Wettbewerb im Buchmarkt und die People-Seite von „20 Minuten“

Ich bin immer wieder erstaunt, wie aggressiv das Thema Buchpreisbindung diskutiert wird. Woher diese Schärfe? Weshalb diese Empörung über ein Kulturprodukt, das in seiner „Budget“-Form Taschenbuch weniger kostet als ein Kinoeintritt (und dies übrigens seit Jahren, währenddem die Preise für Konzerte, Fussballmatches, Zeitungen und vieles andere mehr ständig gestiegen sind)?

Woher kommt dieser Marktfundamentalismus in Zeiten, da sich selbst bürgerliche Ökonomen und rechte Kommentatoren für mehr Regulierungen einsetzen? Wo die Nationalbank massiv in den Frankenkurs eingreift und weltweit Finanzsysteme stärker reguliert werden, ganz zu schweigen von den traditionellen Markteingriffen in der Schweiz, von der Pharmaindustrie über die Landwirtschaft bis zum Bildungswesen? Woher kommt plötzlich dieses ordnungspolitische Reinheitsgebot? Weshalb gegenüber der Buchbranche, wo der weitaus grösste Teil der Beschäftigten deutlich weniger verdient als ein gewöhnlicher Büroangestellter? Und woher der Glaube, dass ausgerechnet im Bereich der Kultur die unsichtbare Hand des Marktes alles zum Guten regelt? – Oder kann jemand guten Gewissens behaupten, der vollständig deregulierte Kulturmarkt Schweiz würde nicht so aussehen wie die People-Seite bei „20 Minuten“: DJ Bobo und die zweihundertvierzigste Fassung von „Ewigi Liebi“ im Hallenstadion. Wollen wir das?

Die Antwort der Gesellschaft war, bislang zumindest, ein Nein. Deshalb werden von der öffentlichen Hand Filme und Arthouse-Kinos subventioniert, Opernhäuser und Theater finanziert, Bands und Musiker gefördert. Alles mit dem Ziel, einen möglichst grosse Vielfalt und Qualität und eine gute Verbreitung zu ermöglichen, die unsere Kultur bereichern.

Schweizer Verlage hingegen werden kaum, und Buchhandlungen gar nicht für ihre kulturellen Leistungen unterstützt. Die Buchbranche fordert trotzdem keine Subventionen, sondern gute Rahmenbedingungen. Wir kämpfen für die Buchpreisbindung; ein System, das in sämtlichen Nachbarländern der Schweiz funktioniert und einen gesunden Wettbewerb ermöglicht, der ein breites Angebot an Produkten mit hoher Qualität zu guten Preisen für die Leserinnen und Leser schafft. Das Prinzip ist so einfach wie effektiv: Der Verlag setzt einen Preis für sein Buch fest, und alle Händler halten sich daran – sei es die kleine Buchhandlung um die Ecke, die Filiale des Buchdiscounters wie auch die in- und ausländischen Onlinehändler. Rabatte gibt es für Bibliotheken und Schulen. Mit diesem Markteingriff wird der rein auf den Preis fokussierte Wettbewerb ausgeschaltet, entscheidend für den Kauf eines Buches sind Inhalt und die Serviceleistung des Verkäufers. Damit kann sich kein Händler in die Hängematte legen, doch wird dem für die meisten unabhängigen und kleineren Buchhandlungen ruinösen Preiskampf der Discounter und Buchhandelsketten auf den Bestsellern ein Riegel geschoben.

Diese lebendige Buchhandelslandschaft ist ein wichtiger Pfeiler für die Buchvielfalt. Denn wenn nur noch Discounter und einige wenige Buchhandelsketten den Markt dominieren, wird noch stärker als heute einzig auf massentaugliche Titel internationaler Starautoren fokussiert. Kleine und mittlere Verlage und ihre zum Teil weniger gängigen Bücher oder (noch) unbekannte Schweizer Autoren haben da keinen Platz. Und diese Vielfalt ist es schliesslich auch, die die Preise für Bücher insgesamt tief hält. Denn der Markt der Buchpreise spielt trotz der gebundenen Ladenpreise sehr wohl: Dank der Vielzahl der Verlage und der publizierten Titel kann sich kein Marktteilnehmer erlauben, die Preise zu hoch anzusetzen. Ohne die Vielfalt der Anbieter aber wäre das Korrektiv der Konkurrenz, also des Marktes, nicht gegeben und die wenigen überlebenden (Gross-)Anbieter könnten die Preise nach Gutdünken nach oben optimieren.

Dies kann man am Beispiel Englands sehr schön beobachten, wo nach der vollständigen Deregulierung des Buchmarktes Mitte der 1990er-Jahre nicht nur massenweise Buchhandlungen eingegangen, sondern auch die Bücherpreise über das gesamte Sortiment gesehen gestiegen sind. John le Carré hat es kürzlich in einem Beitrag im Berliner Tagesspiegel“ (11. Oktober 2011) so zusammengefasst: „Einst habe ich mich unbedacht für die Aufhebung der Buchpreisbindung stark gemacht. Das war ein schrecklicher Fehler. Die britische Buchindustrie hat sich damit ganz den Massenvermarktern ausgeliefert und dem bedrängten unabhängigen Buchhandel den Todesstoss versetzt.“

Dani Landolf, Geschäftsführer SBVV
www.sbvv.ch

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