Mit Minimallöhnen gegen die Produktivitätslegende!

Warum wird ein immer grösserer Teil der Bevölkerung wirtschaftlich an den Rand gedrängt? Weil ein schlecht gemanagter Sozialstaat den Geringqualifizierten das Recht auf Arbeit raubt. Wenn die SVP am liebsten das Arbeitslosengeld ganz streichen würde, betreibt sie nicht profitmaximierende Interessenpolitik, sondern engagiert sich für das Recht auf Arbeit. Zur Begründung dieser Art von Argumenten haben Ökonomen eine eigene Theorie kreiert, die „Grenzproduktivitätstheorie“ der Verteilung. Unternehmer stellen Arbeiter so lange ein, bis das Grenzprodukt des zuletzt Eingestellten seinem Lohn entspricht. Zusammen mit der Annahme sinkender Grenzerträge lässt sich daraus der beliebte Schluss ableiten, dass bei niedrigen Löhnen insgesamt mehr Leute Beschäftigung finden als bei hohen.

Die überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit gerade bei weniger Qualifizierten wiederum wird von bürgerlicher Seite damit begründet, dass die „Produktivität“ dieser Menschen generell niedrig sei und der durch gewerkschaftliche Kämpfe festgeschriebene bzw. über das Sozialhilfeniveau gesetzte Mindestlohn oberhalb dieser „Produktivität“ liege. Die heutige Form der Sozialhilfe zerstöre den Arbeitsmarkt für Geringqualifizierte. Ein Unternehmer wäre dumm, wenn er einem Sozialhilfeempfänger so viel bezahlen würde, dass sich für diesen das Arbeiten lohnt. Wegen dessen niedriger Produktivität würde er mehr kosten als erwirtschaften. Auf den ersten Blick klingt das sogar schlüssig. Löhne, die ein bestimmtes Limit nicht unterschreiten können, verhindern Produktion und verursachen Arbeitslosigkeit.

Tatsächlich beruht dieser Schluss auf der Suggestion, monetäre Werte würden unmittelbar und ungebrochen physische Mengenverhältnisse zum Ausdruck bringen. In Bereichen höherer Produktivität würde eben real mehr produziert als in solchen, in denen die Statistik geringere Produktivität ausweist. Aber physisch sind zum Beispiel Erdbeeren (Niedriglohnsektor) nicht mit Antivirenprogrammen (Hochlohnsektor) vergleichbar. Es gibt kein einheitliches Mass und also auch kein Mehr. Die Produktivität kann am Umsatz pro Beschäftigten gemessen werden. Der aber ist abhängig vom Preis des Produktes und der Preis wiederum wird entscheidend durch die Kosten bestimmt. Hier beisst sich die Katze in den berühmten Schwanz, denn ein Teil der Kosten sind eben die Löhne. Will heissen: Die statistisch gemessene Produktivität pro Beschäftigten ist in gewissen Bereichen gerade deshalb niedrig, weil die Löhne es sind. Wird die geringe Produktivität dann wieder zum Vorwand, um den Druck auf die Löhne zu verstärken, entsteht eine Abwärtsspirale, die die Verteilungsrelation zwischen Gewinnen und Arbeitseinkommen immer stärker zugunsten der ersteren verschiebt. Nur mit Minimallöhnen kann verhindert werden, dass eine solche Abwärtsspirale in Gang kommt. (Nach S. Wagenknecht, Kapitalismus im Koma, „Produktivitätslegende“ 2003).

1 Kommentare


Diskutieren Sie mit!

Bei Politnetz legen wir Wert auf einen konstruktiven Austausch. Bitte bleiben Sie beim Thema und respektieren Sie andere Personen. Lesen Sie unsere Diskussionsregeln.


Mehr zum Thema «Lohn»

zurück zum Seitenanfang