Die Jagd der Krankenkassen nach guten Risiken hat unsere Gesundheitspolitik zu verantworten

Dies ist eine Replik auf den Kommentar von Frau Erika Ziltener (SP-Nationalratskandidatin Kanton Zürich) zum Beitrag „Schluss mit mittelalterlicher Gesundheitspolitik!“

Ich gehe tatsächlich nicht davon aus, dass irgendjemand eine Krankheit kaufen möchte. Für mich ist es nicht nachvollziehbar, wie Sie – Frau Ziltener – einen derart abstrusen Gedankengang entwickeln konnten. Gesundheit ist mit Sicherheit auch keine Ware. Das Versprechen, bei Erkrankungen bestimmte Gesundheitsleistungen von Ärzten und Spitälern in Anspruch nehmen zu dürfen, hat aber mit Sicherheit einen Wert bzw. einen Preis. Somit sind diese Leistungsversprechen im Krankheitsfall (Krankenversicherungen) grundsätzlich marktfähig. Die Jagd nach guten Risiken ist kein marktwirtschaftliches Phänomen, sondern die Folge eines staatlichen Eingriffs in Gestalt der Einheitsprämie bzw. Kopfprämie. Die pro Prämienregion und Altersgruppe festzulegende Einheitsprämie ist ein klassischer Fall von Preismanipulation, die praktisch in jedem Fall negative Folgeerscheinungen provozieren.

Ich möchte die Auswirkung der Einheitsprämie am Beispiel eines Supermarktes skizzieren: Ein Supermarkt hat nun auf einmal die staatliche Vorgabe, bei allen Kunden denselben Betrag einzukassieren (Einheitsprämie), egal was und wie viel der Kunde einkauft. Logischerweise bevorzugt der Geschäftsführer nun jene Kunden, die mit kleineren Warenkörben an der Kasse anstehen, da diese unter der neuen Regelung bessere Margen abwerfen. Kunden mit sehr grossen Warenkörben (bzw. Versicherte mit hohem Krankheitsrisiko) versucht der Geschäftsführer hingegen zu meiden, da er bei diesen Kunden seine Ware unter Einstandspreis verkaufen muss, was für den Supermarkt existenzbedrohend ist.

Warum sollte für Krankenkassen nicht gelten, was heute für jeden Supermarkt selbstverständlich ist? Jeder bezahlt für seinen Warenkorb den entsprechenden Wert bzw. den vollen Preis aller eingekauften Artikel. Für jemand, der ein höheres Krankheitsrisiko hat, ist das Leistungsversprechen der Krankenkassen wertvoller als für jene, die praktisch nie Gesundheitsleistungen beanspruchen. Daher gehen individuell abgestimmte Preise bzw. Krankenkassenprämien grundsätzlich in Ordnung. Die Solidarität zwischen Gesunden und Kranken gälte weiterhin, aber neu nur noch pro Risikogruppe. Es darf natürlich niemand gezwungen werden, Daten offenzulegen, die eine Einschätzung über seine individuellen Gesundheitsrisiken ermöglichen. Es spricht aber nichts gegen eine freiwillige Selbstdeklaration. Eine sozialpolitische Intervention via Prämienmanipulation drängt sich nicht auf, da bei Weitem nicht alle Personen mit erhöhtem Gesundheitsrisiko finanziell bedürftig sind. Gezielte Unterstützungen für die Armen machen mit Sicherheit mehr Sinn. Ich hoffe, hiermit etwas Sachverstand vermittelt zu haben.

So lange es noch mehrere Krankenkassen gibt, ist jeder einzelne Versicherer daran interessiert, seine Krankenkassenprämie so gering wie möglich zu halten, da er sonst von Wettbewerbern ausgestochen wird. Dem Krankenversicherer stehen zwei Hebel zur Verfügung, um seine Prämie so gering wie möglich zu halten: Senkung der Verwaltungskosten und Aushandlung besserer Konditionen mit den Leistungserbringern im Gesundheitswesen. Erst wenn es nur noch eine einzige Krankenkasse (Einheitskrankenkasse) gibt, können die Kosten einfach an die Prämienzahlerinnen und Prämienzahler weitergereicht werden, da sie ja nun nicht mehr davonlaufen können. Der ständige Anreiz, Verwaltungskosten einzusparen fiele im Übrigen auch weg. Aus diesen Gründen ist die Einheitskrankenkasse so ziemlich das Dümmste, was man politisch fordern kann, um die Kosten im Gesundheitswesen in den Griff zu kriegen.

Die von mir eingebrachte Verbindung zum Mittelalter ist möglicherweise nicht ganz korrekt. Als Historikerin können Sie – Frau Ziltener – diese Sachlage sicher besser beurteilen als ich. Umgekehrt kann ich als Ökonom mit Sicherheit sehr gut beurteilen, unter welchen Bedingungen Märkte optimal zu Gunsten der Marktteilnehmer (insb. der Versicherten) funktionieren und wann nicht. Unser Gesundheitswesen hat diesbezüglich noch sehr viel Verbesserungspotenzial.

3 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Krankenversicherung»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production