Aspekte der Teilhabe und Teilnahme des Publikums an der Sorge um die Qualität der von ihm konsumierten Medienleistungen.

Im Folgenden greife ich Aussagen aus den Kommentaren zu meinem Beitrag "... Aufzählung von Gründen, sich von den Medien enttäuscht ... zu fühlen" (http://www.politnetz.ch/beitrag/13598#kommentare) auf.

Dass die nüchterne und gründliche Recherche über Themen im Zusammenhang z.B. mit Waffen sehr bald auf der Strecke bleibt, falls sie überhaupt erst stattfindet, überrascht nicht, weil "die Waffe" und ihre Handhabung ist eine der ältesten Begleiterinnen des Menschen und entsprechend sowohl
mit Emotionen als auch mit Sentimentalitäten befrachtet.

Alle Themen mit diesen Eigenschaften bilden den Rohstoff besonders für kommerziell betriebene Medien, ungeachtet dessen, wie diese dem jeweiligen Thema gegenüber politisch oder weltanschaulich eingestellt sind.
Dieser Rohstoff ist mit starker, unvoreingenommene Wahrnehmung überspringender Signalkraft für abrufbereite Emotionen befrachtet und daher für das Mediengeschäft weit wertvoller als die davon umlagerte, nicht selten banale und langweilige Information.
Darum kann die mediengerechte Aufbereitung solchen, von Informationsgehalt möglichst unbelasteten Stoffs durchaus als Unterhaltungshäppchen befriedigen.

Ich persönlich habe seit Jahren keine abonnierte Zeitung mehr. Ich informiere mich am Internet und via Radio.
TV habe ich nie installiert. Es hat mich nie befriedigt. Es geht viel zu langsam, bis ausgeprochen ist, was zu sagen ist.
Am Radio kann man weg- oder nebenher hören, wenn der Inhalt zu dünn wird und wieder aufmerksamer lauschen, wenn die Informationsdichte zunimmt. Mit entsprechender Übung hört man das schon an Aussprache und Tonfall der Leute am Micro.

Mit jeder Zeitung muss ich Inhalt mitkaufen, der mich nicht interessiert. Nicht nur das: die Arbeit für das Entsorgen alter Zeitungen ist mir - selbst wenn die Zeitung gratis wäre - zu viel für das, was ich an Information und Pseudomeinung (auf Vorurteilen statt Recherche gründende und aus Parolen und Redensarten zusammengebastelte Phrasen) erhalte.

Ich wende betriebswirtschaftliche Grundsätze auf die Befriedigung meiner Bedürfnisse nach Information mit logisch strukturiert aussagendem Gehalt und auch auf die Befriedigung meiner kulturellen Ansprüche an.
Ich mache aus Information, Bildung, Kunst, Kultur und Sozialem keinen Kult; ich setze mich damit - und dagegen - aus-ein-ander.
Damit habe ich viel Geld und Zeit gespart und es hat mich dennoch - oder vielleicht erst recht - nachhaltig bereichert.

Bücher kaufe ich vorzüglich solche, die durchgearbeitet werden können, ja dies geradezu erfordern. Wer meint, das müssten "Sachbücher" sein, weiss nicht, was arbeiten wirklich heisst - aber das ist ein anderes Thema.

Ich lese nichts zum blossen Zeitvertreib. Zeitvertreib macht mich schläfrig, deprimiert mich gar, wenn mir solcher zu lange zugemutet wird, was glücklicherweise nur ausnahmsweise und sehr selten vorkommt.
Auch brauche ich keine Bilder, um Texte über Banalitäten zu verstehen. Ich weiss, wie ein Auto, eine Frau, ein Kampfjet, ein Fussball oder ein Tennisracket aussehn.

**Ich meine, zusammengefasst, dass es die Medien heute schon weniger braucht als dass man sich einfach an sie und die Formen ihrer Präsenz gewöhnt hat. **
Der Konsum aufgearbeiteter und konfektionierter, informationsförmiger Signalhaufen ist eher eine kulthaft kollektive schlechte Gewohnheit denn eine echte Lebensnotwendigkeit.

*Das kann bedeuten, dass auch die Werbung künftig einmal ganz anders funktionieren wird als das heute noch theoretisch und verkaufsschulgemäss für unabänderlich und unerlässlich gehalten wird. *
Wie wofür geworben wird, hängt davon ab, was für ein Bild von der Welt, vom Mensch Sein, von Leben, von Geschlechtlichkeit, von Idividualität, Identität, Gemeinschaft, Arbeit usf. wie, wo und von wem zur Geltung gebracht dominiert.
Und das wiederum wirkt sich auf die individuellen und kollektiven Bedürfnisse aus, über die jeweils nähere und fernere Umgebung in dieser und dieser Form ins Bild gesetzt zu werden. Da stehen wir am Anfang eines tiefgreifenden, heute noch kaum vorstellbaren Wandels.

**Auch die hochgelobte und laut beschworene sog. "Medienvielfalt" ist heute eher Fetisch einer sich selbst definierenden Elite einer von dieser als "offen" eingebildeten Gesellschaft, als eine vitale Wirklichkeit. **
Die Medienvielvalt an der Anzahl erhältlicher Zeitschriftentitel zu messen ist einfältig und nur eben deswegen plausibel. Nach diesem einfältig unbegrenzten Analogiemuster "je mehr desto besser" sind auch in Argumente in der Politik und Konzepte für Finanzen und Wirtschaft gestrickt.

Heute sind Medienprodukte ganz gewöhnliche Ware, die unter verschiedenen Marken über verschiedene Kanäle abgesetzt wird, was dem Konsumenten die Illusion einer Wahlmöglichkeit zwischen Konkurrenzprodukten erlaubt.

Vor 40 bis 50 Jahren gab es Bereich Medien für damalige Verhältnisse noch Abenteuerliches und Aufregendes. Jeder Titel bürgte anfänglich für eigenständigen Inhalt und stand damit in einigermassen echter Konkurrenz zu den andern.
Damals gab es noch Reste einer nach massgeblichen (durch zwei Weltkriege arg zerzausten und entsprechend kaum überlebensfähigen) Gesellschaft. Vitale Medienvielfalt hatte anfänglich noch eine Chance.

Was in sentimentaler Erinnerung an frühere Kollektivitätsphänomene heute noch "Gesellschaft" genannt wird, erweist sich teils als wachsendem Migrationsdruck in keiner Weise gewachsene Infrastrukturgenossenschaft, teils als de facto kastenartig gerasterte Masse.

**An Stelle inhaltlicher Vielfalt und Gestaltung ist die durch die Bedeutungslosigkeit des Einzelnen in der Masse ansteigende Beliebigkeit der Aufnahme und Interpretation des täglichen "rosagräulichen Einheitsbreis" (Orwell: "1984") ohne erinnerns- und bedenkenswerten Inhalt, dafür gewohnheitsmässig erwartete, momentane Reflexe auslösende Wort- und Bildsignalhaufen enthaltend, getreten. **

Ich kann mir vorstellen, dass für das, was wir von den Medien heute noch zu viel geliefert bekommen, die Nachfrage spätestens in der 2. Hälfte des aktuellen Jahrhunderts drastisch geschrumpft sein wird.
Sie wird sich ohne Mangel- und Entzugserscheinungen mit dem begnügen, was heute schon von den wenigen herausragenden Medienschaffenden und -gestaltenden geleistet wird.
Die Nachfrage nach hoher Qualität wird Hand in Hand mit zunehmender Ablehnung von Hochstapelei, Schaumschlägerei und Heuchelei gehen.

**Was hier über die kommerziell betriebenen Medien als Meinung geäussert ist, kann sinngemäss und generalisiert auch auf die Beziehungen zwischen Anbietern von Waren und Diensten einerseits, Konsumenten andererseits übertragen werden. **

Das Argument, der Konsument sei in eine unentrinnliche Abhängigkeit der Angebots- macht gelangt, trifft zwar als Beschreibung der gegenwärtig unerträglichen (und die Krise mitverursachenden und verschlimmernden) Wettbewerbsverhinderungen und -verzerrungen zu, blendet aber die Frage nach der Mitursächlichkeit des Verhaltens und liebgewordener Gewohnheiten der "Opfer" an ihrem selbst mitverursachten Ausgeliefertsein an systemeigene Auswirkungen und "Zwänge" aus. (strukturelle Gewalt).

Diese Frage der Mitursächlichkeit des Verhaltens des "Opfers" am Verhalten des "Täters" und vorallem am Taterfolg löst spontanes Unbehagen und entsprechende Abwehrreflexe aus, weshalb sie bis heute unbeantwortet geblieben ist.
Ein weiterer Hinderungsgrund ist die plausibel undifferenziert kurzschlüssige und daher keinesfalls generell richtige Gleichsetzung von Verursacherrolle und "Schuld". Aber das ist ein Thema für sich.
Entsprechend wäre die Fragestellung falsch aufgefasst, würde sie in rhetorisch suggestivem Sinne ausgelegt. Es kann ihr jedenfalls nicht mehr länger ausgewichen werden, erst recht nicht hinsichtlich Berichterstattung durch die Medien einerseits, Meinungsbildung und Meinungsausserung auf Medienplattformen andererseits.

**Die kommerziell betriebenen Medien beuten alle gewerbsmässig, einfach in mehr oder weniger gediegenem Stil, das mentale Verhängnis zwischen populär plausiblen, falsche Ergebnisse zurückgebenden Denk-, Folgerungs und Urteilsreflexen und kollektiv gehegten, Pseudowirklichkeit provozierenden Sentimentalitäten aus. **

*Das hat aber seine Ursache wiederum in herrschenden Vorurteilen über wirtschaftli- che Notwendigkeiten und über Zwänge einer u.a. als an eine einer eindimensional gerichteten Zeitachse folgend homogen lückenlos und gleichmässig ablaufende Zeit gebundene Wirklichkeit. *

Diese Vorstellung ist nicht hoffnungslos falsch, sie betrifft einen viel eingeschränkteren und spezielleren Aspekt der Wirklichkeit als bisher angenommen und als für die Bewältigung des Bevorstehenden ausreichend.
Die Zeichen mehren sich, dass mit diesem Zeitbegriff nicht mehr lange zu bewältigen sein wird, was bevorsteht.

**Wir sind in's 3. Jahrtausend eingetreten und es gibt kein Zurück. **
Die Medien haben seinerzeit diesen Eintritt auf ihre Art mit futuristischen Sentimentalitäten garniert und dann kommentiert. Nun beginnt es ernst zu gelten.

*Fortschritt kann nicht länger nur kollektiv technisch und normativ stattfinden. *

Das Individuum ist einzeln gefordert und es wird dadurch neue, von tiefgründender Selbstgewissheit genährte Eigenständigkeit entfalten, ganz besonders auch in seiner Kompetenz, mit Ängsten jedwelcher Art ohne Seitenblicke auf die Meinung von Experten, Öffentlichkeit und nächster Umgebung umzugehen und sie zu bewältigen.

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