Rentenaltererhöhung in Krisenzeiten ist unsinnig und unverantwortlich

Italiens neustes Sparpaket sieht eine Erhöhung des Rentenalters vor. Auch hierzulande wird der Ruf nach einer Flexibilisierung des Rentenalters seitens einiger Bürgerlicher immer wieder laut. Argumente, wie die gestiegene Lebenserwartung, werden angeführt und dabei die Lebensrealität vieler Menschen, die ihren "Büez" zu leisten haben, schlicht ignoriert.
In einem Fall wurde hatte ich die Möglichkeit das selber sehen zu können: Ich befand mich an einem Podium mit VertreterInnen der JSVP, des Jungfreisinns, der jungen Grünliberalen und der jungen Grünen an einer Berufsschule im Kanton ZH. Der Vertreter der JSVP hielt ein Plädoyer für eine Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre. Die Jugendlichen im Publikum reagierten ungehalten; der Jungblocherianer hatte nicht bemerkt, dass er in einem Saal mit zwei Klassen, einmal Maurern und einmal Stromern in Ausbildung sass, denen bewusst war, wie viel einem diese Berufe körperlich abverlangen. Ein 65 jähriger der noch in der Baubranche arbeiten kann, nachdem er dies jahrzehntelang getan hat ist die Ausnahme. Das süffisante "Man kann ja umschulen" wirkt fast genauso zynisch wie die erste Aussage: Wer über 50 ist und wegen gesundheitlicher Probleme umschult hat auf dem Arbeitsmarkt denkbar schlechte Karten.
Das beschriebene Beispiel zeigt sehr klar, wie wenig die politische Interessensvertretung der Wirtschaftsspitzen von den Problemen der arbeitenden Bevölkerung wissen will. Doch auch aus ökonomischer Sicht ist die Erhöhung des Rentenalters in Krisenzeiten unsinnig. In Zeiten von Rezession steigt tendenziell die Arbeitslosigkeit, sind also Leute im Alter gezwungen länger zu arbeiten "blockieren" sie die Stelle für Junge und diese sind, anstatt zu arbeiten ein Fall für den Sozialstaat. In einem Vorsorgesystem, dass auf Umlage basiert sind die Folgen absehbar:

Junge können nicht arbeiten, weil die Stellenknappheit durch das hohe Rentenalter künstlich erhöhnt wird und kann daher auch nicht in die AHV einzahlen
Die Alten, die ihre Stellen halten können, zahlen also für die arbeitslosen Jugendlichen, damit diese durch den Sozialstaat ihren Lebensunterhalt bestreiten können (da sie noch nicht viel in die ALV einzahlen konnten, steigt die Gefahr, dass sie zu Sozialfällen werden)
Das Umlageverfahren, dass Grundprinzip der ersten Säule ist, wird umgekehrt und ad absurdum geführt (Alte, die schon in Rente sein könnten zahlen für Junge, die keine Stelle finden)

Leider sind die Argumente für eine Erhöhung des Rentenalters ähnlich "schlüssig". Mit einer höheren Lebenserwartung zu argumentieren scheint nahe zu liegen, doch hierbei wird völlig ausser acht gelassen, dass der Druck auf den Arbeitsmärkten (grade bei bereits lange im Beruf stehenden, also mehr verdienenden) in den letzten Jahren massiv gestiegen ist und im Zuge von Prekarisierung noch mehr steigen wird. Des Weiteren steigt nicht nur die Lebenserwartung, sondern auch die Produktivität.
Wenn wir den Älteren in unserer Gesellschaft ihren Effort, den sie über Jahrzehnte in ihrem Beruf geleistet haben, damit vergelten, dass sie noch länger arbeiten müssen, statt ihren wohlverdienten Ruhestand anzutreten, weil wir es nicht wagen, das Geld dort zu holen wo es ist, und zwar bei den Ausbeutern in den Chefsesseletagen, dann haben wir eindeutig den Bezug zur Realität verloren. Deshalb und weil die Erhöhung des Rentenalters nicht nur die Älteren, sondern auch die Jüngeren hart trifft, sowie ökonomischer Nonsens ist, muss momentan gegen solche Massnahme zur "Sanierung" von krisengebeutelten Volkswirtschaften gekämpft werden.
Der deutsche Schriftsteller Stephan Sarek bringt die Situation jedenfalls auf den Punkt: "Die Rente mit 67 gibt endlich auch den Menschen mit weniger gefährlichen Berufen die Chance, bei der Arbeit zu sterben."

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