Eine etwas andere Einteilung (3/3): Der Konservative

Kommen wir nun zur dritten Kategorie, den Konservativen, die von den Progressiven leider oft mit den Reaktionären verwechselt werden, weil sie nicht fähig oder willens sind, zwischen dem Erstarrten und Leblosen auf der einen Seite und dem Organischen und sich langsam Entwickelnden auf der anderen Seite zu unterscheiden.

Der Konservative steht also wie die beiden anderen vor dem Abgrund. Er springt jedoch nicht auf Flügel hoffend hinunter wie der Progressive, noch baut er eine Mauer davor auf, um die bodenlose Wahrheit nicht mehr sehen zu müssen.

Der Abgrund ist eine Herausforderung, der er sich stellen muss, ohne sich zu überschätzen. Der Konservative fühlt sich mit der Erde unter ihm verbunden. Er spürt die Energien, die von unten in seinen Körper strömen und ihn nach oben mit den Sternen verbinden. Das gibt ihm Sicherheit und Gelassenheit. Darum überstürzt er nichts und pflanzt am Rande des Abgrunds einen Baum. Jahrelang wird er ihn hegen und pflegen, bis das Wurzelwerk tief in die Erde greift und die Äste sich kraftvoll nach allen Seiten ausbreiten.

Dann wird der Konservative den Baum auf der dem Abgrund abgewandten Seite beschneiden und auf der dem Abgrund zugeneigten die Äste so lenken, dass sie mit der Zeit die Schlucht überbrücken. Schliesslich wird er eines Tages hinübersteigen und auf der anderen Seite einen zweiten Baum pflanzen, dessen Äste sich mit jenen des Erstbaumes verschränken werden, bis sie eine sichere Brücke über dem Abgrund bilden. So überbrückt der Konservative die drohende Leere zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und wenn zu seinem Überbrückungswerk ein Menschenleben nicht genügt, gibt er den Auftrag an seine Kinder weiter, die, ihrer Väter würdig, das Werk zur Vollendung führen werden. Generationen werden auf dieser Brücke kommen und gehen, die der Weg und das Ziel ist, weil sie lebt und organisch gewachsen ist.

Auch wenn sie mitten auf der Brücke über der gähnenden Leere schweben, verlieren die geduldsamen Erbauer ihre Bodenhaftung nicht, denn sie werden von der Verwurzelung des Bauwerks getragen, das sie geschaffen haben.

Abschliessend​ können wir folgendes festhalten:

Wer nicht in seiner Vergangenheit verwurzelt ist und sich nur in die Zukunft projiziert, verliert jeden Halt und schafft durch seinen sich selbst genügenden Aktivismus, durch Hast und Überstürzung nur Unglück. Sein Freiheitsdrang sucht sich ausschliesslich in der materiellen Realität zu verwirklichen, die ihm jedoch immer nur neue Beschränkungen in den Weg legt. Wie ein Hamster in seinem Rad glaubt er, durch Beschleunigung seines Tempos grosse Distanzen zu überwinden und tritt doch an Ort. Sein selbstmörderisches Tempo führt schliesslich dazu, dass er ermattet zusammenbricht. Niemand, der mit dem Gott Shiva, dem Zerstörer, tanzt, hat diesen Tanz je überlebt.

Wer sich aber aus Angst vor der Tiefgründigkeit und Endlosigkeit des Lebens einmauert geht an allem vorbei, was ihm das Leben schenken könnte. Er wird nicht nur der Welt fremd, sondern entfremdet sich seiner selbst. Er wird ein Gefangener im Kerker seines eigenen, von Furcht getriebenen Ichs. Die Mauern, die er um sich aufgebaut hat, lassen alles erstarren, bis ihr grösster Feind, die Zeit, sie unter seinen Zeigern aufreibt. Spätestens an diesem Tag wird der Mauerbauer erkennen, dass das, was seine Mauern zu schützen vorgaben, nur gähnende Leere war, ein unendliches, in tausend Wüsten verlorenes Nichts.

Wer schliesslich das Leben als Ganzes betrachtet und sorgsam auf jede Etappe des organischen Wachstums seines Wesens bedacht ist, der ahnt die geheimnisvollen Zusammenhänge im Unsichtbaren, entdeckt neue Dimensionen und findet die Freiheit am einzigen Ort, an dem sie überhaupt möglich ist: im eigenen Herzen. Die Tiefe erschreckt ihn nicht, die Dauer ist ihm keine Mühsal, denn beide zusammen begründen sein Schicksal. Und sein Schicksal ist es, Brücke zu sein, Weg und Ziel, harmonisch Erlebtes Sein in der Schwebe zwischen Vergangenheit und Zukunft. Nur so wird das Unmögliche möglich und der Augenblick zur Ewigkeit.

Und ganz am Ende noch eine Bemerkung: Der Progressive, der Reaktionäre und der Konservative existieren selten in Reinform. Jeder Mensch ist, je nach Situation und Thema progressiv, reaktionär oder konservativ.

Dies ist der dritte Teil einer Reihe. Den ersten und zweiten Teil können Sie hier lesen: http://www.politnetz.ch/beitrag/12885, http://www.politnetz.ch/beitrag/12945

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