Die UBS: der systemimmanente Sündenfall, zu viele Gereimtheiten und eine perfekte Story

Zugegeben, ich bin ein Meisterleser des guten Krimis, aber ich bin kein Verschwörungstheoretiker, das sicher nicht. Doch der Plot, den man uns gestern präsentiert hat, der ist einfach zu perfekt, zu geglättet, um wahr zu sein. Verblüfft hat mich das "Bieler Tagblatt" mit einer ganzen Seite proppenvoll mit Fakten und Tatsachen rund um diesen 31-jährigen Mann, der nicht nur 2 Mia. verzockt haben soll, sondern der verantwortlich ist für einen über 10%-igen Kurssturz der UBS-Aktie.
Klar, ich weiss, dass das "Bieler Tagblatt" weder Zeit noch die nötige Cleverness hat, um von Mittwoch, ab 16 Uhr bis Freitagnacht bis Druckbeginn eine derart ausgeleuchtete Reportage bis in die letzte hinterste Ritze über eine Verhaftung in London zu bewerkstelligen. Ich glaube auch nicht, dass es der Tamedia-Verbund war, der das "Bieler Tagblatt" mit solchen "Mantelgeschichten" beliefert. ich glaube etwas ganz anderes.

In der Schweiz galt bisher die Unschuldsvermutung bis hin zum Richterspruch. Der Pranger wurde mit der Etablierung des Rechtsstaat abgeschafft. Offenbar nicht so bei den sklavenhaltenden Angelsachen, die irgendwo im Mittelalter stecken geblieben sind mit ihrem Talkpulver eingenebelten Perücken geschmückten Rechtssystem.
Wird bei uns jemand verhaftet, der sich sogar selber zur Anzeige gebracht hat und nicht einmal ertappt oder aufgeflogen war, bleibt dessen Namen, Herkunft und Familienbeziehungen und sogar auch dessen Hautfarbe unerwähnt.
Warum wir schon einen Tag nach der Arretierung den Namen, die soziale Stellung, die Herkunft, die Schullaufbahn und sogar ein Bild eines grinsenden Täters zu sehen bekommen, widerspricht sämtlichen Standesregeln des Journalistenberufes in der Schweiz. Ein Fall für den Presserat ist der Vorgang auf alle Fälle.

Wieso ist es wichtig zu wissen, dass es sich um einen afrikanischen Botschaftersohn handelt? Welche niederen Instinkte werden hier abgeholt und warum? Wieso muss der Täter nicht nur eine Blitzkarriere als Gelddealer gemacht haben, ein Schnelldenker sein, der dazu noch ein IT-Crack ist und millionenschwere Software austricksen kann? Welche Rolle spielt es, dass der Vater ein UNO-Mitarbeiter ist? Wieso müssen wir wissen, dass der vermutliche Täter Champagner an seine Nachbarn verteilt, wenn es in seinem Luxusappartement einmal zu verlängerten Parties gekommen ist?

Wie gesagt, ich liebe es, Krimis zu lesen, besonders solche mit intelligenten Plots. Wir haben es hier mit einem sehr schlauen Plot zu tun, einen viel zu guten für die Realität, insbesondere einen zu properen für die Fiktion. Wir haben es mit 100%iger Sicherheit mit Manipulation zu tun.

Ich frage mich, ob ich auch grinsen würde, wenn ich von einer Batterie Polizisten in Handschellen abgeführt und dem Publikum vorgeführt würde und nicht gewiss wäre, dass ich jetzt zwar eine handvoll Jahre ins geheizte Staatshotel müsste, danach aber mein Leben lang ausgesorgt hätte?
Unser Verdächtige grinst, nicht weil er ein Opfer ist, sondern ein bestellter Täter. Er weiss, dass er ohne Anstrengung all die Klischees verkörpert, die man über einen gescheiterten Gentleman-Zocker so mit sich herumträgt. Dass er blitzgescheiter Ghanaer ist, schwarz und erst noch ein Sohn eines UNO-Diplomaten, möglicherweise noch einer von Kofi Annans Gnaden, ist für die Krisen-CaseManager der UBS - oder soll ich mich versteigen und sagen: Profi-Storyteller in der Kommunikationsabteilung? - ein absoluter Glücksfall.

Dieser Brocken, der gut und gerne noch 10 Tage Schlagzeilen abgeben und von den eigentlichen Tatbeständen und Tatverdächtigen ablenken wird, ist einfach zu konstruiert.
Journalisten, Polizisten und Politiker sind jetzt gefordert, nicht nur den Schleier zu lüften, sondern das ganze potemkinsche Dorf zu stürmen, die Kulissen niederzureissen und Larven von den Fratzen zu reissen.

Das Drama hat erst begonnen.

15 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.