Rohstoff: Das gefährlichste Geschäft der Schweiz

Wieso bleiben viele Länder trotz ihres Rohstoffreichtums bitterarm? Recherchen der Erklärung von Bern haben ergeben, dass sich Teile der Antwort in der Schweiz finden. Abseits der Öffentlichkeit ist hier eine Branche entstanden, die im globalen Rohstoffhandel die Fäden zieht und welche für die Schweiz ein hohes Reputationsrisiko darstellt.

In vielen Ländern gehören Bergbau-Minen, Ölfelder und Agro-Plantagen zu den gefährlichsten Orten für die dort lebenden und arbeitenden Menschen. Sie werden gefährdet durch die Verschmutzung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen, arbeiten an den Förderorten unter prekären Bedingungen oder werden vertrieben. Die Rechte der lokalen Bevölkerung werden von staatlicher Seite nicht oder nicht ausreichend geschützt, da diese Staaten oft zu schwach sind. Wenn Entwicklungsländer Rohstoffe exportieren, profitiert die Bevölkerung davon häufig weder angemessen über Arbeitsplätze, noch über Steuern. Dabei könnten Rohstoffe für die Entwicklung armer Länder eine wichtige Rolle spielen, immerhin wird im Welthandel jeder vierte Dollar damit verdient.

Die Branche: Diskret, schweizerisch, umsatzstark

Was hat nun die Schweiz damit zu tun? Die Recherchen für das neue Rohstoffbuch der Erklärung von Bern ergaben, dass 15-25 Prozent des globalen Rohstoffhandels über Büros in der Schweiz abgewickelt wird, vor allem in Genf und Zug. Eines der rohstoffärmsten Länder der Welt, die Schweiz, hat sich unbemerkt zur globalen Rohstoffdrehscheibe entwickelt.

Bislang verband die Schweizer Öffentlichkeit mit dem Begriff »Rohstoffhandel« vor allem die schillernde Figur des Marc Rich, welcher sich in den 70er Jahren in Zug mit der „Marc Rich + Co AG“ niederliess. Deren Handelsteil wurde 1994 zu Glencore, dessen ein gutes Beispiel für die Dynamik und Bedeutung des globalen Rohstoffhandels ist. Mit dem Börsengang im Mai 2011 platzierte Glencore Aktien im Wert von mehr als 10 Mia. Dollar am Markt. Als das US-Wirtschaftsmagazin Fortune im Sommer 2011 seine jährliche Liste der weltweit grössten Unternehmen publizierte, war ein erstaunlicher Neuzugang zu vermelden: Mit einem Schlag landete ein bisher unbekannter Schweizer Konzern namens Glencore auf Platz 18 der weltweit 500 grössten Unternehmen. Steigende Rohstoffpreise und internes Wachstum liessen den Umsatz Glencores von 30 (1993) auf 144 Mrd. US Dollar (2010) anschwellen. Von den zwölf umsatzstärksten Schweizer Unternehmen stammen mittlerweile sieben aus der Rohstoffbranche, dennoch sind Namen wie Glencore, Vitol oder Trafigura der breiten Schweizer Öffentlichkeit immer noch nicht bekannt, genauso wenig wie die Art ihrer Geschäfte.

Die Sambia-Schweiz-Connection

Rund um den Globus werden Rohstoffe produziert, gekauft, gelagert, verkauft. Viele Rohstoffhandelsfirmen entgehen nationalstaatlichen Autoritäten und Regulierungen, indem sie ihre Hauptsitze und Muttergesellschaften in Steueroasen verankern. Eine der Reportagen im Rohstoffbuch der Erklärung von Bern zeigt dies eindrücklich am Beispiel Sambia.

Trotz rekordhoher Kupferpreise hat die Glencore-Tochter Mopani in den letzten Jahren immer nur Verluste ausgewiesen und deshalb nie Gewinnsteuern bezahlt. Dies belegt ein an die Öffentlichkeit gelangtes Audit der Buchprüfungsfirmen Grant Thornton und Econ Pöyry, das im Auftrag der sambischen Steuerbehörden durchgeführt wurde. Auf dessen Basis lassen sich die jährlichen Steuerverluste Sambias durch diese Manipulationen auf etwa 124 Mio. Dollar veranschlagen. Hinzu kommen weitere 50 Mio. Dollar entgangene Dividenden auf der zehnprozentigen Staatsbeteiligung an Mopani. Die Erklärung von Bern hat im April 2011 zusammen mit anderen Organisationen eine OECD-Beschwerde gegen diese Steuertricks von Glencore eingereicht, deren Ausgang mit Spannung erwartet wird.

Auch die Schweiz trägt Risiken

Die Rohstoffbranche profitiert von einer Mischung aus Opportunismus und Passivität der Schweizer Wirtschaftspolitik. Der Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth meint dazu im Buch-Interview: «Mein Eindruck ist, dass man diese Dinge lange schon einfach geschehen lässt – ohne Plan und Absicht. Das war bei Themen wie Raubkunst, Waffenhandel, Embargoverletzungen oder zuletzt der Steuerflucht so und dürfte beim Rohstoffhandel nicht anders sein.» Selbst DEZA-Direktor Martin Dahinden nannte den Schweizer Rohstoffhandel anlässlich einer Podiumsdiskussion im November 2011 eine «politische Zeitbombe».

Für die Erklärung von Bern liegt auf der Hand, dass hier viel zu tun ist. Zusammen mit über 50 Schweizer Entwicklungs-, Menschenrechts- und Umweltorganisationen und weiteren Verbänden haben wir diesen Monat die grossangelegte Kampagne «Recht ohne Grenzen» lanciert. Wir fordern, dass Schweizer Unternehmen mit klaren Regeln dazu gebracht werden, Mensch und Umwelt auch bei Geschäften im Ausland zu respektieren. Unterstützt wurde die Lancierung auch vom abtretenden FDP-Ständerat Dick Marty. Unterzeichnen auch Sie die wichtige Petition auf www.rechtohnegrenzen.ch.

Roseli Ferreira (Erklärung von Bern)

PS: Mehr über die diskreten Geschäfte der Schweizer Rohstoffhandelsriesen erfahren Sie im Buch „Rohstoff – das gefährlichste Geschäft der Schweiz“. (http://www.evb.ch/rohstoffe). Erhältlich in Ihrer Buchhandlung oder bei der EvB

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