Die Presse ist die grösste Wahlverliererin

Wie haben doch alle aufgeheult vor einem Jahr, als das ungarische Parlament eine scheinbare Pressezensur beschlossen hat. Kennen wir den Gesetzestext im Detail? Wissen wir im Detail worum es geht? Ich als Ungare habe den Text gelesen und unserer Journaille würde ein solches Gesetz gut tun. Es wurde den Journalisten in Ungarn lediglich verboten, Pressetexte der Regierung verfälscht wiederzugeben. Nein was für eine extreme Pressezensur! Kein Mensch in unserem Land kann überprüfen was im Ausland wirklich entschieden wird. Genauso läuft es aber in unserer doch so freien Schweizerischen Presselandschaft ab. Noch schlimmer: Die hiesige Presse zensuriert sich gleich selbst.

Haben Sie während den letzten Tagen auch Zeitungen gelesen? Jeden Tag eine Blocher oder SVP-Geschichte. Wäre die SVP so schlimm, würde die Presse wohl kaum eine Zeile für diese ganz schlimme Partei verschwenden. Wer ist der grösste Inseratenzahler in der schreibenden Presse? Klar! Die SVP! Die Presse prostituiert sich und bekämpft gleichzeitig ihren Brotgeber in dem sie uns im Glauben lässt, die SVP ist keine Lösungspartei (abgesehen davon ist sie es auch nicht). Andersherum bei den Abstimmungen betreffend Personenfreizügigkeit: Ich habe mir die Mühe genommen und in der Berner Landesbibliothek sämtliche Presseartikel durchgesehen. Wer war der grösste Inseratenzahler während der Abstimmungskampagen? Na wer wohl? Die Wirtschaft! Kein einziger kritischer Bericht kam in Zeitungen gegen die Personenfreizügigkeit. Die Presse ist unglaubwürdiger als die SVP, die Lega und die Schweizer Demokraten zusammen. Kein Wunder gehen die Abozahlen zurück aber auch da betrügen uns die Zeitungen. Sie halten die Leserzahlen einfach künstlich hoch indem sie sogenannte Ausschusszeitungen drucken (die nur nebenbei).
Haben Sie in diesem Wahlkampf einmal einen wirklich guten, durchdachten analytischen Wahlbericht gelesen? Haben sie einmal nur eine Würdigung der letzten Legislatur lesen können? Was hat unser Schweizer Parlament geleistet? Nun ja, vielleicht mag die Abwahl Blocher’s eine Wahnsinnsleistung gewesen sein oder die Verzögerung der Minderinitiative oder vielleicht die Änderung der BILLAG-Zahlungen. Aber was hat das Parlament für uns getan? Für uns alle? Ich sage es ihnen: Im Grunde gar nichts. Wir sind nicht weiter als vor vier Jahren. Wo sind die bissigen Kommentare der Chefredakteure? Wo sind die analytischen Hintergrundberichte? Wo ist überhaupt die Presse? Es wäre die Chance gewesen für jede Zeitung, sich einmal nur, vom Mainstream abzuheben und ihrer Zeitung ein eigenes Profil geben zu können. Die Presse hat versagt und deshalb: Kündigung meines Abos und damit habe ich gar nichts verloren. Schlimmer noch. Ich muss für ein Schweizer Fernsehen und Schweizer Radio Gebühren zahlen obschon ich schon vorher weiss: Dieses Fernsehen ist fokussiert gegen die SVP. Roger de Weck hat mir als Zahler einen Bärendienst erwiesen. Ich will informiert sein, ich will wissen welcher Parlamentarier was, wo und wie denkt. Ich will für die Zukunft der Schweiz eine rudimentäre Gesamtbilanz der politischen Arbeit. Hat dies mir die SRG geliefert? Nein! Für die beinahe 500 Franken jährlich erwarte ich von einem Staatsfernsehen etwas anderes. Nun gut, das Staatsfernsehen wird von den Parlamentariern getragen die sonst nichts geleistet haben – die gesamten vergangenen vier Jahre nicht. Wir werden nicht gescheiter und auch nicht besser. Die Presse ist es, die ihre Wahlen verloren haben in dem sie als vierte Staatsmacht ihre Aufsicht kläglich vernachlässigt haben. Und jetzt erinnere ich an den Ruf von Frau Sonja Hasler während der Arena auf dem Bundesplatz: „Am Schluss ist immer die Presse schuld!“ Ja Frau Hasler, das ist sie, für das bezahle ich euch auch!

19 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Wahlen»

zurück zum Seitenanfang
  • Copyright © Politnetz AG 2009–2017
  • Impressum
Release: production