Neben den bereits tausenden von spekulativen Thesen zur Krise Griechenlands müssen wieder einmal breitabgestützte Erkenntnisse in Erinnerung gerufen werden.

Fangen wir mit dem an, was wir wissen!
Von links bis rechts sind sich über ein nicht unwesentliches Problem so ziemlich alle einig: In der Politik und Wirtschaft Griechenlands dominieren Korruption und Nepotismus.
Besonders oft für konservative Bürgerliche scheint das schändlicherweise ein Argument zu sein, Griechenland und andere Krisenstaaten neben dem „Erfolgsmodell Schweiz“ als „schlichtweg marode und inkompetent“ abzutun. Für sie kommt es also doch nur auf die Nationalität an, hätte hier auch noch die Welt vor gut 200 Jahren wohl das Umgekehrte behauptet.
Wie dem auch sei: dieses Vorurteil und Schwarz-Weiss-Erklärung der Griechen-Krise greift nicht nur viel zu kurz, sondern dazu noch am eigenen Rock. Denn in ihrem neuen Buch „Freiheit statt Kapitalismus“ weist die umstrittene Politikerin Sahra Wagenknecht aus Deutschland auf interessante Zahlen, mit denen sich Ökonomen und Soziologen schon seit Jahren in die öffentliche Aufmerksamkeit zu bringen versuchen. Auch bei uns in den „Leistungsgesellschaften“ Mitteleuropas sind weit über die Hälfte der Führungskräfte in Real- und Finanzwirtschaft Söhne der Vorgänger oder andere „Engeverbundene aus dem nächsten Kreise“ – ganz nebenbei, es gibt nicht nur mal einen Bruchteil so viele Familienunternehmen. Oft scheint man bei uns eben auch mehr auf Allianzen als auf Leistung zu setzen.
Ebenfalls in Sachen Korruption sollte Herr Schweizer über den entfernten Nachbarn aus dem Süden nicht hämisch spotten. Man darf erinnern, dass Transparency International der Schweiz gerne einen Platz auf der grauen Liste korrupter Staat platziert, sollte sie mit ihrer derartig intransparenten Verflechtung von Wirtschafts- und Politikeliten weiterfahren. Zum Glück verfügen wir hier noch über die notwendigen Instrumente, die unsere Demokratie und unsere Justiz schützen, und gerade deswegen gilt: es gibt keinen Grund, ebenfalls aus dem offenen Fenster zu springen. Schon gar nicht der Glaube, wir seien besser.

Wie ging das Märchen weiter?
Logisch, Griechenland für Korruption und Nepotismus anzuklagen ist wohl zu systemkritisch für bürgerliche Prägung. Deshalb hat sich wohl die Geschichte vom „faulen Griechen“ medial am besten etabliert. Nicht weniger haltlos und fremdenfeindlich, dafür scheinbare Generalerklärung für jedes Land, das ärmer ist als die Schweiz. Ironischerweise schneiden sich die Jünger des Neoliberalismus aus dem Bürgertum mit dieser Story am meisten ins eigene Fleisch.
Die PASOK-Regierung, deren Chef der Sozialistischen Internationalen vorsitzt, hat in einer Weise Steuern für Reiche und ebenjene korrupten Abzocker gesenkt, Boden und Immobilien verscherbelt und die Bürokratie runtergeschraubt, wie es sich eine FDP hierzulande nur wünschen könnte. So führte man zum Beispiel eine abartige und enorm naive Pauschalbesteuerung für Hoteliers ein, die zum Steuerbetrug geradezu einlud. Wer in der Krise überhaupt dem „starken Staat“ die Schuld gibt, hat weit gefehlt. Denn in Griechenland erhalten Beamte für ihren Arbeitsplatz gerade noch so viel Investitionen, dass Müllsäcke und andere Unschönheiten zum gewohnten Arbeitswerkzeug für Archivierung werden.
Noch etwas zu denjenigen, die die Streiker und Demonstranten dabei als faul bezeichnen: Das ZDF-Wirtschaftsmagazin brachte in der Sendung vom 7. November eine interessante Dystopie, in der die Sparmassnahmen realistisch auf Deutschland übertragen wurden. Wer angesichts solcher Mittelstandsgefährdung nichts tun würde, hat wohl beim Charakter zu viel gespart.

Wessen Wort gilt?
Vom liberalen bis zum marxistischen, vom keynesianischen bis zum monetaristischen Flügel ernstzunehmender Wirtschaftswissenschaftlicher singt der Chorus einen Klang: Umschuldung, Reichensteuer, Verantwortung der Banken. Selbst als libertärer Staatskritiker muss ich doch klar festhalten, dass ein „starker Staat“ gefragt gewesen wäre. Schliesslich hat auch eine staatliche Intervention in unserem Hause die Frankenkrise entschärft.
Die Krise Griechenlands begann mit einem Spekulanten-Angriff auf ihre Staatsanleihen, was die Staatsabbauverordnungen aus Brüssel noch fragwürdiger macht. Statt den Wissenschaftler zu folgen spart man jetzt überall, wo es den kleinen Mann betrifft und auch nicht mehr als ein kleines Budget rauskommt.

Wer sitzt denn am Hebel?
Dass ausgerechnet die liberale Schweiz nicht der EU beitreten will (was ich grundsätzlich begrüsse), hat mich schon immer verwundert. Doch sie macht klar, worum es bei der EU und ihren Sorgenkindern wirklich geht. So wie die EU die Hauptverantwortlichen – die Banken – mit Eurobonds und EFSF-Rettungsschirm schützt, so retten auch wir Banken mit sauerverdientem Geld statt ihnen eine Lektion zu erteilen. Dass z.B. Verstaatlichungen als drastischstes Mittel in einem Bereich, der immerhin Staat und Volkswirtschaft dient, durchaus Sinn machen könnten, sehen neben IWF-Chefin Lagarde auch andere Konservative.
Doch der heutige Finanzkapitalismus setzt nun mal auf die uneingeschränkte Stärke der Geldschöpfer und Besitzenden von Bank und Börse. Dass ihr Modell vom Klassenkampf gegen unten die Krise bisher nur verschlimmert hat, durften wir alle gemeinsam beobachten. Kurz gesagt: wir Schweizer machen auch Krisenpolitik, nur profitieren wir davon. Swiss made since ever!

Die hier angeführten nachweisbaren Fakten sind ebenfalls nur Rahmen meiner eigenen Interpretation. Doch ich rufe dazu auf, sich bei Beschäftigung mit der Krise mal ehrlich zu fragen: Aus welchen Gründen sind wir nochmals gegen die EU, wenn wir so oft ihren neoliberalen Geist von Bankenrettung und Staatsabbau mittragen? Wieso suchen wir nicht nach richtigen Lösungen, wenn Spekulation und „Rechnung auf Volkskosten“ nach EU-Vorbild nicht funktionieren?

Für Anti-EU-SVPler und EU-befürwortende SPler wahrscheinlich gleichermassen ungeeignet ;)

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