Wodurch ist unsere Heimat wirklich bedroht? Die SVP kämpft gegen Masseneinwanderung und lenkt damit vom wahren Problem ab: schwindende Solidarität im Inneren!

Ralf Dahrendorf, der bis zu seinem Tod am 17. Juni 2009 wohl einflussreiche Soziologe und Verfechter des ‘liberal mind‘, kam zur Erkenntnis, dass diese Gesellschaft zunehmend in zwei Welten zerfalle. Ein wachsendes Unten stehe einem wachsenden Oben gegenüber. Denn zeitgleich mit Armut steige der private Reichtum und damit steigt auch die Armut der öffentlichen Hand. So, dass es weniger öffentliche Wohlfahrt für die privaten Nicht-Wohlhabenden und Armen gibt.
Leider heizen wir diesen Trend noch an. Wir sind froh, wenn wir weniger Steuern zahlen müssen und nehmen die in den letzten Jahren beschlossenen Steuersenkungen gerne an. Wir lassen Umzonungen zu, z.B. um Industrie anzusiedeln und eine auf Wirtschaftsinteressen und damit auf privaten Reichtum ausgerichtete Steuerpolitik mit integriertem Steuerwettbewerb, um möglichst viele gute Steuerzahler in die eigene Gemeinde zu locken. All dies brachte aber bei weitem nicht die erhofften Einnahmen für die Gemeindekassen. Wir erleben zunehmend einen massiven Abbau von staatlichen Leistungen in verschiedenen Bereichen, was vor allem auf den Land spürbar wird: wir haben die heute bekannten Geldnöte der Gemeinden und wir beklagen zusätzlich die Zersiedelung der Landschaft und den Verlust von Landwirtschaftsland. Mit unmässigen Steuergeschenken und den Unternehmenssteuerreformen, welchen die Mehrheit der Bevölkerung zugestimmt- und damit ein paar wenigen ein Riesengeschenk gemacht hat, wurden und werden weiter dringend benötigte Einnahmen in den Sand gesetzt. Die neu geschaffenen Arbeitsplätze in Ehren, aber die Beschäftigten wohnen nicht in der Standortgemeinde der Firma und zahlen ihre Steuern anderswo. Schlussendlich fehlt das nötige Geld, um eine anständige Pflegefinanzierung zu gewährleisten oder um die Strassen zu unterhalten, auf denen die Gewerbetreibenden genauso wie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fahren.
Doch ist das ein Thema im Wahlkampf? Neuerdings zelebrieren weit mehr Parteien als nur die SVP das „Schweizertum“ und propagieren die Liebe zur Schweiz. Heimatgefühle zu wecken, das Hergebrachte und Bekannte als schwer bedroht dazustellen - mit schwarzer Symbolik auf rot-weissem Grund - das spricht grosse Teile der Bevölkerung an. Konkrete Ängste werden geweckt, die im dargestellten Ausmass zwar unrealistisch sind, dennoch verkaufen sich diese Ängste offenbar sehr gut. Sie rütteln den gleichgültigen Teil der Masse aus seiner Behäbigkeit und stellen die Heimat und das gewohnte Leben als zur Hauptsache durch die Masseneinwanderung bedroht dar. Dies, obwohl von der zunehmenden Armut der öffentlichen Hand, vom „Solidaritätsverlust bei den Steuern“, gerade in ländlichen Gegenden wie dem Wiggertal oder dem Entlebuch sehr viel mehr Menschen unmittelbarer und massiver betroffen sind, als durch die Zuwanderung.
Leider verkürzen die Parteien den Heimatbegriff im Wahlkampf ziemlich stark und bleiben den Wählerinnen und Wählern eine Begriffsdefinition schuldig. Willi Ritschard definierte dies bei seiner 1. August-Ansprache 1978 folgendermassen:

„Heimat hat nicht einfach nur mit Geschichte, mit Grenzen oder mit einem politischen System zu tun. Heimat ist etwas Persönliches. Es ist die Gewissheit, zu jemandem zu gehören. Mitglied einer Gemeinschaft zu sein. Einer Gemeinschaft, auf die man sich verlassen kann, die einem schätzt und die keinen fallen lässt. Es ist das Gefühl, verstanden zu werden. Die Verpflichtung der Gemeinschaft gegenüber dem einzelnen kommt in der Sozialgesetzgebung des Staates zum Ausdruck. Indem wir gemeinsam unseren alten und invaliden, oder auch sonst bedrängten Mitbürgerinnen und Mitbürgern eine gesicherte Zukunft garantieren, verteilen wir auch Freiheit.“

Leider sind diese sozialen- und daher nicht direkt sichtbaren Aspekte unserer Heimat durch die momentan zu wirtschaftsfreundliche Steuerpolitik sehr viel stärker bedroht als durch eine Zuwanderung, die wir nicht nur im Hightech-Bereich sondern auch in den Spitälern und der Pflege sogar dringend benötigen. Dank flankierenden Massnahmen lassen sich die befürchteten Auswüchse reduzieren und dank der Personenfreizügigkeit hat auch unsere Jugend Zukunftschancen und Verdienstmöglichkeiten im umliegenden Ausland. Leider wird auf diesen totalitär gestalteten Plakaten befohlen, wen zu wählen- respektive was wir freiheitsliebende Schweizerinnen und Schweizer abzulehnen haben. Ich selber halte es deshalb mit Ralf Dahrendorf:

"Grenzen schaffen ein willkommenes Element von Struktur und Bestimmtheit. Es kommt darauf an, sie durchlässig zu machen, offen für alle, die sie überqueren wollen, um die andere Seite zu sehen. Eine Welt ohne Grenzen ist eine Wüste; eine Welt mit geschlossenen Grenzen ist ein Gefängnis, die Freiheit gedeiht in einer Welt offener Grenzen."

Am 23. Oktober haben wir die Möglichkeit, die Zusammensetzung des Parlaments zu bestimmen und damit aktiv auf das Wohlergehen der Heimat Einfluss zu nehmen – also auf die Dinge, die uns nicht gleichgültig sind.

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