Wenn das Pferd vom Auto abgelöst wird - und um was es bei der Ferieninitiative und der Buchpreisbindung wirklich geht.

Am 11. März rufen die Arbeitnehmer um Hilfe. Weil sie zu viel Stress haben, wollen sie zwei Wochen mehr Ferien und die Arbeitgeber der Buchindustrie rufen ebenfalls um Hilfe. Auch sie stehen unter Druck. Die Veränderungen in der Buchbranche gefährden das traditionelle Geschäftsmodell - welches sie retten wollen.

Als das World Wide Web (WWW) in den frühen 90er zum Siegeszug antrat, wurde es belächelt. Im Jahr 2000 gefürchtet und ein Jahr später, als der New Economy Crash über die Börsen der Welt hinwegfegte, war klar, das wird Nix mit dem Internet. Seit da hat das Internet beinahe alle Bereiche des täglichen Lebens verändert.

Jobs, Immobilien oder Fahrzeuge sucht man nicht mehr in der Zeitung, man surft im Internet. Briefe gibt es noch, aber schreiben tun die Menschen E-Mails. Verfügbar ist man heute mit dem Handy überall. Aus dem Nine-to-five-Arbeitstag wurde ein “24/7” Arbeitstag, bei dem wir 24 Stunden an 7 Tagen in der Woche erreichbar sind - auch in den Ferien. Privat und Geschäft verschmilzt, sodass schon das Kunstwort weisure erfunden wurde. Eine Kombination aus «Work» und «Leisure». Also Arbeit und Freizeit. Sogar die in der Urbanisierung errungene Privatsphäre löst sich wieder auf. Nicht George Orwell’s Kameras überwachen uns, Facebook, Twitter und Fotos zeigen ungefragt, wo wir uns privat aufhalten und was schlimme Mitarbeiter am Arbeitsplatz tun können. Nämlich den Ruf des Unternehmens in wenigen Sekunden ruinieren. Die soziale Kontrolle ist zurück.

Das ist Stress pur. Für Unternehmen und Mitarbeiter. Unsere Zeit wird mit dem Internet nochmals kräftig beschleunigt. Mit einem Lächeln denkt man an die Aussprüche zurück, als man Angst vor einer Reise mit der Dampflok hatte, weil sie schneller als Pferde waren.

Heute geht es wohl vielen Menschen so, wie zu Zeiten der frühen Industrialisierung. Ob Kutscher oder Kutschenbauer, sie beide hatten Angst vor dem Siegeszug des Autos. Und mancher Öllampenfabrikant schaffte den Schritt zur Elektrolampe nicht und verlor sein gesamtes Vermögen und seine Mitarbeiter die Arbeitsstelle.

Genauso haben die Buchhändler von heute Angst, dass ihnen das ebook, die Butter vom Brot wegnimmt und Amazon das Brot dazu. Ländergrenzen verschwinden. Ob für Arbeitnehmer oder Arbeitgeber. Der nächste Konkurrent ist in China und der Outsourcingpartner steht in Indien bereit.

Wenn auf Politnetz von blutsaugenden, Zitronen auspressenden Unternehmern gesprochen wird, dann bitte ich, versetzt euch auch in die Lage der Unternehmer - auch diese stehen unter Stress. Sie haben genauso Angst, vom nächsten Konkurrenten weggefegt zu werden. Die Buchindustrie hatte so grosse Angst, dass sie alles tat, um Bern für ihr Überleben einzuspannen.

Genauso müssen aber auch die Unternehmen ihre Mitarbeiter ernst nehmen. Wenn Mitarbeiter von Burn-out-Gefahr und Leistungsdruck reden, dann sind das keine Pseudoprobleme. Es ist ein Ausdruck einer sich verändernden Welt. Ob wir nun wollen oder nicht, nicht die eine Seite hat bedingungslos die Wünsche der anderen Seite zu erfüllen, beide Seiten, Unternehmen und Mitarbeiter, haben zu lernen, wie wir in der neuen Welt leben und miteinander umgehen. Welche Spielregeln sollen gelten, wenn wir den Schritt ins Informationszeitalter gemacht haben. Man kann der “guten alten Zeit” nachträumen, in der Geschichte der Menschheit wurde der Fortschritt von keiner erfolgreichen Gesellschaft je zurückgedreht. Im Gegenteil, erfolgreiche Gesellschaften lernen den besseren Umgang mit den neuen Gegebenheiten.

Vom Anspruch und der Wirklichkeit

Heute haben viele Mittelmanager das Gefühl, dass sie dauernd erreichbar sein müssen und sie geben diesen Druck auch weiter. Das ist aber nicht nötig. Viele Top-Manager erwarten weniger Präsenzzeit, als ihre Mitarbeiter glauben. Um den Druck von den Mitarbeitern zu nehmen und ihnen auch zu sagen, dass 24/7 nicht gewünscht ist, verhängte Henkel-Chef Rorsted kurzerhand ein E-Mail-Verbot über die Feiertage. Allen seinen Mitarbeitern hat er über Weihnachten eine Pause verordnet. An Wochenenden gelte das auch für ihn selbst.

So unglaublich es sich anhört, die Unternehmensführung will keine ausgepumpten Mitarbeiter. Davon haben wir nichts. Die meisten Unternehmer sind sich bewusst, dass wir keine 100 Meter Rennen rennen, sondern einen Marathon laufen und dazu brauchen wir Mitarbeiter, die ihre Kräfte einteilen können. Heute stecken sich aber Lieferanten, Kunden, Chefs und Mitarbeiter gegenseitig an und erzeugen einen künstlichen Druck.

Der CC-Wahn in E-Mails ist so ein Ausdruck davon. Müssen wir wirklich immer alles wissen, lesen und in jede Entscheidung eingebunden werden? Oder - grundsätzlich gefragt - müssen wir dauernd unsere E-Mails abrufen? Wir sollten verstehen, dass es nicht die Anderen sind, welche von uns erwarten, dass wir dauernd erreichbar sind, sondern der Wunsch in uns nach dauernder Erreichbarkeit entsteht. Der Drang E-Mails abzurufen, in einem Forum zu surfen oder auf Facebook zu blicken hat mit dem psychologischen Prinzip der variablen Verstärkung zu tun. Demnach ist ein Verhalten besonders hartnäckig, wenn es nur unregelmässig belohnt wird. Da bloss ein Teil der E-Mails interessant ist, wird der Drang, immer wieder nachzuschauen, stärker. Wollen wir also weniger Stress von E-Mails und Co., sind Ferien wirkungslos, solange wir vorher nicht lernen abzuschalten. Erst dann können wir zwei Wochen mehr Ferien auch geniessen und wieder Energie auftanken.

Wer ein Problem lösen will, muss zuerst dessen Ursache verstehen und diese anpacken. Wir müssen uns Frage; Unternehmen, Unternehmerchefs und Mitarbeiter, was für Erwartungen laden wir uns gegenseitig auf.

Kennen Sie den Weihnachtskarten-Effekt? Thomas Schelling, Nobelpreisträger für die Spieltheorie, fragt in seinem Vorlesungen im Dezember jeweils, ob es den Studenten auch so gehe, dass sie mehr Weihnachtskarten schreiben, als ihnen eigentlich lieb ist. Die meisten nicken – und finden bald heraus, warum sie in dieser Falle sitzen. Man wolle ja all denen schreiben, von denen eine Karte zu erwarten sei, und kein Sozialschwein sein, erklärt Schelling. Und wenn man vermutet, dass andere dem Chef eine Karte schreiben, will man auch nicht nachstehen. Also schreiben wir und schreiben wir, und die Weihnachtskartenindustrie freut sich und unser Stresspegel steigt. Solches Verhalten passiert auch an anderen Orten. Vielleicht sollten wir uns Fragen, was hätte Odysseus gegen den E-Mail Drang gemacht? Odysseus, der berühmten griechischen Seefahrer, befahl einst seiner Mannschaft Wachs in die Ohren zu tun und das man ihn an einen Pfahl band, damit er, und die Mannschaft, dem Klang der Sirene widerstehen konnte. Wie würde Odysseus heute mit dem E-Mail Problem umgehen? Was wäre Odysseus Wachs von heute?

Wir können uns darüber streiten, ob es die Buchpreisbindung geben soll und ob die Mitarbeiter 6 Wochen Ferien brauchen oder wir können die Chance nutzen, mehr über uns und unsere Umwelt zu lernen. Wir können das Abstimmungswochenende als das verstehen, was es ist, eine Neuverhandlung, wie wir mit den neuen Gegebenheiten umgehen. Ob uns dazu eine klassische links/rechts Diskussion weiterbringt? Ich vermute nicht. Sitzen doch beide Seiten in derselben "Falle” oder schöner gesagt, im selben Boot.

Ein guter erster Schritt ist bestimmt, wenn Sie sich selbst und Ihre Bedürfnisse besser kennenlernen. Schreiben Sie doch dazu einmal Ihre eigene Grabrede. Was möchten Sie, dass man über Sie erzählt, wenn Sie gestorben sind. Verrückt? Die Idee kommt aus einem Buch: Wenn du es eilig hast, gehe langsam und kann man bei books.ch oder im lokalen Fachhandel kaufen ;-)

Sprechen Sie mit Freunden, Arbeitskollegen und Chefs über Erwartungshaltungen und wie sie mit der aktuellen Situation umgehen. Manchmal gibt es unerwartete Lösungen. Dazu zum Abschluss ein Beispiel, das sich vor einigen Jahren in meiner Firma zutrug. Ein wirklich toller Programmierer und Mensch kam zu mir und fragte um eine Lohnerhöhung von 20% an. Er erhielt ein Angebot von einem Konkurrenten. So weh es mir tat, ich musste ablehnen. Diese 20% waren zu viel, zumal ich dann das Lohnniveau in der ganzen Firma hätte anheben müssen, um Unstimmigkeiten zu verhindern. Ich bereitete mich auf seine Kündigung vor, als er mich eine Woche später zu einem Gespräch unter vier Augen bat. Aber er hatte kein Kündigungsschreiben dabei, stattdessen fragte er, ob er einen Tag weniger arbeiten könne, bei entsprechender Lohnanpassung nach unten. Er überlegte sich, was ihm mehr Wert war. 20% mehr Lohn an einem neuen Arbeitsplatz oder einen Freitag mehr. Offenbar war ihm mehr Freizeit und unser Umfeld mehr wert, als mehr Franken. Ich stimmte sofort zu. Gewonnen haben wir beide.

Zwei Jahre später stellte er wieder auf 100% zurück, dafür bezieht er den 13. in Form von Ferien. Eine saftige “Lohnerhöhung”. Fehlt er doch vier Wochen, in denen ich nichts für ihn verrechnen kann - aber wissen Sie was? Das ist es mir Wert. Gute, zufriedene Mitarbeiter bringen jedem Unternehmen mehr. Und das wissen die meisten Unternehmer. Wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber miteinander reden, können wir gemeinsam dir richtigen Lösungen finden. Tun Sie das. Und denken Sie daran, die richtige Lösung für Sie, muss nicht die richtige Lösung für jemand anderen sein. Familienväter oder Mütter wollen womöglich nicht mehr Ferien, sondern ziehen etwas mehr Geld vor.

Darum bedeuten gute und zufriedene Mitarbeiter nicht einfach zwei Wochen mehr Ferien. Wir sollten lernen, was die Bedürfnisse der einzelnen Mitarbeiter sind. Sind sie von der Arbeit gestresst, müssen sie zuerst lernen mit dem Stress richtig umzugehen, damit sie die Ferien auch geniessen können. Sind sie aber gestresst, weil am Ende Monat zu wenig Geld übrig bleibt, haben sie entweder ein Ausgabe- oder Einnahmeproblem aber sicher kein Ferienproblem.

Genauso ist die Buchpreisbindung nicht die Lösung für die Buchbranche. Zuerst muss die Buchbranche begreifen, dass sich die Welt verändert und sie sich darauf einzustellen hat - ob mit oder ohne Buchpreisbindung. An dieser Stelle kommt mir der Spruch eines guten Bekannten in den Sinn: Löse das Problem oder das Problem löst dich.

Lernen und gestalten wir gemeinsam die neue Welt.

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