Mein Dilemma mit den Ratings

Der Wahlkampf ist vorbei. Der nächste wurde von Einigen bereits neu lanciert. Nachdem ich im Februar 2009 bei einer Ersatzwahl in den Nationalrat gewählt worden war, war es für mich nun ein eindrückliches Erlebnis, erstmals Teil von nationalen Gesamterneuerungswahl​en zu sein. Dabei wurden wir Parlamentarier und Kandidaten von unzähligen Interessengruppierung​en regelrecht mit Fragebögen überschwemmt. Für die „richtigen“ Antworten oder die Unterzeichnung einer "Charta" wurden wir dann mit einer Wahlempfehlung belohnt – oder eben nicht. Ebenso intensiv waren die krampfhaften Versuche, uns in einer Skala von 1 – 10 oder in einem „Spinnennetz“ zu katalogisieren. Und Sie glauben ja nicht, was für ein Wechselbad der Gefühle diese Ratings auslösen können: Ich bin also ein „Rechter“, wenn ich dagegen bin, dass gleichgeschlechtliche​ Paare Kinder adoptieren dürfen; aber ich bin dann gleich wieder ein „Linker“, wenn ich eine Frauenquote in Verwaltungsräten börsenkotierter Firmen unterstütze... Ich bin gegen die 1:12-Initiative und für liberalisierte Ladenöffnungszeiten; aber weil ich auch ein möglichst flächendeckendes Poststellennetz will, schmälert dies meine Wirtschaftsfreundlich​keit schmerzlich... Ich bin umweltfreundlich, weil ich für den AKW-Ausstieg bin, und umweltfeindlich, weil ich den Ausbau stark befahrener Autobahnabschnitte befürworte... Dass ich gegen den EU-Beitritt bin, ist ein Zeichen von aussenpolitischer Verschlossenheit, während die Befürwortung der bilateralen Verträge gleich wieder das Gegenteil auslöst… So schleudert es mich regelrecht von Frage zu Frage zwischen rechts und links hin und her, und am Schluss erscheint dann das brave Bild eines ausgewogenen Mitte-Politikers. - Es wäre ein Leichtes gewesen, die Fragen so zu beantworten (= manipulieren), dass man – je nach Lust – etwas wirtschaftsfreundlich​er, etwas umweltfreundlicher, etwas konsumentenfreundlich​er erscheint… Nein, habe ich selbstverständlich nicht gemacht! Wo denken Sie auch hin? - Aber ich bin wirklich froh, dass man sich bei uns im Glarnerland auch ohne Ratings kennt und Spinnennetze bei uns immer noch ein Fall für den Staubwischer sind…

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