Stadtrat von Winterthur plant Wachstum, aber bitte ohne mehr Autoverkehr. Das wird im Verkehrskollaps enden.

Eigentlich bin ich kein sonderlicher Befürworter des Autoverkehrs, die einseitige Haltung des Winterthurer Stadtrats in der Verkehrspolitik zwingt mich aber leider immer wieder, eine besonders autofreundliche Position einzunehmen. Sowohl Autos wie auch der öffentliche Verkehr haben ihre Daseinsberechtigung und sollen einander ergänzen. Werder kann man jede Strecke bequem und ökonomisch mit dem öffentlichen Verkehr fahren, noch wäre der öffentliche Verkehr in der Lage, den gesamten Verkehr zu bewältigen. Es muss darum gehen, den relativen Anteil des öffentlichen Verkehrs stetig zu steigern, das Netz auszubauen und die Verbindungen zu verbessern, ohne aber den Autoverkehr dadurch zu vernachlässigen oder das Eine gegen das Andere auszuspielen. Leider sieht das unser Stadtrat anders. Der Autoverkehr wird sträflich vernachlässigt, Stausituationen werden nicht behoben oder gar absichtlich provoziert, weil man den Leuten das Autofahren austreiben will. Weil der Bus ebenfalls unter dem Stau leidet, hat der Stadtrat mit dem «städtischen Gesamtverkehrskonzept» den Begriff des «ÖV-Hochleistungskorridors» erfunden, mit dem er den offentlichen vom privaten Verkehr «entflechten» will.

In den zehn Jahren, seit ich nach Winterthur Hegi gezogen bin, wurde die Industrie ausgebaut: Es kamen ein OBI, ein MediaMarkt, ein Aldi und ein Lidl. Hinzu kamen dutzende Wohnblocks und dutzende Einfamilienhäuser in der damals grössten Baustelle des Kantons Zürich. All diese Einrichtungen brachten mehr Verkehr. In dieser Zeit sind die Warteschlangen beim Kreisel Orbühl und an der Kreuzung Seenerstrasse / Frauenfelderstrasse kontinuierlich gewachsen, ohne dass die Stadt Abhilfe geschaffen hätte. Allerdings hatte dieselbe Stadtregierung auch vergessen, für die Neuzuzüger ein Schulhaus zu planen, so dass die Kinder heute in einem aufwendig beheizten Zelt turnen müssen und das neue Schulhaus erst stehen wird, wenn die ersten Kinder schon ihre Lehre beendet haben werden.

Selbst wenn man der Meinung ist, dass der Anteil des öffentlichen Verkehrs im Verhältnis zum Individualverkehr zunehmen soll, so ist es dennoch unrealistisch anzunehmen, jedes Wachstum könne ausschliesslich durch den öffentlichen Verkehr abgefangen werden. Die Vergangenheit zeigt auch, dass dies bereits bisher nicht möglich war.

Trotzdem plant der Stadtrat eine «bipolare Stadt», das heisst er will in Neuhegi ein zweites Stadtzentrum einrichten, mit dutzenden von Bauten, Wohnungen und - vom Gemeinderat dazu gezwungen - Gewerbe. Wie aber will der Stadtrat ein so gigantisches Bauprojekt verwirklichen, ohne das neue Stadtzentrum verkehrstechnisch an das alte Stadtzentrum anzubinden?

Der Stadtrat plant dazu keinerlei Investitionen für den Autoverkehr, lediglich die direkte Anbindung an die Autobahn soll verbessert werden. Der zu erwartende massive zusätzlich innerstädtische Verkehr soll nach dem Willen des Stadtrats einzig und allein mit Bus und Velos abgefangen werden. Die zusätzlichen Autos sollen weiterhin über die bereits heute überlasteten Knoten.

So plant der Stadtrat in der Konsequenz eine «Querung Grüze», aktuell vorgesehen ist eine Überführung über die Geleise beim Bahnhof Grüze, die ausschliesslich dem Bus, den Velos und den Fussgängern zur Verfügung stehen soll. Der motorisierte Individualverkehr ist ausdrücklich ausgeschlossen.

Die Querung ist sinnvoll, um die notorisch geschlossenen Bahnschranken beim Bahnhof Grüze zu umfahren. Doch 20-60 Millionen Franken auszugeben, damit ein paar mal pro Stunde ein Bus über die Geleise fahren kann, ohne dabei den Autoverkehr zu berücksichtigen, das ist Wahnsinn und Geldverschwendung.

Wenn man schon eine Querung baut, die an sich sinnvoll wäre, dann soll man sich damit nicht die Möglichkeit verbauen, das Stauproblem am Kreisel Ohrbühl und an der Kreuzung Seenerstrasse / Frauenfelderstrasse ebenfalls zu lösen.

Aus diesem Grund habe ich am letzten Montag gemeinsam mit FDP und SVP und Unterstützung aus der CVP ein Postulat eingereicht [1], das vom Stadtrat verlangt, die Querung Grüze zu zu planen, dass eine Mitbenutzung durch den motorisierten Individualverkehr nicht ausgeschlossen wird.

Diesen Vorstoss habe ich mit Absicht sehr zurückhaltend formuliert: Ich verlange nicht, dass die Querung von Anfang an auch für den motorisierten Individualverkehr geöffnet wird, aber ich verlange, dass man sich bei Ausgaben von dutzenden von Millionen Franken die Möglichkeit einer späteren Nutzung nicht im Vornherein verbaut. So hält man sich die Option offen, bei allfälligem Bedarf die Querung doch noch für die Autos zu öffnen. Immerhin baut man eine solche Querung für die nächsten fünfzig oder hundert Jahre, in dieser Situation aus ideologischen Gründen am falschen Ort zu sparen wäre pure Dummheit.

Ausserdem wird der Stadtrat gebeten zu prüfen, wie er ausser über die Querung Grüze die beiden geplanten Stadtzentren für den motorisierten Individualverkehr untereinander verbinden wird. Gerade wenn auch Arbeitsplätze geschaffen werden sollen, wird das Gewerbe eine gute Anbindung an die anderen Stadtquartiere benötigen. Nur eine Anbindung an die Autobahn reicht nicht aus. Die einzig sinnvolle Alternative zur Querung Grüze für den Autoverkehr wäre, auf das ehrgeizige Projekt einer bipolaren Stadt ganz zu verzichten und die Industriebrache in Neuhegi zu renaturieren.

Ausserdem vertrete ich die Auffassung, dass eine Unterführung besser geeignet wäre, als eine Überführung [2].

[1] http://stadt.winterthur.ch/daten/weisungen/W11112V.pdf
[2] http://stadt.winterthur.ch/daten/weisungen/W11108V.pdf

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