Kirche vs Banken: Der Occupy-Protest mutiert durch den kirchlichen Positionsbezug zu einem eigentlichen Machtkampf unter Zürichs Grossgrundbesitzern.

Der Platz, den sich die Schweizer Occupy-Bewegung zum Wochenenddemonstrieren ausgesucht hatte, war naheliegend: Der Paradeplatz steht wie kein anderer sinnbildlich für die Schweizer Finanzindustrie, er ist umzingelt von Firmensitzen der bedeutendsten Schweizer Finanzinstitute.

Dem Lindenhof, auf den die Demonstranten zum Campieren auswichen, fehlt diese Symbolik. Seine Umnutzung zeigte in erster Linie auf, dass Freiräume in der Innenstadt äusserst rar sind. Jede noch so kleine Fläche scheint eine Funktion erfüllen zu müssen.

Nach der polizeilichen Räumung dieses Ersatzschauplatzes ist nun also die reformierte Kirche Zürich-Aussersihl eingesprungen und stellt den übrig gebliebenen Demonstrantinnen und Demonstranten Teile der St.-Jakobs-Kirche beim Stauffacher zur Verfügung. Pfarrerin Verena Mühlenthaler begründet das Angebot politisch: «Kirchengemeinden haben den klaren christlichen Auftrag, sich an den gesellschaftlichen Themen zu beteiligen und einen Dialog zu ermöglichen, sodass auch benachteiligte Bürger einbezogen werden», wird sie im Tages-Anzeiger zitiert*.

Im Nu ist darob eine Diskussion entfacht. Die einen, die eine handzahme, apolitische Kirche möchten, drohen mit Austritt. Sie deuten den Ruf nach einer Trennung von Kirche und Staat um in ein politisches Schweigegebot für Kirchenvertreter. Andere, die mit der Institution längst gebrochen hatten, künden ob des gewährten «Asyls» öffentlich an, wieder beitreten zu wollen.

Es scheint symptomatisch, dass bei der Kirche ein solches Wirken gleich zur Gretchenfrage emporstilisiert wird. Wohl kein Wiedereintretender würde Mitglied beim Bauernverband, weil ein Landwirt einer Gruppe von Demonstranten eine Wiese zum Campieren zur Verfügung stellte – obwohl derartige Camps wohl öfter auf bäuerlichem Privatgrund denn auf kirchlichen Arealen geduldet werden.

Auch wird ausgeblendet, wieso die Kirche hier überhaupt als Gastgeberin agieren kann: weil sie Grossgrundbesitzerin ist! Auch im urbanen Raum. Man braucht der zuständigen Kirchenpflege keinerlei unlautere Motive unterstellen, aber sie ist alleine wegen ihrem stattlichen Arsenal an Grundstücken und Liegenschaften eine der wenigen Akteure, die überhaupt ein solches Angebot hat machen können.

Wie bedeutsam die kirchlichen Immobilien sind, sei exemplarisch am Fall der Kirchgemeinde Zürich-Wollishofen aufgezeigt, die mit einer online verfügbaren Präsentation für erfreuliche Transparenz sorgt. Die wichtigste Aussage ist einer einzigen Grafik* zu entnehmen: Die Kirchgemeinde gibt mehr Geld für den Liegenschaftenunterhalt aus als für die Seelsorge (39% vs 37% des Budgets). Kirchliche Veranstaltungen sind finanzpolitisch gesehen eine Quantité negligeable: Sie schlagen mit gerade mal 2% zu Buche.

Der Occupy-Protest mutiert also durch den kirchlichen Positionsbezug zu einem eigentlichen Machtkampf unter Zürichs Grossgrundbesitzern.

** im inhaltsgleichen Blogbeitrag auf kyriacou.ch abgebildet: http://kyriacou.ch/2011/11/kirche-vs-banken-machtkampf-unter-grossgrundbesitzern/

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