Ex-Banker Ruedi Elmer, lange als Spinner verfemt, jetzt vom Tagi als couragierter Whistleblower rehabilitiert. "Occupy Paradeplatz" macht es möglich...

Wie viele andere CH-Medien - mit der löblichen Ausnahme des "Sonntag" und der "WoZ" - hat auch der Tagesanzeiger den Bank-Bär-Whistleblower Ruedi Elmer lange Zeit als Spinner und Querulanten abqualifiziert. Jetzt, wo empörte Demonstranten die Wall Street und den Paradeplatz besetzen, hat auch der Tagi plötzlich eine ganze Seite für ein Interview mit dem vormals Verfemten übrig. Aus dem Querulanten von gestern ist der couragierte Whistleblower von heute ("Ich zeigte Zivilcourage", TA vom 19. Oktober 2011) geworden...

Medienzensur bei Banken-Themen

Der Fall Elmer ist ein klassisches Beispiel dafür, wie wirkungsvoll die (Selbst)-Zensur der Medienschaffenden funktioniert, wenn es um Tabuthemen wie Banken, Steuerhinterziehung und Bankgeheimnis geht. Als Ruedi Elmer, ehemaliger Julius Bär-Manager auf Cayman Islands, mit Eingaben an die eidgenössische Steuerverwaltung und Veröffentlichungen auf Wikileaks die aktive Beihilfe seiner früheren Bank zur Steuerhinterziehung anprangerte, wurde er von den CH-Medien zum frustrierten Erpresser und Spinner gestempelt. Besonders markant im Zürcher Tagesanzeiger, dessen Verwaltungsratspräsident in einem von Elmer angeprangerten Fall als seinerzeitiger Mitarbeiter der Kanzlei Bär & Karrer selber die Finger im Spiel hatte. Nicht viel anders bei der NZZ, wo Privatbankier Konrad Hummler als Verwaltungsratspräsident amtiert. Einzig der vom Aargauer Verleger Wanner herausgegebene "Sonntag" - mit der gebotenen Distanz zum Bankenplatz Zürich - scherte aus und berichtete von Anfang an unaufgeregt und sachlich über die causa Elmer.

AL: "Den Ruedi will man hängen - den Kaspar lässt man laufen"

Die AL Zürich hat sich von Anfang an gegen die öffentliche Verketzerung von Ruedi Elmer gewandt. Am Tag seines Prozesses am 19. Januar 2011 demonstrierte die AL vor dem Bezirksgericht mit einem Transparent "Den Ruedi will man hängen - den Kaspar lässt man laufen" und organisierte eine weitherum beachtete internationale Medienkonferenz. Wie gross der mentale Druck des Zürcher Finanzplatzes auf die Medien ist, bekamen damals auch wir zu spüren. Am Vorabend des Prozesses fragte der zuständige SF-Reporter AL-Gemeinderat Niggi Scherr am Telefon empört, wie die AL dazu käme, sich mit einem Kriminellen zu solidarisieren.

Ein Fall von Klassenjustiz

Der Fall Elmer ist aber auch ein eklatantes Beispiel von Klassenjustiz. Nach dem vergleichsweise milden Urteil schlugen Staatsanwaltschaft und Kapo gleich wieder zu. Noch am Abend des Prozesstages vom 19. Januar 2011 erwarteten gut ein halbes Dutzend Kantonspolizisten Ruedi Elmer bei seiner Rückkehr nach Hause in der Tiefgarage und setzten ihn nach dreistündiger Hausdurchsuchung in Haft. Die Abteilung III für Wirtschaftsdelikte und ihr Leiter Peter Pellegrini legten für einmal ein äusserst zackiges Tempo vor, das man bei ihnen stets vermisst, wenn es um den Zürcher Geldadel geht. Der gleiche Pellegrini hat eine Voruntersuchung gegen Ospel, Kurer & Co versanden lassen. An Ruedi Elmer wollte man offenbar ein Exempel zur Abschreckung statuieren: er wurde mehr als sechs Monate - anders kann man es nicht nennen - in "Beugehaft" genommen.

Mehr dazu auf der AL-Webseite:

http://al-zh.ch/aktuelles/artikel/article/den-ruedi-will-man-haengen-den-kaspar-laesst-man-laufen.html

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