Causa Hildebrand: Blind und ohne eine kritische Gegenstimme ist die Schweiz in die selbstzerstörerische Falle getappt.

Es ist in der Arbeitswelt selbstverständlich, dass ein Fehlverhalten zunächst angemahnt wird, bevor man zur Entlassung schreitet. Dieses Recht jedes Angestellten müsste eigentlich auch für Führungskräfte gelten.

Als der Bankrat Gerüchte um Währungskäufe des Nationalbankpräsidenten selbst publik machte und sie gleichzeitig als «haltlos» qualifizierte, war das der Auftakt zu einem Drama. Die Rollen waren rasch verteilt: hier ein untadeliger Philipp Hildebrand, da der Rabauke Blocher auf einem Rachefeldzug. Diese emotionale Zuteilung der Charaktere trübte gewaltig - auf beiden Seiten und beim Publikum - den Blick für die Fakten. Zwischentöne wurden ausgeblendet. Es ging von der ersten Szene an um alles oder nichts. Erst nach geschlagener Schlacht schüttelt man den Kopf und fragt sich: Was ist denn eigentlich passiert?

Scharfer Verweis

Die Familie Hildebrand hat am 15. August des letzten Jahres 400 000 Franken in Dollars gewechselt. Am folgenden Tag hat Herr Hildebrand festgestellt, dass das ein Fehler war, und Vorkehrungen getroffen, damit dies nicht mehr passiert. Hildebrand selbst meldete den Vorfall intern dem Leiter Recht und Dienste. Dieser sah keinen unmittelbaren Handlungsbedarf, pochte aber darauf, dass ein solcher Vorgang sich nicht wiederholen dürfe.
Der Compliance-Officer gab also Hildebrand einen scharfen Verweis. Was so viel heisst wie: Kommt das noch einmal vor, müsste der Rechtsdienst den Bankrat orientieren, was eine offizielle Untersuchung zur Folge hätte und ein Grund sein könnte, das Arbeitsverhältnis aufzulösen. Hildebrands Fehlverhalten wurde also in der SNB sanktioniert und abgeschlossen. Zumal es in meiner Einschätzung sowieso eine untergeordnete Rolle spielt, ob er oder seine Ehefrau die umstrittene Transaktion gemacht hat. Der Respekt vor der Handlungsfreiheit beider erfordert, das Ehepaar Hildebrand als Einheit zu betrachten.
Mithin ist es irrelevant, wer gehandelt hat. Am 7. September war die Sache SNB-intern erledigt. Es brauchte dazu weder externe Wachhunde noch Einpeitscher à la «Weltwoche». Im anschwellenden Getöse dieses angeblichen Skandals gingen diese Fakten oder auch allgemeingültige Regeln der Arbeitswelt indessen vergessen: Es gehört zum Wesen der Aufsicht, Fehler festzustellen und die geeigneten Massnahmen zu ergreifen.
Eine sinnvolle Aufsicht zeigt nicht einfach den Daumen nach oben oder nach unten, sondern ergreift Massnahmen, damit der Fehlbare sein Verhalten korrigiert und seine Arbeit weiter ausüben kann. Im Alltag ist es selbstverständlich, dass ein Fehlverhalten zuerst angemahnt wird, bevor man zur Entlassung schreiten darf. Dieses Recht jedes Angestellten muss doch auch für Führungskräfte seine Gültigkeit haben. Die SNB und allen voran der Bankratspräsident hätten sich ohne Aufhebens vom Compliance-Officer informieren lassen können, um dann hinzustehen und zu bekennen, dass ein Fehler passiert sei und dass dieser intern erkannt und auch gebührend sanktioniert worden sei. Man hätte sogar, ohne zu zögern, sagen können, dass solch ein Fehler nicht mehr vorkommen dürfe. Zudem habe man durch diesen Vorfall erkannt, dass das Reglement überprüft und wohl verschärft werden müsse.

Die «Guten» und die «Bösen»

Stattdessen kommunizierte die SNB unter einem unverständlichen Zeitdruck und beteuerte schönfärberisch, es sei alles in Ordnung. Weil sie der verordneten Lesart selbst nicht ganz traute, wurden gewisse Medien mit gezielten Informationen versorgt - was fast automatisch dazu führt, dass sich alle anderen Medien, welche diese internen Infos nicht bekommen, benachteiligt fühlen und umso kritischer gegenüber der SNB auftreten. Und plötzlich wird ein unwichtiges Detail wichtig wie damals bei Clinton und der «Joint-Frage»: nur gepafft oder inhaliert? Hat es Hildebrand nun getan oder nur ein bisschen mitgetan? Und das ganze Land stürzt sich in einer Hetzkampagne auf irrelevante Details.
Blind und ohne eine kritische Gegenstimme ist die Schweiz in die selbstzerstörerische Falle getappt und fordert mit einer Null-Fehler-Toleranz, Blut zu sehen. Dabei weiss jeder vernünftige Mensch, dass - erstens - nur wer nichts tut, keine Fehler macht. Und, zweitens, nur wer von Fehlern lernt, sich zu einer reifen Persönlichkeit entwickeln kann. Statt über diese Grundsätze nachzudenken, sind die «Guten» sofort bereit, einer Verschwörungstheorie zu glauben und diese vehement zu bekämpfen. Und die «Bösen» sehen in jeder Handlung, die passiert, nur noch die Bestätigung für das lange schon vermutete Übel, das endlich überwältigt werden kann.

Dampf ablassen

Mit Blutdurst, Hetze und Null-Fehler-Toleranz wird dieses Land die Globalisierung nicht überleben. Wenn jemand das Talent hat, international Gehör zu finden und erfolgreich zu sein, dann sollte er zu Hause Unterstützung erhalten und nicht beim ersten Fehler hingerichtet werden. Wir haben zu viele erfolgreiche Schweizer schon verdammt und ins Ausland vertrieben!
Nach dem Rücktritt Hildebrands können seine Kritiker hoffentlich Dampf ablassen. Hält man inne und beginnt wieder zu denken, oder stürzt man sich wie ein Vampir auf diejenigen, die noch da sind? Hoffentlich nicht. Innenpolitisch motiviertes Gezerre um das Präsidium der Nationalbank richtet nur Schaden an und beeinträchtigt die Unabhängigkeit dieses zentralen Amtes. Wozu das führt, haben wir soeben erlebt. Thomas Jordan muss jetzt mit seinen Kollegen zusammen in Ruhe die Arbeit der SNB erledigen. Der Bankrat soll in Ruhe einen Nachfolger suchen können, der Bundesrat soll in Ruhe über die Zusammensetzung des Bankrates nachdenken, und das Parlament sollte der SNB den Rücken freihalten. Es ist nicht der Weisheit letzter Schluss, der Politik den Einfluss zu geben, den sie sich jetzt anmasst.

Ruedi Noser ist Unternehmer und Zürcher FDP-Nationalrat.

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