Zweite Säule: Rette sich wer kann

Die Devise "Hilf dir selbst" gilt vor allem für diejenigen Ehegatten, die beruflich zurückstecken, um sich um Kinder und Haushalt zu kümmern. Diese sollten sich ein eigenes Vorsorgekapital aufbauen, denn die zweite Säule versagt hier - im Gegensatz zur AHV - unter Umständen im entscheidenden Moment fast völlig.
Das rächt sich nämlich spätestens dann, wenn der andere Gatte nach seiner Pensionierung die Scheidung will und dann stirbt: http://abuehl.ch/2011/09/06/pk-rente-fuer-geschiedene-witwen. Hatte der Verstorbene nicht wieder geheiratet, sacken dann einige Pensionskassen das Vorsorgekapital völlig legal zu einem grossen Teil ein und müssen - trotz bei der Scheidung unterbliebenem Vorsorgeausgleich - nur noch eine Minimalrente an den geschiedenen Exgatten zahlen, bei welcher das vor- und überobligatorische Kapital des Versicherten ignoriert wird (Beiträge, die vor 1985 einbezahlt wurden und Beiträge auf Lohnbestandteilen oberhalb Fr. 59’160 Jahreslohn dürfen die Pensionskassen in ihren Reglementen völlig legal ignorieren).

Die maximal möglichen Höhen dieser BVG-Minimalrenten sind hier zu finden: http://abuehl.ch/max-bvg-witwenrente

Jüngstes Beispiel ist die Migros Pensionskasse, deren Delegiertenversammlung im vollen Wissen um diese Problematik diese pensionierten geschiedenen Witwen (und Witwer) im per 1.1.2012 geänderten Reglement auf die BVG-Minimalrente herabgesetzt hat: http://abuehl.ch/2011/12/20/migros-pk. Auf Kosten der Allgemeinheit, die dann u.U. Ergänzungsleistung zahlen muss. Betroffen sind heute mehrheitlich Frauen. Im Pensionsalter. Bisher produzierte die PUBLICA die meisten Fälle. Neu wird es wohl auch von der Migros-PK erhebliche Fallzahlen geben. Beide sind sehr grosse Kassen.

Eine Gesetzesrevision (Revision Vorsorgeausgleich bei Scheidung) ist unterwegs, diese weist aber weitere Mängel auf, deren Behebung nicht in Sicht ist. Ausserdem wird für die bereits Geschiedenen, die bei der Scheidung keinen Vorsorgeausgleich erhalten haben, nichts gemacht. Auf die Wette "Zweite Säule" ist also kein Verlass.

Die Delegiertenversammlungen der Pensionskassen könnten das Problem auf der Ebene ihrer Reglemente selbst lösen: http://abuehl.ch/2012/01/10/moegliche-regeln. Sie haben aber natürlich kein eigenes Interesse daran. Jeder will bei einer zukünftigen, möglichen Scheidung ja so viel für sich behalten wie er kann, resp. das PK-Kapital für Hinterlassenenrenten von späteren Ehen "retten". Demokratie nach dem Motto: zwei Löwen und ein Zebra stimmen darüber ab, was es zum Abendessen geben soll. Wobei hier das Zebra nicht mal stimmberechtigt ist.

Ganz abgesehen davon, werden auf Unterhaltsbeiträgen nach Scheidungen auch bei Ehen, die in jüngeren Jahren geschieden werden, keine PK-Beiträge erhoben. Man kann sich fragen, ob Familienarbeit eigentlich eine Form von legaler Schwarzarbeit ist. Offenbar heute unerwünscht und als minderwertig degradiert in unserer Gesellschaft. Aber das kann natürlich nicht der zweiten Säule angelastet werden. Die setzt nur um, was die Politik vorgibt. Umgesetzt wird dann nach dem System: hilf dir selbst. Jeder bedient sich, wo er kann.

Rette sich wer kann. Bevor es zu spät ist.

Adrian Bühlmann - http://abuehl.ch

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