Selbstmord der Märkte durch Unternehmenskonzentration!

Der Stachel des Profits mag Produktivität und Wachstum, Erfindungsgeist und Neuerung befördern, wo keiner stark genug ist, Preise und Umfang des Angebots zu diktieren, wo Zulieferer und Abnehmer sich auf gleichem Level begegnen, wo Eigentum in jenen Schranken bleibt, in denen es nicht politische Macht gebiert, wo starke Sozialgesetze Kostensenkung zu Lasten der Beschäftigten und starke Umweltauflagen Raubbau verhindern. Wo all diese Bedingungen erfüllt sind, mögen private Unternehmen zum Vorteil der Allgemeinheit wirken, weil Smiths unsichtbare Hand ihre Entscheidungen lenkt. Aber wo, bitte sehr, sind im heutigen Kapitalismus diese Bedingungen erfüllt?

Wann immer ein neuer Markt entsteht oder ein vormals staatlich regulierter geöffnet wird, erleben wir den gleichen Zyklus. Ist das nötige Kapitalminimum nicht zu hoch und gilt der Markt als wachstumsträchtig, grassiert zunächst das Gründer-Fieber. Neue Unternehmen drängen ans Licht wie Pilze nach einem warmen Herbstregen, grosszügig mit Geld versorgt durch Börse und Banken, die an den Emissionen kräftig mitverdienen. Bald fallen branchenweit die Preise, Privatisierung und „Liberalisierung“ scheinen ihre Wirkung zum Wohle der Verbraucher zu entfalten. Ist die Konkurrenz heftig und ungezügelt, werden die Güter streckenweise unterhalb der Produktionskosten angeboten. Jetzt schreiben alle Verluste, die Grossen allerdings immer noch weniger heftig als die Kleinen, weil sie in der Regel billiger produzieren können. In dieser Phase wird von Reserven gelebt, uns je grösser die Kapitalbasis eines Unternehmens, desto grösser seine Chance, die Durststrecke zu überdauern. Bald verschwinden die ersten Kometen wieder vom Himmel. Übrig bleiben am Ende wenige Giganten, die fortan den Markt beherrschen. Dann steigen auch die Preise wieder, weit über das Niveau der Kostendeckung und in der Regel auch weit über das Niveau, das sie vor Privatisierung und Öffnung hatten.

Eine Datenbank des Unternehmensberaters A.T. Kearney, die 27'000 Unternehmen aus 24 Branchen in 53 Ländern erfasst, bestätigt für alle den gleichen Zyklus. Der Marktanteil der drei grössten Branchenfirmen, der am Beginn oft unter einem Fünftel lag, stieg im Laufe der Zeit auf über 80 Prozent. Die Zeit, die er dafür brauchte, unterschied sich je nach Branche, das Ergebnis nicht.

Dass Privatisierungen kommunale oder staatliche Monopole direkt durch private ersetzen, ist auch dann die wahrscheinlichere Variante, wenn Branchenriesen im Ausland bereits existieren und nur auf die Chance zum Einstieg warten. Aber gleich, ob im Ergebnis eines Zyklus oder ohne diesen Umweg: Je konzentrierter am Ende der Markt, desto höher die Preise, desto geringer daher der Absatz in Stück oder Leistung, den die zahlungsfähige Nachfrage aufnehmen kann, desto geringer aber damit auch Produktion und Beschäftigung, die für die Konzerne der betreffenden Sparte lohnen und die sie folglich betreiben. Denn ihr Ziel ist nicht Produktion, sondern Rendite. Ihr Ziel ist nicht Befriedigung des Bedarfs, sondern optimale Versilberung der zahlungskräftigen Nachfrage.

Tausend Exempel sprechen gegen die Lüge, dass die private Hand Leistungen und Güter preiswerter erstellt als die öffentliche, dass sie achtsamer, naturverträglicher oder verbraucherfreundlicher agiert. (Nach S. Wagenknecht, Kapitalismus im Koma, „Selbstmord der Märkte“, 2003).

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