Umverteilung verso Wachstum - Warum Wirtschaft "sein muss" und nicht mehr "wachsen" darf.

Ess-/Brechstörungen gelten als Krankheit. Ein Blick auf Wikipedia verrät leider nicht, wie alt dieses Phänomen ist. Vermutlich ist es eher neueren Datums.

Diese Krankheit ähnelt der globalen Wirtschaft, die wir heute Globalisierung nennen und die sich verhält wie ein junges Mädchen, das sich als Modell auf dem Catwalk präsentieren will.

Fressattacken lösen Kotzattacken ab, man weiss gar nicht mehr, soll man sich auf das Kochen konzentrieren oder die Sauerei im Badezimmer beseitigen? Für beides bleibt eigentlich so richtig keine Zeit mehr. Wir hetzen von einem Ereignis zum anderen.
So verhält es sich auch als individuelle Wirtschaftseinheit, sprich als Arbeitskraft. Soll man sparen für eine grössere Investition oder für die Überbrückung der nächsten Phase der Arbeitslosigkeit? Für beides reicht es einfach nicht oder man ist bereit, Risiken auf sich zu nehmen. Das bedeutet dann die Formel: für kommende Schulden sparen oder sich mit dem eigenen Fatalismus abfinden?

Was es sicher nicht bedeutet, ist "wettbewerbsfähig" zu bleiben. Wie denn auch, wenn man nicht mehr weiss, was richtig ist, wohin die Reise geht.
Wer nicht mit Geld Geld verdienen kann, ist vom herrschenden Wirtschaftssystem entkoppelt und verliert damit die Basis der sicheren Existenz. Der Prozess der Entfremdung beginnt.

Die SP Schweiz hat rechtzeitig vor den Wahlen als einzige Bundesratspartei ein Wirtschaftsprogramm vorgelegt, das Perspektive vermittelt und versucht all jenen einen Boden zu geben, die fürchten einen solchen unter den Füssen zu verlieren.

Der Mangel dieses Papiers besteht aber darin, dass man davon ausgeht, dass Wirtschaftswachstum zu den unumstösslichen Wahrheiten des Wirtschaftens gehört. Aber genau dieses immer mehr vom Gleichen ist es, was dazu führt, dass sich Wirtschaften und Arbeiten voneinander entfernen, dass das eine nichts mehr mit dem anderen zu tun hat. Denn wer wirklich arbeitet, einer geregelten Arbeit nachgeht und Kraft seiner Hände und seines Hirns echte Mehrwerte erzeugt, erkennt nun seit Jahren, dass am Ende des Jahres weniger übrig bleibt als im vorigen Jahr. Aus Angestelltensicht gibt es also gar kein Wirtschaftswachstum, denn mit Arbeiten verliert man Geld, sprich an Kaufkraft.

Auch wir Mittelstands-SchweizerInnen lernen also, Jahr für Jahr mit weniger auszukommen. Das angestrebte und erzielte Wirtschaftswachstum geht also am einzelnen Individuum vorbei, es fällt anderswo an. Zu welchem Nutzen eigentlich? Sicher nicht für die Staaten, denn die Verschulden sich bekanntlich auch immer mehr. Aber offensichtlich fällt Wachstum bei jenen an, die schon sehr viel besitzen. Ein Bill Gates zum Beispiel soll im letzten Krisenjahr mehr als 6 Mia. Dollar reicher geworden sein. Und dies, obwohl er gar nicht mehr arbeitet.

Man könnte also fragen, was passieren würde, wenn sich die Staaten nicht mehr verschulden, die Angestellten nicht weniger zum Leben hätten und die Superreichen nicht reicher würden. Bliebe dann alles beim Alten?

Oder gäbe es eine Umverteilung des erwirtschafteten Reichtums hin zu den Ärmsten der Welt? Würden dann die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer viel schneller wachsen als der Westen, weil der Westen nicht mehr wachsen müsste und somit zum Beispiel fairere Preise zahlen könnte?

Käme es dann zu einer wirklichen Globalisierung im Sinne von: die Herstellung eines Paar Schuhe kostet in der Schweiz genauso viel wie in China, in Südafrika oder in Brasilien? Es würde dann nicht mehr dazu kommen, dass die Produktionen von einem Kontinent zum anderen und von einem Land zum nächsten verschoben werden müssten. Käme es dann nicht dazu, dass ein Paar Schuhe wieder so solide würden, dass sie mehr als einen Sommer halten könnten oder gleich auch noch ein paar Winter dazu? Würden Schuhe so produziert, dass sie solide wären, würden wir dann nicht nur nicht die Welt ausbeuten, sondern auch die Arbeitskräfte nicht mehr?
Wenn ein paar Schuhe so designet würden, dass sie die Welt weniger verschmutzen und gleichzeitig auch nach drei Jahren noch ansehnlich und bequem wären, wäre da dann immer noch Wirtschaftswachstum nötig?

Wenn wir weniger Schuhe kaufen müssten und nur das essen würden was wir auch wirklich vertragen, würde dann die "Zivilisationskrankheit" Ess-/Brechsucht verschwinden und am Ende des Jahres noch Geld übrig bleiben, das wir für später sparen könnten? Zum Beispiel für die Zeit der Pensionierung, um die wegen verzockter Pensionskassengelder sinkenden Renten ausgleichen zu können?

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