit Arbeitgebern verbinden. Die eingangs erwähnte deutsche Dame aus Bolivien, welche eine Rechtsreibekontrolle für mich erledigt, fand ich über odesk. Webprojekte setzten wir heute in meiner Firma mit 12designer & Co. um. Selbst grosse Firmen, wie ABB, Google, Alcatel-Lucent, UBS & Co. lassen anspruchsvolle Softwarealgorithmen und ganze Programme mit virtuellen Teams über die ganze Welt verteilt entwickeln.

Diese Entwicklung betrifft weit mehr, als nur die Technologiebranche. Dawanda und etsy sind Portale, auf denen Handgemachtes von Privat zu Privat verkauft wird. Hier wird Arbeit von zu Hause aus erledigt, ohne an Ferien, AHV & Co. zu denken. Die Kreditbranche wird durch neue Formen auf den Kopf gestellt. Wenn, wie auf auxmoney.com Private Geld an Private verleihen, dann braucht es keine Banker mehr und auch keine GAV’s oder Gewerkschaften.

Was wir brauchen, ist ein Verständnis der neuen Wirtschaftsrealität

Wenn wir auch in Zukunft eine wohlhabende und eine soziale Schweiz sein wollen, müssen wir verstehen, wie sich die Zukunft entwickelt. Nur mit diesem Verständnis können wir unser eigenes Schicksal selbst bestimmen.

Ich kann nachvollziehen, dass die Gewerkschaften für zwei Wochen Ferien und Mindestlohn kämpfen. Es geht um ihre Klientel. Aber wir als Gesellschaft können uns diesen eingeengten Blickwinkel nicht leisten. Wir brauchen die Gesamtschau.

Wer heute auf die Welt kommt, kann bis zum 28. Lebensjahr in die Schule gehen und studieren. Dann verdient er sein Geld bis zur Frühpensionierung mit 62. In dieser Zeit war er ein halbes Jahr arbeitslos, ein halbes Jahr nahm er sich eine Auszeit und ein Jahr hatte er Ferien. Er arbeitete also nur 32 Jahre, bevor er weitere 38 Jahre bis zum 100 Lebensjahr verbringt. Es wird keine Seltenheit mehr sein, dass ein Mensch nach den heutigen Regeln 32 Jahre arbeitet und 66 Jahre ausserhalb des Berufslebens steht. Womöglich hat diese Person nicht einmal Kinder, bezieht aber bis an sein Lebensende die AHV.

Wer glaubt, er könne sich der Globalisierung der Arbeit und dem massiv höheren Alter der Menschen entziehen, handelt grob fahrlässig. Dieser Text ist ein Appell - auch an die eigene Partei - zu verstehen, wie die neue Welt funktioniert. Ein Appell daran, dass wir uns auf neue Formen der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens vorbereiten. Das wir agieren und nicht nur reagieren.

Der FDP wird eine besondere Rolle zukommen. Wer, wenn nicht wir, kann diese Welt verstehen und die richtigen Weichen stellen? Es ist unsere Aufgabe, die wirtschaftliche Entwicklung mitzugestalten. Dazu brauchen wir Unterstützung. Von der “neuen” Mitte und einer erwachsenen SP. Es ist zwar schön zu sehen, wie sich die JUSO mit mehreren Initiativen einbringt, aber Sozialträumereien sind zu wenig für die Herausforderungen der Zukunft. Es braucht ein realistisches Augenmass der SP.

Auf diesem Weg werden wir uns wohl leider nicht auf unsere “natürliche” Partnerin die SVP verlassen können. Die SVP ist nur so lange wirtschaftsfreundlich, wie wir uns innerhalb unserer Landesgrenzen bewegen. Das ist zu wenig für die neue Welt. Wenn wir die Schweiz im globalen Wettbewerb erfolgreich positionieren wollen, brauchen wir ein weltoffenes Denken. Wir sind auf die Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie der EU und der UNO angewiesen. Das bedeutet keine Kriecherei, sondern eine selbstbewusste Zusammenarbeit, die im Heimland nicht dauernd torpediert wird.

Wir brauchen Politiker, wir brauchen Parteien, wir brauchen Wähler, die verstehen, wohin die Reise geht. Wir brauchen Sie. Es ist Ihre Stimme, die über das Schicksal der Schweiz mitentscheidet. Setzen Sie sich mit den neuesten Entwicklungen auseinander. Seien sie offen in Gedanken und geben Sie sich nicht mit Schlagworten zufrieden. Hacken Sie kritisch nach. Es ist Ihre Zukunft und die Zukunft der Schweiz, für die wir Entscheidungen treffen.

Die Schweiz hat die letzten 100 Jahre einen hervorragenden Job gemacht. Als kleines Land gehören wir heute zur Weltspitze. Wir haben international erfolgreiche Konzerne. Wir sind über internationale Organisationen von der FIFA bis zur UNO gut vernetzt. Wir haben ein positives Image und wenn wir auch wegen unseren Banken mit der halben Welt im Klinsch liegen, das wird vorbei gehen. Wir finden dafür Lösungen.

Genauso finden wir eine Antwort auf die neuen Herausforderungen. Weil wir eine gute Ausgangslage haben. Weil wir eine hohe Zufriedenheit haben und, weil wir die besten Mitarbeiter haben, die wir Firmen uns wünschen können.

Die Schweiz steht in einer Spitzenposition, um die neusten Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu meistern. Trauen wir uns diesen Kraftakt zu. Nehmen wir den Blick vom klein-klein weg und packen wir die grossen Herausforderung an.

57 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Arbeit»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production