Millionenboni, 2 Wochen Ferien und die andere Wirtschaftsrealität in der Schweiz

Solange die Manager Millionenboni kassieren, können wir uns auch zwei Ferienwochen mehr leisten - ist eine oft gehörte Aussage. Die Manager bestimmt, aber auch alle anderen Berufsgruppen?

Durch die enorme wirtschaftliche Entwicklung in den letzten 60 Jahren wurden wir reicher als je zuvor. Wenn wir schauen, was eine Adelsfamilie vor 300 Jahren besass, ist das nichts im Vergleich zu einer Schweizer Durchschnittsfamilie von heute. Unsere Kinder sind besser ausgebildet. Sie bereisten mit 10 Jahren vermutlich mehr Destinationen in der Welt, als ein Adliger in seinem ganzen Leben bereisen konnte. In unseren Schränken hängen mehr Kleider, wir essen besser & gesünder, wir sind sauberer und haben unsere persönlichen “Sklaven” wie die Waschmaschine, den Mikrowellengrill und Siri. Wir lassen uns im Restaurant bedienen, beim Coiffeure die Haare schneiden, haben einen Hausdoktor und die besten medizinischen Geräte, wenn wir sie brauchen und so manch technisches Gadget erleichtert uns das Leben. Hatte ein Adliger ein paar Pferde, stehen in der Garage von heute nicht selten zwei Gestüt mit mehreren Hundert Pferden.

Und trotzdem laufen wir im Moment Gefahr. Es gibt, wie in allen anderen fortschrittlichen Ländern, auf dem Arbeitsmarkt eine starke Trennung zwischen hochproduktiven und schwachen Branchen. Die Schweiz nimmt sehr viel Geld mit ihren Banken und Exportfirmen ein. Nestlé, Swatch, Novartis und viele Vorzeigefirmen mehr bringen Jobs mit hoher Wertschöpfung. Die Leute arbeiten dort nicht mehr als ein Bergbauer. Während der Bergbauer aber mit 75’000 Franken subventioniert werden muss, damit er wenigstens einen kleinen Beitrag zur Schweizer Wirtschaft beisteuert, generieren die Exportbranchen den Schweizer Wohlstand.

Immer mehr trennen sich die hochrentablen und gut bezahlten Jobs von den schwachen Branchen. Im Vergleich mit dem Ausland haben wir in der Schweiz im Niedriglohnsektor immer noch eine gute Ausgangslage. Wenn in Frankreich, Deutschland oder den USA von Mindestlöhnen gesprochen wird, dann reden wir in den USA von Euro 5.25 pro Stunde in Frankreich von 7.10 und in Deutschland von rund 5 Euro. In der Schweiz verlangt die Mindestlohninitiative 18 Euro pro Stunde.

6 Wochen Ferien wird die Schweiz nicht in ein wirtschaftliches Chaos stürzen. Die Realität sieht schon heute eine Vielzahl von unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen. Ich habe aber Ernsthafte bedenken, dass wir es den tiefen Einkommen mit der neuen Regelung schwieriger machen.

Die New York Times erstellte ein Video, welches diese Zweiteilung zwischen gut bezahlten Jobs und dem schlecht entlohnten Niedriglohnsektor am Beispiel der iPhone Produktion hervorragend aufzeigt.

Der dazugehörende Artikel ist äusserst lesenswert.

Es sind nicht die Millionenboni, welche anders verteilt werden müssen, es ist ein strukturelles Problem, vor dem wir stehen.

Viele Schweizer mit gut bezahlten Jobs werden von mehr Ferien profitieren. Meine grössten Bedenken gegen die 6 Wochen Ferien sind aber, dass die unteren Löhne den höchsten Preis bezahlen. Sie werden mehr für Produkte und Dienstleistungen ausgeben müssen, ihre Löhne kommen noch mehr unter Druck und sie können sich nicht mehr Ferien leisten. Kann mir jemand diese Bedenken entkräften?

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