Wie sich der Arbeitsmarkt durch neue Technologie verändert.

In einigen Branchen bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Berufe, die noch vor 10 Jahren als sichere Jobs bis zur Rente galten, sind heute vom Aussterben bedroht. Der Postbeamte, der die Zahlungen Ende Monat mit dem gelben Büchlein annahm, kommt einem heute schon fast so vor, wie der Gaslaternenanzünder oder der Aschenmann, welcher die Asche auf dem Gehsteig aufsammelte und wieder verkaufte (http://bit.ly/tPb4U0).

Auch die Internetbranche wandelt sich radikal. Dabei ist zu erkennen, dass die Landesgrenzen immer mehr verschwinden und Firmen die "Arbeitgeber-Hoheit" vermehrt verlieren.

Kolumne itmagazine.ch: Arbeiten über Grenzen hinweg.

vor 16 Jahren sass ich noch alleine vor meiner Silicon Graphics Webforce, einem unglaublich teuren, aber unglaublich tollen Computer und erstellte Websites für Kunden. Ein wenig Datenbank, ein wenig Photoshop und ein wenig programmieren genügte für die meisten Projekte. Doch dann stiegen die Kundenbudgets und mit ihnen die Anforderungen. Allein war ich auf verlorenem Posten. Ich brauchte Grafiker, Programmierer und ein Flash-Entwickler musste ebenfalls ausgebildet werden. Die Branche war jung, Spezialisten fehlten und der Markt boomte.

Verglichen mit der Anfangszeit des World Wide Web sind heute eine Unzahl neuer Fähigkeiten in den Internet-Projekten gefragt. Design, Usability, Suchmaschinenoptimierung und Social Media Marketing sind nur eine kleine Auswahl der gefragten Themen. Nutzt eine Internetfirma die Möglichkeiten des Internets, bietet sie dem Kunden die besten Grafiker, einen Firmenbesuch innerhalb von Sekunden und Textübersetzungen in jeder Sprache an. Die Zusammenarbeit über das Internet ermöglicht Dinge, die vor kurzem unvorstellbar waren.

Als wir die letzte Grafikerstelle neu zu besetzen hatten, stellten wir keinen neuen Mitarbeiter ein, sondern wechselten auf Crowdsourcing – die Weisheit der Vielen. 12designer.com ist ein Plattform, auf der über 12’000 Grafiker aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Spanien und Argentinien ihre Vorschläge zu neuen Projekten einreichen. Vor kurzem setzten wir ein Projekt um, das von einer hervorragenden Designerin aus Norddeutschland erstellt wurde. Sie arbeitete bei einer Hamburger Top-Werbeagentur als Lead-Designerin. Normalerweise wäre sie aus Kostengründen für dieses Projekt nie in Frage gekommen. Als sie aber Mutter wurde, kündigte sie ihre Stelle in der Werbeagentur und machte sich von zu Hause aus selbständig. Wie andere Kollegen las sie unsere Ausschreibung auf 12designer.com, reichte ihre Entwürfe ein und sendete uns als Gewinnerin die Photoshopdatei.

Anstatt die Grafik dann selbst in ein Internetformat zu wandeln, lässt man über Nacht den Code von der in Las Vegas ansässigen Firma Psd2html.com umsetzen. Über Nacht ist möglich, weil die Firma Büros an der West-, Ostküste und in Europa betreibt. Das Personal arbeitet über die Zeitzonen praktisch rund um die Uhr. Ist das Design fertig, muss ein gekonnter Text her. Weil Kunden sich oft den Kopf darüber zerbrechen, was sie über sich selbst schreiben, bestellt man bei Supertext.ch den richtigen Texter, der passende Vorschläge erstellt. Für die Umsetzung der Google Ad-Word und Social-Media-Kampagne sucht man erfahrene Leute auf Odesk.com. Dort fanden wir für ein Projekt einen Aussteiger aus Wien, der Jahre in der Schweiz arbeitete und heute in Südafrika lebt.

Wie man in solchen Projekten kommuniziert? Ideen spinnt man mit dem Kunden über das Brainstormingtool Mindmeister.com. Für das Projektmanagement wählt man aus einem der vielen Tools wie Basecamphq.com. Dokumente werden über Dropbox.com ausgetauscht und telefonieren tut man mit Skype. Steht das Projekt, findet die Kundenschulung mit Gotomeeting.com per Fernwartung statt. Damit übernimmt man den Bildschirm des Kunden. Statt komplizierten Erklärungen, wie etwas funktioniert, erarbeitet man die Lösung ohne langen Anfahrtszeiten gemeinsam mit dem Kunden am Bildschirm. Für regelmässig auftauchende Fragen erstellt man auf Youtube Supportvideos.

Werden Projekte dadurch günstiger? Nicht unbedingt, aber sie können für alle Beteiligten besser werden. Die Grafikerin aus Hamburg arbeitet von zu Hause aus und verbringt mehr Zeit mit ihrer Tochter. Der Aussteiger aus Wien sorgt vom Strand in Südafrika aus für mehr Verkäufe und der Kunde ist hochzufrieden mit seiner Website. Stellt sich nur noch die Frage: Was mache eigentlich ich noch hier?

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