Warum die Migros immer etwas günstiger als Coop verkauft und die Buchpreisbindung ein Eigentor für alle ist.

Bei Migros kaufen Sie Frey Schokolade, Candida Zahnpflege Produkte und Aproz Mineralwaser. Im Coop heissen die Produkte Suchard, Elmex und Valser. Im Gegensatz zum Coop setzt die Migros auf Eigenprodukte. Dies nennt man in der Wirtschaft vertikale Integration. Anstatt jemandem anders Geld für die Produktion von Schokolade zu geben, macht man sie gleich selbst und bietet das Produkt günstiger an und/oder erzielt mehr Gewinn.

Vertikale Integration hat Vor- und Nachteile. Richtig gemacht lassen sie die Gewinne explodieren. Die aktuell wertvollste Firma der Welt Apple setzt durchs Band auf vertikale Integration. Während ihr Rivale HP einen Computer zusammenbaut, bei Microsoft Geld für Windows bezahlt, den Computer an einen Händler vor Ort verkauft und dieser im Laden dann auch noch einen Gewinn erzielen will, behält Apple alles für sich. Sie lassen den Computer fertigen, brauchen kein Geld an Microsoft zu bezahlen und verkaufen den Grossteil der Computer über den eigenen Onlineshop (keine Ladenkosten) oder über die eigenen Apple Läden. Apple behält so den gesamten Gewinn für sich.

Was hat das mit der Buchbranche zu tun? Auch in der Schweiz gibt es vertikale Integration von der Produktion bis zum Verkauf. Orell Füssli ist die Nr. 1 im Schweizer Buchmarkt. Sie besitzen einen eigenen Verlag, der Autoren sucht und mit ihnen ein Manuskript erstellt. Dieses drucken sie in der eigenen Druckerei und verkaufen das Buch in eigenen Läden. Sie finden Läden in Zürich, Bern, Luzern, St.Gallen. Und wie Apple verkauft auch Orell Füssli über das Internet unter Books.ch. So behält Orell Füssli alle Gewinne für sich.

Für uns Konsumenten hat diese Integration auch Nachteile. Wird eine Firma zu stark, diktiert sie nach Belieben die Preise. Es gibt keinen Wettbewerb mehr. Für die Firmen selbst können in dieser Situation ebenfalls Nachteile entstehen, sie verschlafen auf einmal Trends. Sie werden dick, fett und langsam. Sie sperren sich gegen neue Entwicklungen. Warum soll man ebooks fördern, wenn man eine eigene Druckerei besitzt? Damit schadet man nur sich selbst, dürfte sich Orell Füssli sagen. Kommt in einer solchen Situation ein neuer, hungriger Konkurrent, werden oft die dicken, fetten Firmen brutal vom Markt gefegt.

Mit grossem Staunen schauten die Verlage der Welt der Erfolgsgeschichte von Amazon.com zu. Mit dem Erfolg des Internets stieg Amazon zum grössten Online-Händler der Welt auf. Amazon hat 33‘700 Mitarbeiter und setzt im Jahr über 34 Milliarden Dollar um. Dagegen ist Orell Füssli mit 1‘000 Mitarbeitern und 318 Millionen Franken Umsatz ein Zwerg. Selbst der grösste Verlag Springer Sience+Business Media kann mit 5‘716 Mitarbeitern und 588 Millionen Franken Umsatz nicht mithalten.

Bis jetzt glaubten die Verlage, sich in Sicherheit zu wiegen. Über Preisbindung versuchen sie dem ebook Einhalt zu gebieten und sie dachten, dass sie die Einzigen sind, welche das Geschäft mit den Autoren verstehen. Doch weit gefehlt. Amazon ersetzte bis vor Kurzem „nur“ den Buchhandel. In Amerika verkaufte Amazon im letzten Weihnachtsgeschäft zum ersten Mal mehr ebooks als das klassisch gedruckte Buch. Die Druckerei ist somit ausgeschaltet. Als Nächstes setzt Amazon zum Sprung auf das Verlagswesen an.

Amazon geht seit diesem Herbst einen Schritt weiter. Sie schlossen erste Verträge mit Topautoren ab. Anstatt das Orell Füssli Autoren entdeckt und vermarktet übernimmt Amazon dieses Geschäft. Im Idealfall schreibt der Autor das Buch in digitaler Form, Amazon bietet es auf der Website an und der Kunde kauft es als ebook. Da braucht es keinen Buchdruck, keinen DHL-Versanddienst und kein Ladengeschäft vor Ort. Vertikale Integration in Reinform. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,780922,00.html

Es ist kein Wunder, dass die Schweizer Buchbranche nach der Buchpreisbindung schreit. Sie hat Angst um ihre Gewinne. Ihre Gewinne sind aber überhöhte Preise für uns Konsumenten. Gibt es einen ernsthaften Grund, dass wir Konsumenten Verlage subventionieren müssen? Ich behaupte nein. Im Gegenteil. Schenken wir den Verlagen die Buchpreisbindung, werden sie die Entwicklung im Internetmarkt mit ebooks & Co. ganz verschlafen. Sie werden eines Tages erwachen und merken, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Sie sind dann Dinosaurier und Amazon die einzig verbliebene Macht.

Tun wir den Verlagen und uns Konsumenten einen Gefallen. Sagen wir Nein zur Buchpreisbindung, damit sich Orell Füssli & Co. auf die Zukunft einstellen und wir Konsumenten auch in 10 Jahren noch spannende, interessante und tolle Bücher aus einem vielfältigen Angebot lesen können.

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