Welche Armee braucht die Schweiz? Eine Abwägung

Jaja, unsere liebe Armee.

Traditionell. Klein. Modern. In der Gesellschaft verankert. Aber auch schlagkräftig? Angemessen (Budget, Grösse, System)?

Ich möchte vorneweg schicken, dass ich bekennender SVP Wähler bin. Trotzdem finde ich, müssen wir in Anbetracht der sich stehts verändernden aussenpolitischen Situation auch unser Armeesystem überdenken. Anpassung heisst das Erfolgsmodell. Zu Zeiten des 2. WK hatte unsere Armee einen Bestand von knapp 700'000 Mann. Unter Anderem ein Grund, weshalb es Deutschland oder andere Mächte nie gewagt haben in unser Land einzudringen. Die Befestigungen im Norden wurden von deutschen Generälen zB. als "vergleichsweise hoch" eingeschätzt. Seither wurde der Armeebestand immer weiter abgebaut, das Budget gekürzt, es wird an Material gespart.

Dabei, liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ist doch die Sicherheit unser höchstes Gut. Es kommt nicht direkt auf das Budget oder die Grösse der Armee an, sondern auf die Qualität!

Deshalb die Frage: Was ist das beste Armeemodell für den Sonderfall Schweiz? Schauen wir doch einmal, nicht zu weit, in die Zukunft zurück:

  1. Weltkrieg: Niemand konnte auch nur im entferntesten ahnen, dass 1939 schon wieder ein Weltkrieg ausbricht. Wieder ist Deutschland der "Verursacher". Die Schweiz wird vom Krieg grösstenteils verschont, nicht zuletzt wegen einer starken Armee (Abschreckung).

Kalter Krieg: Vor etwa drei Jahrzehnten standen wir noch kurz vor einem atomaren Krieg. Sowjets (und Anhänger) gegen Amis (und Anhänger). Ein Krieg, in welchem die kleine Schweiz wohl weder eine grosse Rolle gespielt hätte, noch eine Chance gehabt hätte sich vor solchen Grossmächten zu schützen. Oder etwa doch? Lassen wir das mal so im Raum stehen. Die Schweiz wird von jeglichen kriegerischen Aktionen verschont.

Terrorismus/Andere Bedrohungen: Die Schweiz wurde von grösseren Anschlägen wie 9/11 glücklicherweise verschont. In Erinnerung geblieben ist jedoch die schreckliche Flugzeugentführung 1970 durch palästinensische Luftpiraten, welche letztendlich friedlich beendet werden konnte. Jedoch konnten bereits diverse kleinere Attentate, vor allem von Einzeltätern, verhindert werden. Andere, wie das Attentat in Kloten jedoch nicht.
Unter "andere Bedrohung" möchte ich hier die neusten Aufstände in Nordafrika anfügen. Diese Leute haben uns gezeigt, dass schlussendlich immer das Volk das letzte Wort hat - kommt mir irgendwie bekannt vor (Initiativrecht - ich bin stolz darauf). Jedoch haben auch diese Ereignisse gezeigt, dass auch scheinbar eher stabile Staaten plötzlich sehr instabil oder sogar zerbrechen und im Bürgerkrieg versinken können. Für Staaten wie Deutschland oder Frankreich ist dies eher unrealistisch. Was ist aber mit Griechenland? Portugal? Italien? Die ganzen Balkanstaaten? Was wenn die EU zerbricht?
Fakt ist, die Schweiz ist ein neutrales Land ohne Kriegsbündnisse und wir müssen sowohl in guten, als auch in schlechten Zeiten für unsere Sicherheit selbst aufkommen. Dazu gehört auch die Landesverteidigung.

Rundum: Die Schweiz hat seit ca. 160 Jahren keinen Krieg mehr geführt und es herrscht Frieden. Wir sind ein neutrales Land, unsere Neutralität hat sich also ausgezahlt. Doch Neutralität ist nicht mit Unverwundbarkeit gleichzusetzen. Zum Beispiel das Attentat von Kloten hat gezeigt - auch die Schweiz muss vor Terror geschützt werden. Spinner wie Ghadafi oder Ahmadinedshad zeigen: Die Bedrohung ist vorhanden.

Die Anschläge vom 11. September und die jüngsten Ausschreitungen beweisen es: Die Zukunft kennt niemand. Niemand weiss, wie die Bedrohungslage morgen, in zwei Wochen oder in drei Jahren aussieht. Deshalb gilt es sich gegen die "wichtigsten" Gefahren abzusichern.

Die Armee übernimmt zusätzlich noch weitere Funktionen, zum Beispiel hilft bei Katastrophen aus, wenn der Zivildienst/schutz an seine Grenzen gerät. Dies hat man bei den neusten Überschwemmungen ja gesehen.

Für die Schweiz ist eine Arme unerlässlich. Ich wage zu behaupten, dass es ohne Armee die Schweiz nicht mehr lange in dieser Form gäbe, wie wir sie heute kennen.

Doch welche Armee ist denn nun die "beste" für die Schweiz?


Ist es die Milizarmee?


Aus meiner Sicht sicher nicht. Das heutige Milizsystem ist für junge Männer ein Klotz am Stein und nicht gerecht. Frauen und AusländerInnen werden komplett von jeder Dienstpflicht befreit. In einem Zeitalter der Gleichstellung ist das so nicht akzeptabel. Während die jungen Männer alle eingezogen werden und ein Jahr für RS/Zivi opfern MÜSSEN, beginnen die Frauen zu studieren oder machen sich einen schönen Auslandaufenthalt. Auch mit dem WK Modell sind die Männer hier aus wirtschaftlicher Sicht klar im Nachteil.
Die Frage ob Ausländer auch einen Dienst verrichten sollten, ist da schon etwas komplizierter. Ist die Dienstpflicht denn nun eine Pflicht eines Schweizer Bürgers oder eines Einwohners? Denn mit der Dienstpflicht kommt schliesslich auch das Stimmrecht, Steuerpflichten, etc. Sollten dann Ausländer, bei mehr Pflichten, auch mehr Rechte bekommen? Sicher ein sehr komplexer Streitpunkt. Doch für alle arbeitslosen Ausländer/Sozialempfänger wäre eine Dienstpflicht nach geraumer Zeit aus meiner Sicht sicher sinnvoller, als weiterhin vom Staat zu leben.

Die Milizarmee hinterfrage ich zudem auch in ihrer Qualität. Wir haben kaum mehr Berufssoldaten/Offiziere, immer weniger Profis. Unsere Armee besteht aus uniformierten Studenten und Lehrlingen. Ich sehe hier beim besten Willen keine Armee, welche schlagkräftig ist. Das Gefühl habe zumindest ich: Im Kriegsfall lieber davonrennen und im Gefängnis landen, als zu sterben. So denken wohl im Geheimen viele junge Soldaten. Wäre es da nicht besser eine Berufsarmee aufzubauen? Letztendlich hat die Milizarmee aber die beste Verankerung im Volk und ist vergleichsweise nicht sehr teuer. Mit neu 5 Mia. Ausgaben jährlich sind wir immer noch sehr weit hinten auf der europäischen Liste.


Ist es die Berufsarmee?


Mit einer Berufsarmee würden wir wohl in das Profigeschäft einsteigen. Materialausgaben müssten drastisch erhöht werden, damit auch jeder ausgegebene Rappen für jeden einzelnen Soldaten nicht verschwendet wird (Leerläufe wie wir es heute haben). Es würde auch mehr Material für Übungen benötigt, der ganze Unterhalt und die Logistik müsste aufgestockt werden. Unter einer Bedingung: Die Grösse der Armee bleibt gleich. Und das muss sie zwingend, denn eine Verteidigungsarmee mit unter 80'000 Aktiven kann ihren Auftrag nicht mehr erfüllen. Zweifelsfrei würden die Ausgaben mit einer Berufsarmee regelrecht explodieren. In der heutigen Zeit (Sparen, sparen, sparen) ein weiser Schachzug? Wohl kaum.


Was gilt es aus meiner Sicht zu prüfen?


Aus meiner Sicht gilt es diverse Dinge zu prüfen (bitte von Fachleuten, nicht von Politikern):

  1. Wie teuer käme uns eine Berufsarmee tatsächlich? (Wie teuer mit welchem Bestand)
  2. Wäre eine Berufsarmee überhaupt im Bereich des Möglichen (Anzahl Interessierte)?
  3. Wäre die Bevölkerung (mit einer Berufsarmee) auch bereit dazu, höhere Steuern zu bezahlen (im Gegenzug entfällt die Wehrpflicht)
  4. Es ist abzuklären, eine kleinere Berufsarmee zu unterhalten und eine Art "Reservesystem" einzuführen, sprich, eine extrem hohe Anzahl an Reservesoldaten, falls ein konventioneller Stellungskrieg eintreten sollte. Praktisch jeder Schweizer und jede Schweizerin ist darin Wehrdienstpflichtig, sprich, ist im Ernstfall - und nur in dieser Art von Ernstfall, nämlich im konventionellen Stellungskrieg - dazu verpflichtet das Land zu verteidigen. Denn in jedem anderen Fall reicht ein kleinerer Bestand.

Wieso Punkt 4?
Ein Stellungskrieg in dieser "altmodischen" Form ist aus meiner Sicht heute eher unwahrscheinlich, aber nicht auszuschliessen. Die Armee sollte sehr schnell von einem "Schlafmodus" in die Alarmbereitschaft wechseln können. Mit diesem System müsste der grosse Anteil der Reserve keinen, oder einen viel kürzeren, WK absolvieren und trotzdem hätte die Schweiz quasi ein Massenheer im Ärmel - für den absoluten Notfall. Für alle andere Fälle wird jedoch mit diesem System gespart.

Ich bitte um eine rege und auch kritische Beteiligung an dieser Diskussion. Konkret will ich wissen: Wie teuer wäre denn so eine Berufsarmee (Kosten und Bestand). Denn ich persönlich wäre sicher bereit dazu, mehr für unsere Sicherheit zu bezahlen. Wie zu Beginn bereits angesprochen: Die Sicherheit ist unser wichtigstes Gut. Doch wie viel lohnt es sich dafür zu opfern?

Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit genommen haben diesen (lagen) Text durchzulesen und hoffentlich auch sachlich darauf zu antworten.

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