Eine etwas andere Einteilung (1/3): Der Progressive

Seit der französischen Revolution gibt es in der politischen Landschaft eigentlich nur drei Grundtendenzen, die sich nicht mit dem üblichen Rechts-Links-Schema decken. Es geht mir dabei nicht darum, eine Unterscheidung nach politischen Programmen oder Inhalten vorzunehmen, sondern nach Einstellungen.

Betra​chtet man die Politiker unter dem Blickwinkel ihrer Grundeinstellung, nicht nur zum politischen Handlungsfeld, sondern zum Leben allgemein, dann kristallisieren sich folgende drei Typen heraus: Der Progressive, der Reaktionäre und der Konservative. Ich werde nun versuchen, diese drei Typen in ihren Absichten und ihrer Handlungsweise zu beschreiben und zu untersuchen. Dazu werde ich in allen drei Fällen vom gleichen Bild ausgehen und es an die drei Typen anzupassen versuchen. Das Bild von dem ich ausgehe ist Folgendes: Ein Mensch steht vor dem Abgrund, was nun?

Wie reagieren unsere drei Typen?
Nehmen wir zuerst den Progressiven.

Der zögert nicht lange. Sein Vorwärtsdrang ist so gross, dass er sich durch nichts aufhalten lässt und resolut den Sprung in den Abgrund wagt. Sein Vertrauen ist grenzenlos. Er ist überzeugt, dass ihn die Flügel des Enthusiasmus und der löblichen Absicht sicher ans andere Ufer tragen werden. Er bedenkt dabei weder die Tiefe noch die Breite der Schlucht. Sein Glaube versetzt zwar keine Berge, stopft aber dafür alle Löcher, seien sie noch so abyssal. Philipp Hildebrand ist so ein Progressiver. Er versucht zurzeit tatsächlich, das Fass ohne Boden der EU-Finanzen durch den Ankauf von fünfzehn Milliarden Euro täglich zu füllen. Dass er dadurch die Schweiz zu ruinieren droht, schert ihn nicht. Er ist ein Progressiver, ein Vorwärts Schreitender, ein Aufstrebender, für den allein die löbliche Absicht zählt. Abwarten und vorsichtiges Abtasten sind in seinen Genen nicht vorprogrammiert.

Der​ Progressive kann nicht anders als auch am Rande des Abgrunds einen grossen Schritt nach vorn zu tun, denn Bewegung bedeutet für ihn Leben, auch wenn unten der Tod wartet. Was soll’s, dann eben nur kurz gelebt und im Sturzflug noch einen Geschwindigkeitsrekor​d brechen! Auf diese Weise bleibt wenigstens die Hoffnung, in die Geschichte einzugehen.

Für den Progressiven ist nicht das Ziel wichtig, auch nicht der Weg, und der Weg ist für ihn schon gar nicht das Ziel, nein, für den Progressiven ist die Bewegung an sich der Endzweck, also nichts anderes als Selbstzweck. Das angestrebte Ziel ist nur der Vorwand, um Bewegung ins Leben zu bringen. Nichts fürchtet der Progressive dabei mehr, als definitiv sein Ziel zu erreichen. Denn dann müssten ja alle Räder still stehen. Und das käme einer Art Katalepsie gleich, der Progressive käme sich vor wie ein lebendig Toter. Also bewegt er sich immer nur im Kreis, und immer schneller, wie von einer unsichtbaren Hand angepeitscht. Er wird zu einem Taifun, der zerstörerisch um eine gähnende Leere tanzt. Die Bewegung darf nicht aufhören, koste es, was es wolle. Um aber diese Dynamik aufrecht erhalten zu können wie eine Art Perpetuum mobile, braucht es einen Treibstoff.

Dieser Treibstoff heisst Unzufriedenheit. Manchmal ist sie gepaart mit Neid und Missgunst. Das bewegt die Massen. Weil jeder, der den Eindruck hat, zu kurz zu kommen, nichts auf die lange Bank schieben will. Die Veränderung muss jetzt sofort und allseits sichtbar vor sich gehen. Allein eine Akzeleration der Geschichte vermittelt dem progressiven Geist den Eindruck, wirklich etwas zu bewegen. Das ergab in der neueren Weltgeschichte bewegte Kapitel wie den Marsch auf Rom, den langen Marsch oder den Marsch auf die Feldherrnhalle, die alle ziemlich brutale Folgen hatten.

Der Progressive bewegt sich aber auch, weil er den Eindruck hat, dass sich sonst nichts bewegt. Dies rührt daher, dass er die Lebensströme nur oberflächlich betrachtet und keinen Sinn entwickelt für Prozesse, die im Unsichtbaren ablaufen. Denn der Progressive glaubt nur an die materielle Realität, er bewegt sich nur an der Oberfläche der Welt. Für ihn existiert lediglich das, was er mit seinen fünf Sinnen wahrnehmen kann. Das allein lässt sich konkret bewegen. Alles andere gehört ins Reich der Märchen und Chimären.

Interessant​ ist auch, dass der Progressive mit einem unbezwingbaren Optimismus ausgestattet ist, der sich durch keine Niederlage trüben lässt. Dies ist ja auch folgerichtig, denn die einzige wirkliche Niederlage für einen Progressisten läge, wie schon gesagt, in der Erreichung des Ziels, also in der Einstellung der Bewegung. Darum bleibt der Progressive lieber ein bewegter Verlierer, der sich damit begnügt, immer nur moralisch zu siegen, damit er bis in alle Ewigkeit gegen die Ungerechtigkeit der Welt ankämpfen kann.

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