GSoA-Initiative "Abschaffung der Wehrpflicht" - durchdachtes Konzept oder ideologischer Wunsch?

Sehr geehrte Leserinnen und Leser

Heute hat die GSoA die Initiative für die Abschaffung der Wehrpflicht eingereicht. Diese fordert, dass die allgemeine Wehrpflicht aufgehoben wird, jedoch ein ziviler und militärischer freiwilliger Dienst für Frauen und Männer weiterhin möglich ist. Diese Variante sei sinnvoller und für die heutige Zeit bzw. die jungen Menschen von heute besser geeignet. Zudem würden heute nur rund 30% der AdA's (Angehörige der Armee) den Dienst komplett vollenden, was die Wehrgerechtigkeit aushebelt, wird weiter argumentiert.

Ich möchte in dieser Diskussion hauptsächlich folgende zwei Punkte diskutieren:

  • Was wären die Konsequenzen, falls die Initiative vom Volk angenommen würde?
  • Welches Armeemodell ist für die Schweiz am besten geeignet?

Hier meine Meinung:

Auch ich finde, dass die allgemeine Dienstpflicht nur für Männer nicht mehr zeitgemäss ist. Der Dienst, egal ob Zivildienst oder Militärdienst, sind hinderlich für die Ausbildung, das Studentenleben und den Beruf. Denn im Alter von 20-30 Jahren müsste ein solcher Dienst hauptsächlich verrichtet werden, in dieser Zeit durchlaufen die jungen Erwachsenen einen wichtigen Prozess in ihrer Ausbildung, wie zum Beispiel das Studium.

Viele entscheiden sich deshalb für den Zivildienst, wo sie nicht zum Weitermachen gezwungen werden können oder versuchen als Durchdiener gleich unmittelbar nach dem Lehrabschluss/Matura die mühsame Zeit hinter sich zu bringen. Manche versuchen es noch krasser und streben ein UT/UT an, welches sie in den Zivilschutz befördert, wo sie rund 5 Tage pro Jahr verbringen müssen - dieses Ziel ist heute sogar gar nicht mehr so schwierig zu erreichen.

Ich will an dieser Stelle den Militärdienst oder Zivildienst keineswegs in ein schlechtes Licht rücken. In beiden Diensten lernt man Führungsqualitäten, Teamgeist und Disziplin. Beides sind äusserst sinnvolle Dienste an die Gesellschaft und an die Sicherheit und sie müssen weiterhin von jemandem übernommen werden - doch von wem? Vom Militärdienst bzw. von unserer Milizarmee wird dauernd behauptet, dass sie im Volk verankert sei. Doch nur rund 60% der jungen Männer beginnen die RS und nur 30% von allen beenden den Militärdienst. Wie jemand die Kreativität findet mit einem solch verschwinden kleinen Teil der Gesellschaft die Armee als "volksnah" zu bezeichnen ist mir schleierhaft. Es gibt ausser im Führungsstab kaum Vertreter der älteren Generation, und zudem müssen Frauen überhaupt einen Dienst verrichten.

Dies bringt mich zu meinem nächsten Punkt: Im Zeitalter der Gleichstellung sollten meiner Meinung nach auch Frauen einen Dienst zu verrichten haben, wenn die Männer dazu verpflichtet werden - entweder beide oder niemand. Ob dies nun Militärdienst, Zivildienst oder Wehrpflichtersatz ist, sollte jedem, auch den Männern, freigestellt werden. Auf gleiche Rechte (was ich vollkommen unterstütze) folgen gleiche Pflichten. Die heutige Situation ist diskriminierend: Währenddem die jungen Männer allesamt einrücken müssen, verbringen die Frauen ein schönes Auslandjahr oder beginnen bereits ihr Studium. Dadurch können sie sich einen für den Job entscheidenden Vorsprung erarbeiten, welchen die Männer zwar auch nach ihrem Dienst nachholen können - sie "verlieren" aber trotzdem ein Jahr. Die ganzen Lasten werden heute von einem kleinen Teil der Gesellschaft, nämlich von den jungen Schweizer Männern getragen, und nicht von der ganzen Gesellschaft, welche letztendlich ja auch davon profitiert. Das ist ein sehr unfaires Verhältnis für einen demokratischen Staat.

Deshalb wäre es meiner Meinung nach sinnvoller, beide Dienste freiwillig zu machen (bzw. Teile der Armee zu professionalisieren), aber auch attraktiver zu gestalten. Weshalb haben wir heute unmotivierte Soldaten und weshalb hat man Angst, dass man bei einer Berufsarmee zu wenig Soldaten findet? Der Dienst ist nicht attraktiv genug, er ist in fast allen Fällen nur noch hinderlich. Würde Dienst attraktiver, so würden sich auch mehr motivierte Personen finden, welchen ihn verrichten wollten. Ein gutes Mittel wäre zum Beispiel eine Lohnerhöhung, flexiblere Arbeitszeiten, etc. Aber dazu bräuchte man mehr Geld, welches man der Armee heutzutage ja nicht geben will....

Das war meine Meinung zur Wehrpflicht, nun zu den Konsequenzen, falls die Initiative angenommen würde:

Meiner Meinung nach kann man solche Veränderungen nicht mit einer Initiative lösen. Man kann das Gesetz ändern - aber was dann? Was geschieht mit der Armee? Viel besser wäre es, wenn das Parlament und der Bundesrat dem Volk Lösungsvorschläge präsentieren würden, welche die Aufrechterhaltung der heutigen Standards in Sicherheit und Leistung nicht gefährden würden. Die Initiative wird, falls sie vom Volk angenommen würde, nicht das gesamte Problem lösen, sondern nur ein Teil davon. Aus diesen Gründen werde ich persönlich der Initiative nicht zustimmen, auch wenn ich die Anregung zur Diskussion über die Dienst -und Wehrpflicht unterstütze.

Durch die Annahme der Initiative müssten viele weitere Punkte geklärt werden. Zum Beispiel woher man die nötigen Soldaten nimmt, wenn aber das Budget nicht erhöht werden soll? Findet man keine Lösung dafür, muss der Volkswille trotzdem respektiert werden - ein NATO Beitritt und/oder die Bildung einer Berufsarmee wäre unausweichlich. Das wiederum lehne ich ganz klar ab, denn damit wäre unsere Neutralität begraben. Auch der Zivildienst hätte mit massiven Abgängen zu kämpfen.

Durch einen Paukenschlag wird in die Menge reingeschlagen und nur noch mehr Unheil angestiftet. Ein solch massiver Eingriff sollte von der Regierung, welche sämtliche Konsequenzen und Umstrukturierungen überblicken kann, beschlossen werden und nicht vom Volk. Aber ich denke auch, dass eine solche Initiative ein sehr gutes Mittel ist, um sich Gehör zu verschaffen. Selbst wenn die Initiative mit zum Beispiel 70 oder 60% abgelehnt würde, wäre dies ein sehr starkes Signal an die Politik.

Die GSoA schaffte es mit ihren Initiativen bisher immer zu Achtungserfolgen - wer weiss, was dieses Mal dabei rauskommt? Ich lasse mich überraschen.

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