Studierende mit 100'000.- Schulden in die Arbeitswelt entlassen? Die IHK-Forderung ist abstrus!

Ginge es nach der IHK St.Gallen-Appenzell, müssten Studierende bald die gesamten Kosten ihres Studiums zurückzahlen, sobald sie in der Arbeitswelt stehen. Doch auch wenn die IHK zuweilen glaubt, die Ostschweiz drehe sich um sie, geht auch hier zum Glück nicht alles nach dem Gusto der Wirtschaftsvertreter um Direktor Kurt Weigelt.

Man ist sich ja einiges gewöhnt, aber die neuste Idee schlägt dem Fass den Boden aus. Das Studium soll “einen Preis erhalten”. Das soll die “Marktorientierung bei der Wahl eines Studiums verbessern”. Damit Studierende “die staatlichen Leistungen sehr viel bewusster beanspruchen”. Damit hat Kurt Weigelt vermutlich nicht unrecht. Wer sich Schulden für sein Studium auferlegt, der wird sich tatäschlich Gedanken zum Preis machen. Der wird sich vermutlich wirklich überlegen, was er mit seinem Studium nachher auf dem Arbeitsmarkt verdienen kann. Das führt wohl auch zu einer bewussteren Beanspruchung staatlicher Leistungen. Nur: Wenn Studierende dann bewusst nur noch Studiengänge belegen, die ein hohes Einkommen nach Studienabschluss garantieren, dann fehlen der Gesellschaft bald wichtige Fachkräfte in finanziell wenig lukrativen Tätigkeitsfeldern. Studierende konsumieren nicht nur, sie geben der Gesellschaft auch etwas zurück. Blattmacher Stefan Schmid sagt deshalb im St.Galler Tagblatt auch zurecht:

"Wer Bildung als Ware und Studenten nur als Konsumenten sieht, blendet aus, dass der Mensch viel mehr ist als ein Wesen, das nur seinen ökonomischen Nutzen maximieren will."

Die Erklärungen der IHK
Wie die IHK denkt, legt sie in der Studie dar. Es darf keine Steuererhöhungen geben, wenn Geld fehlt. Staatsausgaben müssen gekürzt werden. Dieser Maxime wird alles geopfert. Wenns sein muss, auch der Zugang sämtlicher Bevölkerungssichten zur Bildung. Da ist es nur logisch, dass die IHK gerne selbstfinanzierte Universitäten sähe. Wohin das führen kann, sieht man in Ansätzen bereits an der Universität St.Gallen, wo die Bibliothek mit Sponsoring zugepflastert ist. Dass die Ursache der fehlenden Mittel in einer unsinnigen Steuersenkungspolitik der bürgerlichen Kreise liegt, wird ignoriert.

Schliesslich sei die Hochschulabgabe ja nur konsequent:

Wer von einem Studium profitiert, finanziert das Studium auch selbst. Nur: Wer nach einem Studium in der Lage wäre, sein eigenes Studium zu finanzieren, der beteiligt sich auch nach dem heutigen System über die Steuern überproportional an den Bildungskosten.
Durch mehr Markt würde der Fokus auf Qualität statt Quantität gelegt. Wie trügerisch dieser Schluss ist, zeigt sich nur schon, wenn man die ausländischen Studierenden betrachtet. Die IHK würde diesen nämlich noch nicht mal eine nachträgliche Rückzahlung ermöglichen. Ausländische Studierende hätten die Gebühren sofort zu berappen. Man kann sich leicht ausmalen, wer sich unter diesen Umständen noch ein Studium in der Schweiz leisten kann. Mit Sicherheit nicht einfach nur die besten, sondern die finanziell potentesten.
Die Universitäten haben einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erzeugen. Einverstanden. Ob es der Gesellschaft aber dient, wenn nach dem Studium das Geld für die Familienbildung fehlt, weil man zusätzlich zu den Steuern nochmal einen Betrag in Höhe der direkten Bundessteuer berappen muss? Ob es der Gesellschaft dient, wenn alle Studierenden über Jahre hinweg verschuldet sind? Rechnet man mit den Zahlen der IHK, dann dauert es nach Abschluss des Studiums über 25 Jahre, bis man die Schulden los ist.
Die IHK beweist mit dieser unglaublichen Forderung einmal mehr, welches Klientel sie vertritt. Wer zum reichsten Teil der Bevölkerung gehört, der kann sich solche Abgaben leisten. Man dürfte sich in diesen Kreisen sogar darüber freuen. Denn so werden Strukturen zementiert. Man bleibt unter sich und kann noch mehr über ärmere und bildungsferne Schichten herziehen. Oder wies die JUSO St.Gallen sagt:

"Das ist Klassenkampf! Von oben nach unten."

(Den gesamten Text mit Verweisen auf IHK-Studie, Tagblatt-Artikel etc. gibts unter http://rubensch.tumblr.com)

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